Mittwoch, 24. Mai 2017

14. Mai 2017 13:06 Uhr

Gesellschaft

Der Hype ums Heiraten: Immer größer, immer perfekter

Hochzeiten werden immer aufwendiger, sie sind heute regelrechte Events. Dabei hält der Bund fürs Leben im Schnitt nur 14 Jahre. Wie passt das zusammen?

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In den nächsten Monaten wird Helmut Promoli wieder viel unterwegs sein. Wird seinen blauen Kastenwagen vor Kirchentoren abstellen, vor Standesämtern oder auf dem Kopfsteinpflaster irgendeines Schlosshofs. Überall dort, wo die Menschen den Tag feiern, der der schönste ihres Lebens werden soll. Promoli wird da sein, um diesen Tag noch schöner zu machen, „unvergesslich“, wie er es nennt. Man könnte sagen, der 53-Jährige aus Leitershofen bei Augsburg verleiht einer Hochzeit eine Extra-Portion Romantik. Dafür braucht er nicht viel, nur zwei weiße Tauben.

Eigentlich ist eine Trauung etwas sehr Intimes

Promoli ist Herr über 100 Hochzeitstauben. Braut und Bräutigam lassen die Tiere nach der Trauung in den Himmel steigen, meistens sind es zwei, manchmal aber auch zehn, 20 oder sogar 50 Tiere, die dann über den Gästen kreisen. Es ist mittlerweile eine Art Ritual, beliebt bei Hochzeitspaaren, umstritten bei Tierschützern. Promoli trägt währenddessen ein Gedicht vor, es geht um Liebe, Treue, Reinheit. Natürlich, sagt er beim Gespräch in seinem Garten und schnipst mit den Fingern, geht es auch um die Show. Darum, dass die Gäste sagen: „Boah, was ist das für eine tolle Hochzeit.“

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Eine Trauung ist eigentlich etwas sehr Intimes. Zwei Menschen, die sich versprechen, ihr Leben miteinander zu verbringen. Es ist nicht neu, dass es dabei auch um das Drumherum geht, ein hübsches Kleid, ein gutes Essen. Aber heute, so scheint es, reicht das vielen Paaren nicht mehr. Die Hochzeit muss perfekt sein, ein Ereignis, das niemand so schnell vergisst.

Natürlich gibt es noch immer viele Paare, die nur im kleinen Kreis heiraten, zwei Trauzeugen, Eltern, Geschwister. Die nach der Trauung zu Hause feiern, das Vereinsheim am Ende der Straße mieten oder ein Restaurant im gleichen Ort. Aber der Trend weist in eine andere Richtung. Immer öfter wirken Hochzeiten so, wie man sie früher nur aus dem Fernsehen kannte: meisterhaft inszeniert. Gutshof statt Gaststätte, Donut-Bar statt Donauwelle. Mit Bildern, die ein bisschen so aussehen, als gehörten sie in den Prospekt des Deko-Ladens Depot.

Der perfekte Tag am perfekten Ort hat allerdings seinen Preis. Glaubt man Branchenexperten, dann kostet eine durchschnittliche Hochzeit für rund 70 Personen mittlerweile zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Wer mehr Gäste einladen will oder einen Hochzeitsplaner bucht, der legt noch mal einige tausend Euro drauf.

Rund um den schönsten Tag im Leben ist so eine gut verdienende Industrie entstanden. Dinge, die früher Familie und Freunde übernommen haben, werden heute immer häufiger an Profis abgegeben. Es gibt Läden, in denen ausschließlich Hochzeitszubehör verkauft wird: Taschentücher für Freudentränen, Armkettchen für Blumenkinder oder ein Taschenspiegel in Herzform und mit Gravur für die „beste Trauzeugin“. Schätzungen zufolge bringt das Geschäft mit der Liebe den Händlern jährlich knapp zwei Milliarden Euro ein.

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Das ist eine erstaunliche Entwicklung. Denn eigentlich ist es doch so: Nie zuvor hatte die Ehe in Deutschland eine so untergeordnete Rolle wie heute. Es gibt gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Paare, die ohne Trauschein bis zum Tod zusammenleben. Und immer öfter gibt es Menschen, die einfach allein bleiben. Die Zahl der Single-Haushalte ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen.

