Montag, 11. Dezember 2017

16. Dezember 2015 13:01 Uhr

Infraschall

Wie gefährlich ist der Schall von Windrädern für die Gesundheit?

Windräder werden für die Energiewende immer wichtiger. Doch Kritiker warnen vor tiefen Geräuschen – dem Infraschall. Er ist unhörbar, soll aber krank machen. Was steckt dahinter?

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Mit der Energiewende entstehen immer mehr Windräder.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Archiv (dpa)

Tritt die Familie Reiter vor ihr Haus, braucht sie nur über die Wiese zu gehen, um zu sehen, wie weit der Bau der Windräder fortgeschritten ist. Marlies Reiter wohnt mit ihrer Familie in einem Ortsteil von Zusmarshausen im Kreis Augsburg. Der Scheppacher Forst ist nah. In dem großen Waldgebiet, das vorher im Landschaftsschutzgebiet gelegen sei, entstehen derzeit acht Windräder – nördlich der A8. Bisher stehen nur Stumpen, am Ende werden sich auf den insgesamt rund 200 Meter hohen Anlagen die Rotoren drehen. Das nächste Windrad liegt dann rund zwei Kilometer von ihrem Einfamilienhaus entfernt, berichtet die Familie. Und sie fürchtet, dass nichts Gutes auf die Region zukommt, wenn die Windkraftanlagen mit der Stromproduktion beginnen.

Zusammen mit rund 35 Mitstreitern aus den Orten in der Umgebung hat die Familie Reiter gegen die Windräder gekämpft, Fragen gestellt, Unterschriften gesammelt. Rund 2500. Viele Argumente sprechen aus ihrer Sicht gegen den Bau. Der seltene Rotmilan lebt in der Nähe, der Scheppacher Forst dient als Erholungsgebiet, im Winter kann sich an den Rotoren Eis bilden und in die Umgebung geschleudert werden. Marlies Reiters Sohn Stephan Reiter, 31, bezweifelt, dass die Anlagen überhaupt rentabel betrieben werden können. Zu gering sei der Windertrag dem offiziellen bayerischen Windatlas zufolge. Und Marlies Reiter treibt noch ein anderer kritischer Punkt um: Infraschall.

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Fast überall, wo sich Bürger gegen den Bau neuer Windräder stemmen, ist Infraschall ein Thema. Windräder erzeugen tieffrequente, für Menschen unhörbare Schallwellen, welche die Gesundheit der Menschen beeinträchtigen, lautet die Befürchtung. Marlies Reiter teilt diese Sorge. „Wir werden hier über Jahrzehnte keine wirkliche Ruhe mehr haben“, sagt sie. „Unsere Zellen werden den Schall registrieren und darauf reagieren. Da die Schallwellen über Kilometer nachweisbar sind, werden nicht nur Menschen geschädigt, das gesamte Ökosystem wird es auf lange Sicht zu spüren bekommen.“ Was aber steckt hinter dem Phänomen Infraschall?

Infraschall ist für den Mensch nicht hörbar

Einer der schärfsten Windkraft-Kritiker unserer Region ist der Friedberger Allgemeinarzt und praktizierende Osteopath Dr. Johannes Mayer. Jeder Windkraftflügel erzeuge aufgrund seiner Schwingungen bei geringsten Luftbewegungen Infraschall, sagt er. Besonders aber, wenn der Flügel am Mast vorbeirausche, werde viel Infraschall erzeugt. Unter Infraschall verstehe man allgemein Schallwellen unter 20 Hertz, die für die meisten Menschen nicht mehr hörbar seien. Daher das Wort „Infraschall“.

Auch wenn der Schall nicht hörbar sei, werde er von den äußeren Haarzellen im Ohr registriert und als Impuls an das Gehirn übertragen, sagt Mayer. Wie hörbarer Schall löse er eine Stressreaktion aus. Die Folgen von Stress seien bekannt und reichten von Schlafstörungen über Schwindel bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kritische Forscher haben bereits einen Namen für die Beeinträchtigung gefunden: das Windturbinen-Syndrom.

