Donnerstag, 29. Juni 2017

09. Januar 2017 00:33 Uhr

Ausstellung

Zicken und Schafsköpfe

Die Berlinerin Cornelia Schleime nimmt Klischees und Abziehbilder auf die malerische Schippe. Ihre Porträts sind halb Frau, halb Tier, zugleich glänzend und zerfressen Von Günter Ott

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Cornelia Schleime ist kürzlich mit dem Hannah-Höch-Preis geehrt worden. Aus diesem Anlass läuft eine Werkschau in der Berlinischen Galerie (bis 24. April). Dass man in der Augsburger Galerie Noah ihr jüngeres Schaffen entdecken kann, ist eine schöne Parallelität. An die 40 Acrylarbeiten auf Leinen/Leinwand und Tusche-Aquarelle auf Papier/Bütten geben einen Überblick über die Jahre 1999 bis 2014.

Erster Eindruck: Die Wände der Galerie erscheinen – nach den doch sehr lückenhaften Präsentationen der Größen Andy Warhol und Gerhard Richter – wieder „kunst-voll“. Ob „Liz“, „Matrosenmädchen“, „Zofe“, „Brunstbraut“ oder „Hasenfuß“, in all diesen Modell-Porträts verbirgt und offenbart sich die Künstlerin. Cornelia Schleime: „Ja, meine Figuren, das bin ich.“ Das gilt auch für die Manns-Bilder. Die 63-jährige Künstlerin gestaltet Mischwesen von Mensch und Tier, Vogelfrauen und Schafsköpfe, irritierende Maskeraden, an denen Klischees und Rollenmuster abprallen.

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Frauenkunst, Körperkunst, Porträt – in diesem mittlerweile vielfach und fruchtbar bestellten Feld siedelt Schleime. Schon in der Antike galt: Das Äußere spiegelt das Innere. Noch der Philosoph Ludwig Wittgenstein sah im Gesicht die „Seele des Körpers“. Doch diese Koordinaten haben sich längst verschoben, sind dem Spiel mit weiblichen Identitäten gewichen. Das Authentische, Unverwechselbare verliert sich im In- und Gegeneinander von Sein und Schein. Stereotypen und gesellschaftliche Normen, die insbesondere den männlichen Blick auf die Frau determinieren – siehe Schleime-Titel wie „Dummes Schaf“, „Kalte Schulter“, „Alte Zicke“ –, provozieren die (weibliche) Kunst zum schöpferischen Gegen-Bild. Das gilt, trotz unterschiedlicher Ausprägung, für die Fotoinszenierungen einer Cindy Sherman wie für die Kunst der Cornelia Schleime.

Ihre Biografie ist gezeichnet vom Identitätsverlust, von jähen Wechseln. 1953 in Ostberlin geboren, absolvierte sie in den 1970er Jahren eine Friseurlehre, wurde Maskenbildnerin, arbeitete als Pferdepflegerin auf der Vollblutrennbahn in Dresden, studierte Grafik und Malerei, drehte später Filme, war Sängerin einer Punkband, provozierte in Bild und Aktion. Die DDR reagierte mit Ausstellungsverbot. 1984 konnte die Künstlerin endlich nach Westberlin ausreisen. Ihre Kunst (90 Ölbilder, hunderte von Zeichnungen usw.) war verloren. Nicht genug: Sie erfuhr von ihrer Stasi-Bespitzelung – just durch ihren engen Freund und künstlerischen Partner Sascha Anderson (IM „David Menzer“).

Die Bilder in der Galerie Noah gleichen Grenzgängen. Sie verlangen den genauen Blick für die Inszenierungen einer bestechenden Malerin. Wie fällt das Licht? Wie sind Hell und Dunkel/Schwarz gesetzt („Matrosenmädchen“)? Was ist ausformuliert und was rutscht (nach unten) weg, löst sich auf? Man sehe auf die scharf gestellten bzw. verschwommenen Augenpartien, wundere sich über eine markante Halslinie („Der Kehlenhacker“), über seltsam verzogene Münder, disparate Lippen, über äußerst fragile Schaustellungen!

Die Realitätsgrade variieren zwischen Porträt (meist Brustbilder) und Ornament, zwischen markanter Begrenzung und Übergang, spektakulärer Schaustellung und Verzerrung. Der Asphaltlack glänzt, doch Schellack (in Spiritus gelöst) zerfrisst die Bildfläche, legt sich wie ein Aussatz über die Gesichter. An die Stelle von Perfektion und schön-narzisstischer Fassade tritt die Transformation, Klischees (z. B. Schürzenjägerin) werden ins überraschende Bild überführt. Das Augenscheinliche hat seine Abgründe, das Porträt wandelt sich zur Reflexionsfigur.

Cornelia Schleime ist eine souveräne Regisseurin. Sie lenkt den Blick, ohne aufdringlich zu sein, erweist ihr hohes malerisches Können vor allem in farbflammenden Haarschöpfen, im fabelhaft-mythologischen „Kopfputz“. Sie lockt in traumhafte, traumatische Zonen. Einige Bildbeispiele. „Herzfieber“: Sind wir Zeuge einer Liebesszene oder eines Todesfalls? „Einblicke-Ausblicke“: Wer sitzt hier im Käfig, die Frau oder der Sittich? „Alte Zicke“: Wird hier nicht der männliche Macho-Habitus persifliert? „Zweifelhaftes Verlangen“ (= Titel der Schau): Eine Femme fatale mit schmiegsamer Schlange um den Hals ist ganz verführerischer Blick – und erscheint zugleich als Reflex auf die Schlangenfrau eines Franz von Stuck („Die Sünderin“, 1893). „Ohne Titel“: Ein etwas unsicher lächelndes Mädchen sitzt merkwürdig schräg auf der Schaukel, das eine Auge ist halb geschlossen, die Zöpfe legen sich wie eine Kette um den Leib; ein anrührendes Bild, schwankend zwischen Sehnsuchtsschwung und Fesselung.

Dienstag bis Donnerstag 11 – 15, Freitag, Samstag und Sonntag 11–18 Uhr. Kataloge liegen auf.

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