Montag, 11. Dezember 2017

07. Dezember 2017 08:56 Uhr

Tourismusbranche

Von Hotel bis Achterbahn: Virtual und Augmented Reality im Tourismus

Das Hotelzimmer ist nicht so groß wie gedacht? Und ohne Meerblick? Oft beginnt der Urlaub mit einer unangenehmen Überraschung - bislang. Dank VR-Brillen lässt sich das ändern.

i

Die Tourismus-Branche setzt verstärkt auf Virtual und Augmented Reality.
Foto: Tourismus Oberstdorf

Die Urlaubsplanung lebt von der Fantasie. Vor dem inneren Augen erscheint zum Beispiel ein traumhaftes Hotel an einem paradiesischen Strand. Doch mit der Wunschvorstellung hat die reale Unterkunft oft wenig zu tun. Das Ergebnis: Enttäuschung. Wie lässt sich das verhindern? 

Das Internet mit Kartendiensten und Bewertungsplattformen stellt ohne Zweifel gute Recherchemöglichkeiten bereit - allerdings gibt es Grenzen. In Zukunft können sich Urlauber fast lebensecht von den Gegebenheiten vor Ort überzeugen. Die Technologien Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) machen es möglich. Sie bieten zum Beispiel virtuelle Inspektionen von Hotelzimmern, einen 360-Grad-Spaziergang durch New York oder computeranimierte Rundgänge auf Kreuzfahrtschiffen.

ANZEIGE

Ist VR die Zukunft des Tourismus?

"VR ist das vollständige Eintauchen in fremde Welten", sagt Kristine Honig, Beraterin beim Unternehmen Tourismuszukunft. Eine VR-Brille ist das gebräuchlichste Gerät dafür: Benutzer werden mithilfe der Brille von der realen Welt abgeschirmt und bekommen Inhalte über Display und Lautsprecher. Die Bewegung in der digitalen Welt und die Interaktion mit dem Raum werden realitätsnah simuliert.

Mittlerweile nutzen viele Reisebüros die Technologie, um Appetit auf den Urlaub zu machen. Thomas Cook zum Beispiel hat insgesamt 880 Büros mit VR-Brillen ausgerüstet. Die 360-Grad-Ansicht ermöglicht viel umfassendere Einblicke in ein Urlaubsziel als Katalogfotos. Mit den Brillen kann sich der Nutzer in alle Richtungen umschauen.

"So kann man im Reisebüro sitzen und durch ein Kreuzfahrtschiff laufen, einen Rundflug über eine Region machen oder sich ein Hotel anschauen", sagt Honig. Für die Vorbereitung einer Reise oder als Inspiration ist das eine große Hilfe. 

Eindrücke per VR können skeptische Kunden überzeugen

"Es bietet die Möglichkeit, eine Reise besser zu erklären", sagt Georg Welbers, Marketing- und Vertriebsmanager bei Thomas Cook. Ein Hotel zum Beispiel lässt sich ganz genau unter die Lupe nehmen, etwa die Zimmeraufteilung oder den Blick vom Balkon. VR funktioniert nicht nur im Reisebüro, sondern auch zu Hause. Die Brillen kosten zwischen 25 und 1000 Euro, je nach Modell und Qualität. 

Bei Thomas Cook Signature und Neckermann Reisen können Urlauber in vielen Hotels ihr Wunschzimmer gegen einen Aufpreis reservieren. Hier etwa ist es sinnvoll, die Zimmer vor der Auswahl über VR zu inspizieren. "Der Kunde kann dabei sehen, dass es beispielsweise im Zimmer 321 einen schönen Blick aufs Meer gibt, aber in 322 der größere Balkon zur Auswahl steht", gibt Welbers als Beispiel.

Eindrücke per Virtual Reality können Reisenden die Skepsis nehmen und ein gutes Gefühl vermitteln, glauben Touristiker. Expertin Honig vermutet, dass Reiseunternehmen damit auch leichter höherwertigere, also teurere Produkte verkaufen können. Beispiel: Eine größere Kabine auf einem Kreuzfahrtschiff wird bei einem virtuellen Rundgang erst richtig erlebbar. Drei Viertel der Touristiker glauben einer Bitkom-Umfrage zufolge, dass es im Jahr 2025 verbreitet sein wird, sich mit VR-Technologien ein Bild vom Urlaubsziel zu machen.