Gleichzeitig hat sich die Zahl der Hochzeiten seit 1950 fast halbiert. 2015 gaben sich noch knapp 400.000 Paare das Ja-Wort. Etwa 163.000 Ehen wurden im gleichen Zeitraum geschieden. Statistisch hält der Bund fürs Leben 14 Jahre. Und trotzdem wird der Tag, an dem er geschlossen wird, immer wichtiger. Wie passt das zusammen?

Für andere den schönsten Tag planen

Eine, die Antworten auf diese Fragen kennt, ist Bettina Ponzio. Die 33-jährige Augsburgerin ist Hochzeitsplanerin, seit knapp zehn Jahren gestaltet sie für andere Paare den Hochzeitstag, vermittelt Floristen, Fotografen und natürlich den passenden Ort, von dem sie nur als Location spricht. Ponzio hat lange blonde Haare und ein herzliches Lachen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie ein Händchen für geschmackvolle Dinge besitzt. Die Menschen, die zu ihr kommen, sind meist beide berufstätig, haben oft schon Kinder. Sie sind, wie die Weddingplanerin sagt, „einfach zu eingebunden, um die Hochzeit so zu organisieren, wie sie sie gerne haben wollen“.

Ponzio ist eine Quereinsteigerin, genauso wie Helmut Promoli, der Mann mit den Hochzeitstauben, und viele andere, die in der Heiratsbranche tätig sind. Angefangen hat bei ihr alles mit ihrer eigenen Hochzeit. Ponzio hat Magazine gewälzt, Preise verglichen, geplant und ausgesucht, so lange, bis für sie alles perfekt war. Die Verwandten, erzählt sie, hielten sie damals für verrückt. So viel Aufwand für eine Hochzeit. Es war eine Zeit, als man den Beruf des Weddingplaners höchstens aus amerikanischen Filmen kannte. Heute, sagt sie, würde man sie nicht mehr verrückt nennen. Denn das Verrückte, das Perfekte ist mittlerweile normal.

Ponzio glaubt, dass das viel mit dem Kino zu tun hat, mit dem Fernsehen und vor allem mit dem Internet. Prinz Charles und Lady Di, William und Kate und unzählige Hollywood-Filme haben das Bild der traditionellen Trauung hierzulande langsam, aber stetig verändert. Seit etwas mehr als zehn Jahren ist das Heiraten auch im deutschen Fernsehen Dauerthema. Sendungen wie „Vier Hochzeiten & eine Traumreise“ oder „Zwischen Tüll und Tränen“ machen die Hochzeit und das Drumherum allgegenwärtig.

Man könnte es auch so formulieren: Früher war eine Hochzeit eine Feier, die man nur alle paar Jahre zu sehen bekam, bei Freunden, Geschwistern, später den eigenen Kindern. Heute ist sie ein Event, das einem unentwegt begegnet und das man immer und überall kommentieren und bewerten kann. Das gilt umso mehr, seitdem es Apps wie Pinterest und Instagram gibt, die einem im Sekundentakt Bilder von Bräuten mit Blumenkränzen oder einem Himmel voller roter Luftballons auf das Smartphone laden, einsortiert unter Hashtags wie #instabraut oder #instawedding. „Man wird durch das inspiriert, was man sieht“, sagt Bettina Ponzio. Und je öfter man etwas sieht, desto mehr setzt es sich im Kopf fest und desto mehr denkt man sich: das will ich auch haben – nur noch schöner.

Fotobox, Candy-Bar, Hochzeitssänger

Wie aber können sich die Paare all das leisten, die Fotobox und die Candy-Bar, den Hochzeitssänger und das Landschloss? Es gibt mehrere Antworten auf diese Frage und zwei von ihnen lauten: sparen oder verschulden. Eine Erklärung ist aber auch: Viele Eheleute haben heute mehr Geld zur Verfügung als noch vor einigen Jahrzehnten. Seit 1950 sind die Löhne preisbereinigt fast um das fünffache gestiegen. Paare heiraten außerdem mittlerweile deutlich später als früher. Männer sind im Schnitt 34 Jahre alt, Frauen 31 Jahre, wenn sie vor den Traualtar treten – fünf Jahre älter als noch im Jahr 1991. Sie sind also in einer ganz anderen Lebensphase, verdienen häufig schon besser.

