Freitag, 15. Dezember 2017

07. Dezember 2017 15:48 Uhr

Interview

Herr Bommert, ist Superfood tatsächlich super?

Quinoa und Avocados sind im Trend. Im Interview zweifelt ein Ernährungsexperte aber daran, dass die Lebensmittel halten, was sie versprechen. Von Jeanne Lutz

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Herr Bommert, den Begriff Superfood hört man gerade überall. Er suggeriert dem Kunden, dass das, was er kauft, super ist. Stimmt das?

Wilfried Bommert: Bei Superfood handelt es sich meistens um Nahrungsmittel, die einen hohen Kaloriengehalt haben, aber auch einen hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalt. Sie sind also im Verhältnis zu Monofood, zu dem etwa Mais zählt, schon von guter Qualität. Das kann man nicht bestreiten. Allerdings, wenn man eine gesunde Mischkost isst, wie sie Ernährungswissenschaftler empfehlen, hat man auch keine schlechtere Qualität, sondern eher etwas Preiswerteres, dafür aber genau so gesund.

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Ist Superfood also gar nicht so super?

Bommert: Der heimischen Ernährungsform ist es nicht überlegen. Eine gesunde Mischkost, bei der Sie Obst, Gemüse und gelegentlich auch einmal Fleisch essen, ist genau so gesund wie Superfood, bei dem es sich überwiegend um Modeartikel handelt.

Wer setzt diese Trends?

Bommert: Natürlich die Industrie, die daran verdienen kann. Die Bauern, die diese Produkte herstellen, haben in der Regel keine Ahnung, was Superfood ist. Zum Beispiel die Quinoa-Bauern, die in den Anden leben. Denen war nicht bewusst, dass die Europäer auf einmal Interesse an ihrem heimischen Grundnahrungsmittel haben. Das haben sie erst gemerkt, als auf einmal die Preise dramatisch in die Höhe gingen und sich viele Menschen dort dieses Pseudo-Getreide nicht mehr leisten konnten. Dieses Wissen haben nur die Konzerne, die sich von dieser Trendsetzung einen hohen Gewinn versprechen und Teile auf dem Markt für sich erobern wollen.

Woher kommt die Lust aufs Exotische?

Bommert: Die Trendsetter sitzen in der Werbeindustrie. Sie reden uns ein, dass diese Produkte super sind. Die nächste Sau steht schon bereit, die durch’s Dorf getrieben wird, denn die Leute reagieren ja ganz offensichtlich darauf. Das bedeutet mehr Umsatz und mehr Gewinn in diesen Nischen. Die Lebensmittelindustrie bei uns hat kleine Gewinnspannen und ist darauf angewiesen, dass sie irgendwelche Produkte findet, die sie teuer verkaufen kann.

Wie groß ist der Markt für diese Produkte?

Bommert: Der Markt ist insgesamt gering, wenn man ihn in Relation zum gesamten Lebensmittelmarkt sieht. Aber es ist eine Nische, in der sich Produkte für einen hohen Preis verkaufen lassen und darum geht es am Ende – die Handelsspanne und den Profit pro Einheit hochzutreiben. Davon lebt die Lebensmittelindustrie. Das ist ihr auch nicht übel zu nehmen. Die Frage ist, ob wir uns als Verbraucher vor diesen Zug spannen lassen wollen.

Haben die Erzeuger Vorteile?

Bommert: Die Bauern profitieren zweifellos von den steigenden Preisen. Aber sie können sich nicht darauf verlassen, dass die Preise auf einem hohen Niveau bleiben. Bei Quinoa haben inzwischen Produzenten aus Europa und Nordamerika das Heft in die Hand genommen. Seit diesem Moment gehen die Preise dramatisch zurück, das heißt, die ursprünglichen Bauern sind in einer Preisschaukel gefangen und können am Ende mit ihrer Produktion nicht viel mehr anfangen als zuvor. Die großen Verlierer sind allerdings diejenigen, die Quinoa für ihr Leben brauchen. In dem Moment, in dem die Preise hochspringen, können sie es nicht mehr bezahlen.

Können die bolivianischen oder peruanischen Bauern überhaupt mit den Produzenten in Europa und Nordamerika mithalten?

Bommert: Das können sie nicht. Das liegt zum einen am Transport und zum anderen an der Qualität, die in den Anden produziert wird. Die ist nicht so homogen wie die der Produkte aus Europa oder Nordamerika. Und die großen Lebensmittelketten sind auf diese Homogenität angewiesen.

Gibt es denn einen Export?

