Mittwoch, 18. Oktober 2017

04. September 2014 17:30 Uhr

Dachau

Selfies im KZ: Das sagt die Gedenkstätte Dachau dazu

Ein Gemeinderat aus Bayern steht in der Kritik, da er lächelnd ein Selfie im Berliner Holocaust-Denkmal geschossen hat. Auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau gibt es solche Fotos.

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Selfies im Konzentrationslager gelten als unpassend - kommen aber oft vor.
Foto: Klaus Blume, dpa

Im Hintergrund ist das Denkmal für die von den Nazis ermordeten Juden zu sehen, vorne lächelt der bayerische Politiker Hermann Ulbricht in die Kamera - für dieses Selfie steht der Gemeinderat aus Rottach-Egern nun in der Kritik. Viele halten solche Handy-Fotos nicht nur für unpassend, sondern auch für respektlos. Doch sie entstehen wohl täglich - auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Die dortigen Mitarbeiter beobachten immer wieder, dass die Menschen vor allem mit der zynischen Nazi-Parole "Arbeit macht frei" im Hintergrund in die Kamera lächeln. "Das empfinden wir als absolut unpassend", sagt die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung, Andrea Riedle. Allerdings könne man diese Selfies nicht verhindern. Bei 800.000 Besuchern im Jahr sei es unmöglich, jedem hinterherzurennen.

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Viele Menschen lächeln bei Fotos automatisch

Vor allem Menschen im jungen und mittleren Alter schießen solche Fotos. "Manchmal sprechen andere Besucher sie dann darauf an, dass das hier nicht angebracht ist", sagt Riedle. Oft bekämen aber nicht einmal Eltern oder Lehrer mit, dass Selfies entstehen.

Die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung betont, dass die unpassenden Bilder nicht überbewertet werden sollten. "Es ist einfach ein Automatismus, in eine Kamera zu lächeln", sagt sie. Wer solche Fotos schießt, könne sich danach trotzdem ernsthaft mit dem Ort und dem Holocaust auseinandersetzen.

Die Mitarbeiter kennen unpassendere Verhaltensweisen

Verbotsschilder gibt es nicht. "Dann müssten wir das Fotografieren generell verbieten", sagt Riedle. Schließlich sei es schwer zu definieren, ab wann ein Foto ein Selfie und ein Gesichtsausdruck ein Lächeln ist.

Mitte September tritt in der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Besucherordnung in Kraft, die Richtlinien für das richtige Verhalten gibt. Auf Selfies bezieht sie sich nicht. "Es gibt schlimmere Verhaltensweisen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen", sagt Riedle. Beispielsweise ließen Souvenirjäger immer wieder Eisenbeschläge von Türen mitgehen.

Außerdem kämen manchmal Besucher mit rechtsradikalen Symbolen auf ihrer Kleidung. Wenn sie diese nicht ausziehen oder auf links ziehen, werden sie des Geländes verwiesen. Solche Maßnahmen müssen Selfie-Fotografen nicht fürchten. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte hoffen allerdings, dass solche Bilder auch ohne Verbote mit der Zeit seltener werden.

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Schlagworte

Dachau

Ein Artikel von
Sascha Geldermann

Augsburger Allgemeine
Ressort: Online-Redaktion


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