Oft bedeutet das aber auch, dass die Ansprüche deutlich höher sind, dass man sich nicht mit dem zufrieden gibt, was alle anderen haben. „Hochzeiten müssen heute immer individueller sein“, sagt Weddingplanerin Ponzio. Viele Brautleute wollen, dass sich ein Teil ihrer Persönlichkeit in dem Fest widerspiegelt. So kommt es, dass Ponzio auch Hochzeiten organisiert, bei denen die Torte im Star-Wars-Design serviert wird oder Feste, bei denen die Braut in einem Charleston-Kleid mit Stirnband und Satinhandschuhen zum Altar schreitet.

Für die Soziologin Andrea Bührmann wird die Hochzeit immer mehr zu einem Event, einer Art Selbstinszenierung, um das eigene Leben als besonders darzustellen. Bührmann ist Professorin an der Universität Göttingen und forscht unter anderem zum Wandel des traditionellen Hochzeitsbilds. In einem Aufsatz mit dem Titel „Hochzeiten und Heiraten als ’rite de confirmation’“ wundert sich die Wissenschaftlerin über die traditionellen Rollen, die das Paar bei der Hochzeit – anders als in Job oder Haushalt – wieder häufiger einnimmt: der Bräutigam, der den Antrag macht, und die Braut, die mit viel Liebe ein Fest für Freunde und Familie gestaltet.

Die Hochzeit war schon immer eine Abfolge von Ritualen, eine Verknappung komplexer Beziehungen und Gefühle auf diesen einen Moment: Trauspruch, Ringe, Kuss. Das ist heute nicht anders, aber immer öfter sind es nicht mehr die althergebrachten Traditionen, die Brautentführung, der Polterabend, sondern neue, moderne Rituale: ein Junggesellenabschied, eine Schar von Brautjungfern oder die Braut, die – wie in einem Hollywood-Film – von ihrem Vater an den Altar geführt wird.

Normalerweise schreitet das Paar gemeinsam zum Altar

Michael Zeitler hat einen Namen für diesen und andere Bräuche: „Neo-Tradition“. Zeitler ist Stadtpfarrer in Landsberg, einem Ort, der mit seiner pastellfarbenen Altstadt und dem romantischem Lechwehr wie gemacht ist zum Heiraten. In diesen Monaten hat auch er viel zu tun. In seinem Kalender hat er bereits Hochzeitstermine für Juni und Juli nächsten Jahres vorgemerkt. Die meisten Brautpaare, erzählt er, feiern ihre Hochzeiten in „ganz schlichter, wohltuender Form“. Aber manchmal, da müsse er einen Spagat machen zwischen dem, was das Paar will und dem, was die Kirche ihm vorschreibt. Die Sache mit dem Brautvater ist so ein Fall. „Dieses Bild, dass der Vater seine Tochter dem Mann übergibt, das passt nicht zu unserem Selbstverständnis“, betont Zeitler. In Deutschland, das wissen viele gar nicht mehr, zieht das Paar normalerweise gemeinsam zum Altar.

Immer öfter wollen die Pärchen alles an ihrer Hochzeit selbst entscheiden, sogar den Trauspruch in der Kirche, sagt der Pfarrer und erzählt von einer Braut, die sich statt des traditionellen „bis dass der Tod euch scheidet“ lieber ein „solange es gut geht“ gewünscht hätte. Was ihm auch auffällt: Die Kirche, immerhin der Ort der Trauung, wird manchmal auch wie eine Location behandelt, die es nur zu buchen gilt. „Das ist ein Trend, mit dem wir uns schwertun“, sagt Zeitler. Deshalb erinnere er seine Brautpaare stets: „Bevor ihr nach der Wirtschaft schaut, fragt auch uns nach dem Termin.“

Immer öfter entscheiden sich Paare auch für eine nicht-kirchliche, aber trotzdem aufwendige Hochzeit. Jede zweite Feier, zu der Helmut Promoli seine Tauben fährt, ist mittlerweile eine freie Trauung. Vielen Brautleuten, glaubt er, geht es dabei darum, mehr Freiraum zu haben. Freiraum für die eigenen Ideen, die eigenen Vorstellungen. Und natürlich, sagt Promoli, grinst und schnipst noch einmal mit den Fingern, geht es auch hier ein bisschen um das eine: die Show.

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Ein Artikel von
Sarah Schierack

Augsburger Allgemeine
Ressort: Wirtschaft

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