Bommert: Zunächst schon, aber dann kommt die Konkurrenzsituation mit den neuen Anbietern in Europa oder Nordamerika. Dann wird es schwierig und es stellt sich die Frage, ob es sich am Ende für die Bauern überhaupt noch lohnt.

Was passiert, wenn ein Trend endet? Avocados sind im Trend. Die Folgen für die Umwelt sind nach Ansicht von Experten dramatisch.

Bommert: Ernsthafte Konsequenzen hat das nur für die Großbauern in den Industrienationen, die etwa in den Anbau von Quinoa eingestiegen sind. Das dürften aber insgesamt wenige Bauern sein, weil der Markt recht klein ist. Es gibt aber andere Folgen, mit denen zu rechnen ist, die zeigen sich etwa bei Avocados.

Was für Folgen hat denn der Avocado-Anbau?

Bommert: Die Avocado ist zu einer Lieblingsobstsorte in den Läden geworden. Sie wird deshalb inzwischen großflächig in Monokulturen angebaut. Die Pflanzen brauchen riesige Mengen an Wasser. Ich kenne die Geschichte aus Australien, wo jetzt große Avocado-Kulturen, die zum Teil von Investmentfonds finanziert werden, in die Produktion gehen. Die Kulturen saugen im wahrsten Sinne das Wasser aus Teilen Australien aus. Das heißt, die Umweltfolgen, die so was hat, sind dramatisch. Das muss man mit einkalkulieren, wenn man solch eine Trendfrucht betrachtet, die auf den Markt kommt.

Hat der Avocado-Anbau noch in anderen Teilen der Welt negative Folgen?

Bommert: Überall, wo Rodungen stattfinden, sind die Funktionen, die der Wald ausübt, außer Kraft. Und der Wald übernimmt viele Funktionen: Auf der einen Seite erhält er das Klima, auf der anderen hält er das Wasser im Boden. Als dritten Punkt sorgt er dafür, dass Insekten und Tiere sich halten können. Der Wald ist ein Biosystem – wenn man anfängt, es dem Anbau von Früchten zu opfern, hat man am Ende nichts mehr, was als Puffer gegen Klimaveränderungen dienen könnte. Denn nur diese großen Biosysteme sind dazu in der Lage.

Ist die Avocado also der Superschurke unter den Superfoods?

Bommert: Der Avocado-Markt ist ein steil wachsender Markt, das sieht man, wenn man in die Supermärkte geht. Die Preise fallen auch, das heißt, der Boden ist noch nicht erreicht, es handelt sich um einen Wachstumsmarkt. Da könnte es sein, dass die Folgen der großflächigen Avocado-Produktion hinterher lange zu sehen sein werden. Das führt dann zu einem maßgeblichen Wohlstandsverlust für die Menschen in den Anbaugebieten.

Wie groß ist das Segment der anständigen Produkte?

Bommert: Der Anteil liegt bei etwa zehn Prozent, das ist je nach Produkt aber unterschiedlich. Fair-Trade erreicht zwar nur vier Prozent, ist aber ebenso wie der Biobereich ein absoluter Wachstumsbereich. Immer mehr Käufer sagen, dass sie wollen, dass Produzenten und Tiere fair behandelt werden, dass der Boden ökologisch nachhaltig behandelt wird. Deshalb kommt bei immer mehr Leuten Superfood gar nicht erst in die Tüte.

Bei wem ist dieses Bewusstsein besonders ausgeprägt?

Bommert: Es gibt in der Gesellschaft immer Vorreiter, die gehören meist zur Mittelschicht. Fair-Trade ist ebenso wie Bio ein Vorreiterphänomen. Wann es die gesamte Gesellschaft erreichen wird, kann ich nicht sagen. Aber wir wissen aus Studien, dass sich die ganze Gesellschaft beginnt zu ändern, wenn zehn Prozent der Gesamtheit sagen, wir wollen eine andere Entscheidung treffen.

Zur Person: Wilfried Bommert ist Agrarwissenschaftler und Autor. Der frühere WDR-Umweltjournalist widmet sich den Themen Klimawandel, Weltbevölkerung und Welternährung. Er veröffentlichte zahlreich Bücher, zuletzt „Verbrannte Mandeln. Wie der Klimawandel unseren Teller erreicht“ (dtv, 288 Seiten, 16,90 Euro). Bommert ist Mitbegründer des Instituts für Welternährung und betreut das vom Umweltbundesamt geförderte Projekt „Ernährungswende“. Es unterstützt den Aufbau regionaler Ernährungskreisläufe.

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