Mittwoch, 13. Dezember 2017

09. August 2017 20:32 Uhr

Medizin

Steht die Gesundheitskarte vor dem Aus?

Alle relevanten Patienteninformationen sollen auf dem Chip gespeichert werden. Doch das Projekt Gesundheitskarte kommt nur schleppend voran.

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Werden auf die Gesundheitskarte bald sensible Patientendaten aufgeladen? Oder steht sie vor dem Aus?
Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Speicherplatz wäre genügend vorhanden. Und die Technik, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, gibt es ebenfalls längst. Und doch kommt die elektronische Gesundheitskarte, deren Entwicklung nach Schätzungen in den vergangenen elf Jahren bereits rund 1,7 Milliarden Euro verschlungen hat, nicht vom Fleck.

Offiziell heißt es, man befände sich auf der „Zielgeraden“. Doch am Wochenende machten Spekulationen die Runde, das gesamte Projekt stehe vor dem Aus. Hochrangige Mitarbeiter von Ärzteverbänden und gesetzlichen Krankenkassen hätten nach Medienberichten gesagt, es gebe in der Bundesregierung Pläne, die E-Card unmittelbar nach der Bundestagswahl für gescheitert zu erklären. Unter anderem wurde der Vorstandschef der AOK Bayern, Helmut Platzer, mit den Worten zitiert, es sei „unsicherer denn je, wann die Gesundheitskarte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt“.

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Doch das Dementi von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kam prompt. Die Berichte seien „nicht zutreffend“, ließ er über eine Sprecherin ausrichten, „sie entbehren jeder Grundlage und sind falsch“. Vielmehr sei in jüngster Vergangenheit „Schwung in die Digitalisierung des Gesundheitssystems“ gekommen, unter anderem durch die Verabschiedung des E-Health-Gesetzes. Zudem wurden die Tests zur Erprobung der elektronischen Gesundheitskarte, an der sich über 500 Arzt- und Zahnarztpraxen sowie sechs Krankenhäuser beteiligten, „erfolgreich abgeschlossen“.

Gesundheitskarte hat nicht die großen Erwartungen erfüllt

Den Optimismus des Gesundheitsministers teilen allerdings nicht alle. Bislang, sagen Praktiker, habe die elektronische Gesundheitskarte nicht die großen Erwartungen erfüllt, die man in sie gesetzt habe. Das Projekt sollte ursprünglich sowohl den Patienten wie dem Gesundheitssystem zugutekommen, den Menschen helfen und Milliarden einsparen.

Auf dem Chip, der bislang ausschließlich den Namen, das Geburtsdatum, die Anschrift und die Krankenversicherungsnummer des Versicherten enthält, sollte praktisch die komplette Patientenakte mit allen Diagnosen, Arztbriefen, Rezepten, Laborwerten und Röntgenbildern sowie die Liste der verordneten Medikamente gespeichert werden. Ziel war es, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und gefährliche Wechselwirkungen bei Medikamenten zu verhindern. Gerade bei Notfällen sollten Ärzte sofort einen Überblick über Vorerkrankungen und Therapien bekommen. Das elektronische Rezept sollte gleichzeitig Millionen von Verordnungen auf dem Papier überflüssig machen.

Doch die Entwicklung kam nicht voran, das System blieb im Gestrüpp der unterschiedlichen Interessen hängen. Datenschützer machten Bedenken geltend und warnten vor dem gläsernen Patienten und den Gefahren eines Hackerangriffs. Die Kassen fürchteten, auf den Kosten für die Entwicklung sitzen zu bleiben. Die Träger des Gesundheitssystems, Kassen, Ärzte, Kliniken und Apotheker, warfen der Betreibergesellschaft Gematik vor, eine Technik entwickelt zu haben, die schon wieder überholt ist. Die Firma ihrerseits wies die Vorwürfe entschieden zurück und konterte, die technischen Anforderungen seien im Laufe des Verfahrens bis zu 150 Mal geändert worden, da seien Verzögerungen nicht zu verhindern.

Für Gesundheitsminister Gröhe kommen die Spekulationen um die Zukunft der elektronischen Karte zur Unzeit, sechseinhalb Wochen vor der Wahl will er keine Debatte über etwaige Versäumnisse führen oder gar das gesamte Projekt als gescheitert erklären. Er setzt darauf, dass ab dem Herbst planmäßig die notwendigen Geräte zum Auslesen der Daten in den Arzt- und Zahnarztpraxen installiert werden. „Für Ausstiegsszenarien gibt es überhaupt keinen Anlass.“

Kassen stellen sich hinter das Projekt Gesudheitskarte

Auch die Kassen, die bislang viel Geld investiert haben, stellen sich demonstrativ hinter das Vorhaben. „Öffentliche Spekulationen über das mögliche Aus für die elektronische Gesundheitskarte sind kontraproduktiv und gehen an der Realität vorbei“, sagt Ulrike Elsner, die Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen. Die Ersatzkassen stünden zu dem Projekt. „Die bisherigen Verzögerungen sollten nicht dazu verleiten, dieses wichtige Projekt jetzt komplett infrage zu stellen.“

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Ein Artikel von
Martin Ferber

Augsburger Allgemeine
Ressort: Redaktion Berlin


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