Freitag, 28. Juli 2017

29. Juli 2015 12:33 Uhr

Bissingen

Schwere Zeiten vor 200 Jahren

 Napoleonische Feldzüge belasteten auch das Kesseltal. Viele Soldaten kamen nicht mehr zurück Von Helmut Herreiner

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Bissingen Die bayerische Landesausstellung im neuen Schloss in Ingolstadt erinnert in diesem Sommer und Herbst an die Zeiten vor rund 200 Jahren, als Kaiser Napoleon Bonaparte, an der Spitze der „Grande Nation“ stehend, weite Teile Europas mit seinen Feldzügen überzog. Dabei spielte auch das Herzogtum Bayern, am 1. Januar 1806 von Napoleons Gnaden zum Königreich erhoben, eine nicht unerhebliche Rolle. Im gleichen Zeitraum wurde auch das Fürstentum Oettingen in das Königreich Bayern eingegliedert. Lediglich der Westteil der ehemaligen Grafschaft Oettingen fiel 1810 an das benachbarte Königreich Württemberg. Noch bedeutender als diese politischen, durchaus einschneidenden und bis heute wirksamen territorialen Veränderungen wirkten sich für die Bevölkerung an dieser neu entstandenen Westgrenze Bayerns die Durchmärsche fremder Soldaten als Folge von Bündnispolitik und Kriegen aus.

Kriegerische Auseinandersetzungen galten damals in Europa als völlig legitimes Mittel der Politik. Davon waren auch das Ries, das Kesseltal und das Donautal in jenen Jahren stark betroffen. Die Region zwischen Nördlingen und Ulm galt als Einfallpforte für Armeen aus Richtung Westen. So verwundert es nicht, dass hier auch im Gefolge der Revolutionskriege nach der Französischen Revolution große französische Truppenkontingente durchzogen, welche die bäuerliche und handwerkliche Bevölkerung alles andere als pfleglich behandelten. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen: Im Sommer des Jahres 1800 riefen die Glocken der Kirche in Unterringingen am 19. Juli 1800 gerade zum Sonntagsgottesdienst, als eine unerwartete Nachricht alle Bewohner des oberen Kesseltales aufschreckte.

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Starke französische Abteilungen der Armee von General Moreau kamen von Amerdingen her und machten in Ober- und Unterringingen sowie Zoltingen Halt, um sich hier einzuquartieren. Die aufs Höchste überraschten Bauern, die schon zum Gottesdienst unterwegs waren, begaben sich schleunigst zurück in ihre Heimatorte, da sie die Fremden nicht ohne jede Kontrolle über ihr Hab und Gut verfügen lassen wollten. Während der gesamten Erntezeit blieben die ungebetenen Gäste hier und forderten hohe Kontributionen. Um diese planmäßig und organisiert eintreiben zu können, nummerierten die Franzosen in den Dörfern im oberen Kesseltal alle Häuser, was damals hier noch nicht üblich war.

Diese Hausnummern wurden später übrigens beibehalten und galten vielerorts im Wesentlichen bis zu der großen Gemeindegebietsreform in den 1970er Jahren. Auch Napoleon selbst weilte nach seiner Krönung zum Kaiser im Jahre 1804 als rastloser Feldherr immer wieder im nördlichen Schwaben, unter anderem in Donauwörth, Nördlingen, Dillingen oder Ulm. Unter den Ortsnamen siegreicher französischer Schlachten, die im Arc de Triomphe in Paris eingemeißelt sind, tauchen auch Wertingen, Neresheim, Guntzbourg (Günzburg) oder Elchingen auf.

Nachdem Bayern unter König Max IV. Joseph die Fronten gewechselt hatte und sich, weg von Österreich, auf die Seite Frankreichs geschlagen hatte, wurden ab 1805 Tausende junge Männer als Soldaten rekrutiert. Das Königreich Bayern musste mehrere Zehntausend Soldaten für die napoleonischen Eroberungszüge stellen. Und von diesen kehrten viele nicht zurück. Auf einer Gedenktafel, die früher über dem Ostausgang der Pfarrkirche in Bissingen hing, waren alleine 16 gefallene oder vermisste Soldaten aus der Pfarrei im unteren Kesseltal verzeichnet. Sie stammten aus Bissingen, Gaishardt, Unterbissingen, Göllingen, Hochstein und Buggenhofen. Fast alle dienten sie im 7. Bayerischen Infanterieregiment. Einige von ihnen ließen ihr Leben in Tirol, Frankreich oder in der Völkerschlacht bei Leipzig. Die Mehrzahl jedoch überlebte den großen Russlandfeldzug des bis dahin unbesiegten Kaisers Napoleon nicht, an dessen Seite sie als bayerische Infanteristen marschierten. An ihrer Seite stand im Jahre 1812 auch eine italienische Armee.