Mayer hat selbst in einer eigenen Studie 17 Anwohner in der Nähe des Windparks in Langerringen bei Schwabmünchen befragt. „Schon nach drei Monaten sind dort die Krankheitssymptome von elf auf 35 Prozent angestiegen“, sagt er.

Dass Infraschall in der Natur vorkommt, zum Beispiel im Meeresrauschen, gibt auch Mayer zu. Allerdings gebe es bei Meeresrauschen immer eine hörbare Geräuschkulisse, an die sich das Gehirn gewöhnen kann. Einer seiner Hauptkritikpunkte ist, dass die Behörden Infraschall nicht messen und deshalb nicht als Gefahr einstufen. Die aktuelle Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm – kurz TA Lärm – würde Infraschall gezielt herausfiltern, unterhalb von acht Hertz werde gar nicht gemessen. „Die Ämter sagen: Was man nicht hört, gibt es nicht – was für ein Irrtum.“

Bernd Huhnt, 68, hat in den letzten Monaten zusammen mit anderen in der Initiative „Bürger für Transparenz und Gerechtigkeit“ gegen die Windräder nahe Dasing im Kreis Aichach-Friedberg gekämpft. Huhnt und seine Frau wohnen in einem Holzhaus in Dasing, Ortsteil Laimering – in rund 1150 Metern Entfernung künftiger Anlagen. Jetzt macht er sich Sorgen um seine Gesundheit. Zum Test habe er diesen Dezember mehrmals unter neun Windrädern im Schwarzwald übernachtet. „Ich bekam Herzstechen, ein Wummern, ich musste sofort weg“, sagt er. „Was wir hier machen, ist ein Irrsinn“, lautet die Schlussfolgerung des früheren überzeugten Grünen-Wählers.

Landesamt: Infraschall nicht schädlich für den Menschen

Infraschall – wird hier eine Gefahr unterschätzt? Die Behörden geben Entwarnung. In Bayern hat sich das Landesamt für Umwelt mit dem Thema auseinandergesetzt und sieht keine Gefahren. „Da die von Windenergieanlagen erzeugten Infraschallpegel in der Umgebung deutlich unterhalb der Hör- und Wahrnehmungsgrenzen liegen, können nach heutigem Stand der Wissenschaft Windenergieanlagen beim Menschen keine schädlichen Infraschallwirkungen hervorrufen“, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 2014. Und wie bewerten Ärzte das Thema?

Dr. Michael Deeg praktiziert als Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Freiburg und ist Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte. „Tatsache ist, dass Windräder einen tieffrequenten Schall abgeben, sie machen Geräusche“, sagt er. Nach allem, was man wisse, sei dieser aber nicht geeignet, Schaden am Ohr zu erzeugen. „Es sind keine gesundheitsschädlichen Effekte bekannt.“ Doch Deeg schließt nicht aus, dass manche Menschen leiden können. „Aus audiologischer Sicht ist bekannt, dass es Menschen gibt, die tieffrequenten Schall wahrnehmen können.“ Sie können ihn als unangenehm und störend empfinden und einen Leidensdruck entwickeln. Deegs eigener Erfahrung nach kann aber bereits eine Erläuterung im Gespräch das Problem lösen, da Ängste genommen werden.

Den Windkraft-Kritiker und Osteopathen Mayer überzeugt das nicht. „Es geht nicht um eine Reaktion im Ohr, sondern im Gehirn – und die ist nachweisbar“, sagt er. Internationale Studien würden zeigen, dass 20 bis 30 Prozent der Anwohner von Windkraftanlagen unter chronischen Störungen leiden.

Dies befürchtet auch Marlies Reiter in Zusmarshausen. „Es wird diejenigen Leute treffen, die schon vorgeschädigt sind“, lautet ihre Prognose. In Laimering ist Bernd Huhnt bereits weiter: „Ich habe mein Haus verkauft, ich ziehe weg“, sagt er. Klein beigeben wollen die Kritiker aber nicht. Eine Verfassungsklage gegen die Windkraft sei in Vorbereitung, kündigt Huhnt an.

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Ein Artikel von
Michael Kerler

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