Samstag, 25. März 2017

26. Januar 2015 17:40 Uhr

Vöhringen

In Dachau zu Tode gefoltert: Warum Karl Baur sterben musste

Karl Baur wurde vor rund 75 Jahren im KZ Dachau ermordet. Warum der Mann aus Vöhringen sterben musste. Von Ursula Katharina Balken

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Heute ist es auf den Tag genau 70 Jahre her, dass das Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde. Dieser Name steht für die totale Entmenschlichung, unbeschreibbare Grausamkeiten und einer Todesmaschinerie, die von Historikern als „singulär“ bezeichnet wird. Im Augenblick richtet sich der Fokus auf diesen Ort. Aber er sollte den Blick nicht verstellen auf das, was in der näheren Umgebung geschah.

Als Beispiel sei Dachau genannt. Dort wurde Karl Baur zu Tode gefoltert, ein aufrechter Vöhringer Bürger, ein zuverlässiger Arbeiter im Vöhringer Wieland-Walzwerk. Schon dort blieb er nicht unbehelligt. Seine Töchter Martina und Elfriede haben Aufzeichnungen, worin zu lesen ist, dass ein übereifriger Mitarbeiter – damals Obmann genannt – Unterschriften gesammelt hatte, „um Karl Baur auszustellen“. Ohne Erfolg übrigens.

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Gerhard Axmann aus Bellenberg nahm das Datum der Befreiung von Auschwitz zum Anlass, sich mit den Menschen und ihren kurzen Leben zu beschäftigen, die aus der engeren Umgebung einen Leidensweg gehen mussten, der mit dem Tod endete. Grundlage für seinen Blick in diese unselige Vergangenheit sind Unterlagen von Helmut Wörtz aus Vöhringen. Er hat sie akribisch zusammengestellt.

Karl Baur wurde am 20. Mai 1902 in Vöhringen geboren. Er entstammte einer katholischen Familie und beschäftigte sich sehr eingehend mit der Bibel. Er freundete sich mit dem Gedankengut der sogenannten „Ernsten Bibelforscher“ an.

Sein Glaube bedeutete den sicheren Tod

Die Umbenennung dieser Bibelforscher in Zeugen Jehovas erfolgte 1931. Sie waren für die Nationalsozialisten ein rotes Tuch. Ein Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft lebt nach der Bibel, die für ihn die einzige Quelle der Erkenntnis ist und nach der er sein Leben ausrichtet. Und dazu zählt auch, jeden Dienst mit der Waffe abzulehnen. „Das“, so sagt Gerhard Axmann, „kam damals schon dem Tatbestand des Hochverrats gleich.“

Karl Baur kehrt der katholischen Kirche 1933 den Rücken und lässt sich taufen. Da es in Vöhringen keine Gruppe der Zeugen Jehovas gibt, nimmt er in Memmingen Kontakt zu Glaubensbrüdern auf.

Dort kommt er 1939 in Berührung mit der Veröffentlichung „Sie werden dich nicht überwältigen“. Er nimmt das Buch mit nach Hause, was ihm zum Verhängnis wird. Die Gestapo kommt zu später Stunde zur Hausdurchsuchung und stößt auf das Buch. Es gilt als verbotene Schrift. Die Verhaftung folgt auf dem Fuße. Baur kann ahnen, was ihm bevorsteht. Denn Konrad Nägele aus der Memminger Gemeinschaft starb in Berlin durch das Fallbeil, weil er ebenfalls die verbotene Schrift besaß und sie weitergegeben hatte.

Karl Baur wird der Prozess gemacht. Das Urteil vom 26. November 1940 lautete, sechs Monate Gefängnis. Doch er kommt nicht in eine Haftanstalt, viel schlimmer, er wird in Schutzhaft genommen – in Dachau. In der Begründung für die Verlegung in ein Konzentrationslager heißt es, „er gefährdet durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und des Staates, indem er auf Grund seines Festhaltens an der Irrlehre der IBV (Internationale Bibelforschung-Vereinigung) zu befürchten steht, er werde sich in Freiheit staatsabträglich verhalten“. Er wird gefoltert und stirbt. Seiner Witwe Sabine wird in dürren Worten telegrafisch der Tod ihres Mannes mitgeteilt und dass seine sterblichen Überreste verbrannt wurden.

Seine Töchter Martina und Elfriede, beide 86 Jahre alt, erinnern sich an das nächtliche Geschehen noch sehr genau. Die Frauen sind Zwillinge und leben in Vöhringen. „Damals, als die Gendarmen kamen, waren wir schon im Bett.“ Aber Licht und Lärm ließen sie aufwachen. „Ein Gendarm kam zu uns ins Zimmer und sagte zu uns, schlaft weiter, wir schauen nur nach den Brödle, die die Mama zu Weihnachten backt.“

Martina Brugger berichtet nur zögernd über das, was damals geschah. Der Vater sei von der Arbeit gekommen und auf der Straße habe man ihn verhaftet. Im Dezember 1940 wird er nach Dachau überstellt. Am 3. Mai 1941 stirbt Karl Baur an den schweren Verletzungen durch die Folter. Witwe Sabine erhält ein handgeschriebenes Telegramm, das ihr den Tod ihres Mannes mitteilt. Es wird auch noch gefragt, ob sie die Urne haben wollte. Martina Brugger erinnert sich noch heute an die Worte ihrer Mutter, „ich will die Urne nicht, ich will meinen Mann lebendig“. Sie erträgt das Leid mit großer Kraft. Ihr Mann und der Vater ihrer Kinder ist tot. „Mama hatte es nicht einfach“, sagt Martina Brugger heute. Denn irgendwie musste sie ja die Familie durchbringen. Es gibt auch ein Familiengrab, dort gab man symbolisch ein Andenken an den Vater hinein. So hatte Sabine Baur wenigstens einen Ort, an dem sie trauern konnte.

Ein anderes Schicksal, das Gerhard Axmann auch heute noch bewegt, ist das des 17-jährigen Jonathan Stark. Er kam aus Ulm und gehörte einer Familie an, die weltoffen war und den Zeugen Jehovas angehörte. Er besuchte die Wagner-Schule.

Eid auf Hitler verweigert

Einem in der Nachbarschaft lebender Freund fiel auf, dass Jonathan nie über seinen Glauben sprach. Den Grund sah der Freund wohl in der berechtigten Vorsicht vor Denunziantentum und vor NS-Repressalien. Als Jugendlicher wurde Jonathan zum Reichsarbeitsdienst berufen, aber Jonathan weigerte sich, einen Eid auf den Führer abzulegen und erklärte, dass er nie eine Waffe in die Hand nehmen würde. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Er geriet in die Fänge der Gestapo. Aber er blieb bei seiner Entscheidung und auch seiner Überzeugung treu. Er leistete keinen Eid auf Hitler. Das war sein Todesurteil. Mit 17 Jahren starb er durch den Strang im KZ Sachsenhausen-Oranienburg.

Ihre Erschütterung über so viel Grausamkeit und Unmenschlichkeit – „er war doch erst 17“ – können Gerhard Axmann und Ehefrau Irmgard bis heute nicht verwinden. Wenn das Ehepaar über die Geschehnisse von damals spricht, schwingt Trauer in ihren Worten mit. Dass die Zeugen Jehovas heute nicht mehr den Staat zu fürchten brauchen, ist Erleichterung für sie, weil sie ihre Überzeugung frei leben können.

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