Ein beträchtlicher Teil dieser Armee wiederum, die sich vor dem Beginn des Russlandfeldzuges auf dem Weg nach Sachsen befand, marschierte durch Donauwörth und lag im März 1812 in Bissingen im Quartier. Zwischen 412 und 728 Italiener sind in der Zeit vom 14. bis 17. März 1812 in den Bissinger Akten verzeichnet, die hier Quartier nahmen und verpflegt werden mussten. Im Pfarrhaus logierte sich der Herr Oberst Kommandant mit zwei Bediensteten sowie zwei weitere höhere Offiziere mit einem Diener ein. Der Pächter des fürstlichen Bauhofes, der späteren Domäne beim fürstlichen Bräustüberl, hatte alleine an Kriegskosten 142 Gulden, 14 Kreuzer und 3 Heller in dieser kurzen Zeit gemeldet. Für die Gemeinde Bissingen errechneten sich an Quartierkosten 1602 Gulden 12 Kreuzer und an Naturallieferungen an die verbündeten italienischen Truppen 245 Gulden 15 Kreuzer. Wiederholt mussten auch Wagenfuhren nach Donauwörth gestellt werden. Und nur ein gutes Jahr später waren Bissingen und das Kesseltal erneut von schweren Unkosten für die Verpflegung napoleonischer Truppen betroffen. Der fürstliche Bauhof musste unter anderem Heu, Stroh und Hafer für die Pferde sowie Fleisch, Brot und Bier liefern. Auch das fürstliche Forstamt meldete größere Verluste für Einquartierungen und Lieferungen. 34 Bayern und 243 Italiener waren zu dieser Zeit in Bissingen einquartiert. Und damit nicht genug: Aus Bissingen musste auch noch für die in Donauwörth lagernden Truppen Fleisch, Brot, Bier und Branntwein im Wert von mehr als 211 Gulden abgeliefert werden.

Zur Finanzierung der Truppenverpflegung wurde damals eine eigene Kriegssteuer erhoben, die pro Monat beispielsweise für den Bissinger Pfarrer Franz Xaver Feldle 1 Gulden 14 Kreuzer und für seine Köchin und Magd 6 Kreuzer pro Monat betrug. Was in Bissingen nicht aufgezeichnet ist, kann man andernorts nachlesen: Die fremden Truppen, egal ob Verbündete oder gegnerische Armeen, behandelten die ansässige Bevölkerung oft sehr grob und feindselig. Übergriffe aller Art waren an der Tagesordnung. Auch nachdem der Stern Napoleons unterzugehen begann, gingen die unruhigen Zeiten in unserer Region noch nicht zu Ende. Nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig wurde im ganzen Königreich Baiern die Landwehr organisiert. Alle Männer, die jünger als 60 Jahre waren, wurden dazu eingeteilt. Auch alle Staatsdiener, Geistlichen, Besoldeten und Pensionisten mussten selbst mitwirken oder einen Mann stellen. Nun waren es die alliierten, insbesondere die österreichischen Truppen, die durch Schwaben in ihre Heimat zogen. Und wieder gab es teure Einquartierungen, Lieferungen und Gespann-Fahrten, welche von den Bauern und Bürgern verlangt wurden. Pfarrer Franz Xaver Feldle, ein gebürtiger Dillinger, führte sehr genau Buch und hinterließ wertvolle Aufzeichnungen über die unruhigen Jahre von 1796 bis 1814.

Er schloss im Jahre 1815, vor nunmehr genau 200 Jahren, nach der kurzen Rückkehr Napoleons aus der Verbannung auf Elba mit den Worten, welche Ortschronist Friedrich Hartmann im Gemeindearchiv überliefert hat: „Von allen Seiten strömen nun Truppen (alliierte) herbei; alle Heerstraßen sind voll. Hier durch kamen sehr viele Österreicher. Lieferungen, Quartier, Fuhren sind an der Tagesordnung, und Steuern ohne Ende. Wenn Gottes liebe Vorsehung nicht hilft, so verarmt alles, und Hunger und Schreck ist vor der Tür.“ Wenn auch der nochmalige Herrschaftsversuch Napoleons mit der Schlacht bei Waterloo ein rasches Ende fand, erwies sich der Bissinger Pfarrer doch leider als Prophet.

Der Winter 1816/17 traf die Bevölkerung, die sich von den Kriegslasten noch längst nicht erholt hatte, besonders hart. Schneefälle bis in den April und Mai hinein vernichteten die Wintersaat und schadeten der Sommersaat sehr. Im Voralpenland fiel noch im Juli so viel Schnee, dass das Vieh aus Futtermangel zur Hälfte geschlachtet werden musste. Erst danach hatte die furchtbare Zeit ein Ende, und es begannen etwas bessere Jahre, die jedoch noch lange von drückenden Steuer- und Schuldenlasten und weitgehender politischer Unfreiheit begleitet waren.

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