Die Möglichkeiten, VR im Tourismus einzusetzen, scheinen unbegrenzt

Auch eher unkonventionelle Anwendungen sind möglich, und das schon heute. In Köln zum Beispiel sehen Besucher die Stadt auf einer neuen VR-Tour so, wie sie in der Kaiserzeit aussah. Im Legoland Deutschland liefern sich die Gäste in der kommenden Saison auf einer Achterbahn ein virtuelles Rennen gegen Figuren aus der Legowelt, ebenfalls per VR-Brille. Und auf den neuen Expeditionsschiffen von Hurtigruten können Passagiere mit den Brillen Unterwasserdrohnen folgen.

"Während VR den Nutzer virtuell an einen fremden Ort bringt, liefert Augmented Reality kontextbezogene Informationen", erklärt Dirk Schart vom Unternehmen Reflekt, das VR- und AR-Anwendungen entwickelt. Die Idee dahinter: "Häufig suchen wir nach Informationen. AR bringt sie dahin, wo sie gebraucht werden, direkt in die Umgebung." Hier ist der Nutzer nicht durch eine Brille von der Umgebung abgeschirmt. Vielmehr erhält er zusätzliche Infos per Text und Bild auf das eigene Smartphone oder Tablet. Mit dem gezückten Handy vor dem Kölner Dom zum Beispiel sieht der Besucher durch das Display nicht nur den Dom, sondern auch Infos zur Geschichte, Größe und Bauzeit.

Große Aufmerksamkeit für AR erzeugte das mobile Spiel "Pokémon Go", bei dem Anwender in der realen Welt kleine Monster suchen und fangen können - sichtbar sind sie aber nur im Display des Smartphones.

Im Tourismus ist eines der bekanntesten Beispiele Wikitude. Mit der App können Urlauber sich Fakten zu Sehenswürdigkeiten anzeigen lassen. Auch Google hat ein Tool entwickelt. "Google Lens kann Informationen über Plätze, ein Geschäft oder ein Restaurant im Live-Bild der Kamera anzeigen", erklärt Schart. 

Und es geht noch mehr: Laden sich Nutzer die Sprachpakete von Google Translate herunter, übersetzt die App mithilfe der Kamera des Geräts auch eine Restaurantkarte oder eine Wegbeschreibung. Im Display sieht der Reisende die Übersetzung. "Mit Augmented Reality habe ich künftig alles eingeblendet, wann immer und wo ich es brauche", sagt Schart.

Im Kern bleibt Tourismus gleich

Auch im heimischen Wohnzimmer helfen AR-Apps bei der Reiseplanung. Die digitalen Infos können die Angaben aus Reisekatalogen ergänzen. Dafür scannt man mit der App das entsprechende AR-Symbol, daraufhin werden zusätzliche Bilder und Videos angezeigt. "Im Reisekatalog präsentiert sich ein Hotel auf einer halben Seite. Aber natürlich hat man viel mehr zu erzählen", sagt Thomas-Cook-Experte Welbers. Reisende bekommen so einen umfassenderen Eindruck vom Hotel.

In Zukunft bieten sich durch AR schier unbegrenzte Möglichkeiten. So können einem Vegetarier nur vegetarische Restaurants angezeigt werden. Oder ein Kulturliebhaber wird über Wohnorte von Künstlern informiert. Social-Media-Expertin Honig geht davon aus, dass die Anwendung weg von Smartphones und Brillen hin zur Sprachsteuerung geht. Die Informationssuche wird damit noch einmal vereinfacht.

Werden virtuelle Reisen irgendwann den echten Urlaub ersetzen? Das glauben die Fachleute nicht. "Urlaub ist ein interaktives Erlebnis zwischen Menschen. Das lässt sich nicht ersetzen", sagt Welbers. Steven Hille, dpa

i



Alle Infos zum Messenger-Dienst