Dienstag, 28. März 2017

14. Oktober 2016 11:23 Uhr

Podiumsdiskussion

Von „unhaltbaren Zuständen“ und „verbrannter Erde“

Geburtenstation ja oder nein? Zum Debattenauftakt am Mittwoch stellten wieder beide Seiten ihre Argumente vor. Was die einzelnen Kandidaten zu sagen hatten.

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Am Mittwochabend wurde vier Stunden lang in der Illertisser Kollegsaula hitzig diskutiert. Die Podiumsdiskussion war die zweite von drei Informationsveranstaltungen rund um den landkreisweiten Bürgerbescheid am Sonntag, 23. Oktober.
Foto: Roland Furthmair

Zur zweiten von drei Informationsveranstaltungen zum Bürgerentscheid am 23. Oktober, bei dem es um die Zukunft der Geburtshilfe-Station geht, setzten die Illertisser noch eins drauf: Dauerte die Podiumsdiskussion in Weißenhorn vergangene Woche noch drei Stunden, wurde am Mittwochabend in der Festhalle im Kolleg der Schulbrüder vier volle Stunden ununterbrochen debattiert und gestritten, erklärt und erzählt.

Landrat Thorsten Freudenberger moderierte als Unparteiischer den Abend und während das Publikum – wie zu erwarten – großteils pro Geburtenstation war, saßen sich auf dem Podium zwei Parteien gegenüber. Die vier Kreisräte Franz-Clemens Brechtel (CSU), Helmut Meisel (Grünen), Antje Esser (SPD) und Wolfgang Schrapp (Freie Wähler) propagierten das Ratsbegehren, lehnten also klar ab, die Geburtenstation in nächster Zeit wieder zu öffnen. Auf der anderen Seite saßen vier Vertreter der Bürgerbewegung „Illertissen bleibt“: Susanna Oberdorfer-Bögel, Wolfgang Karger, Roland Hunger und Michaela Wirth-Herold.

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Zum Auftakt legte jeder der Sprecher seine Position dar. Den Anfang machte Franz-Clemens Brechtel, der an seiner in Weißenhorn verfolgten Linie festhielt. Auch in Illertissen sprach er von den „unhaltbaren Zuständen“, die an der Illertalklinik in der Geburtshilfe geherrscht haben sollen. Die Kreisräte hätten schließlich auf eine Einhaltung der Richtlinien gepocht, die Hebammen daraufhin gekündigt und so habe die Geburtshilfe geschlossen werden müssen. „Das sind Fakten und hat wenig mit der Strukturreform zu tun“ – nicht nur für diesen Satz wurde Brechtel vom Publikum ausgepfiffen. 200 bis 300 Besucher kamen zur Podiumsdiskussion in die Kollegsaula, die Stimmung war von Anfang an aufgeladen.

Er, Brechtel, setze darauf, das Ganze im Blick zu halten – die Zukunft aller drei Kliniken im Landkreis – und sich nicht nur auf das Schicksal der Geburtshilfe in Illertissen zu versteifen.

Helmut Meisel sprach auch für seine Kreistagskollegen, als er sagte: „Wir wollen nicht die Bösen aus dem Norden sein.“ Trotzdem hätten sie die Verantwortung für den Haushalt des Landkreises und der gebe die Geburtenstation im Süden einfach nicht her. Er zitierte die Landkreisordnung, laut der eine dauerhafte finanzielle Leistungsfähigkeit zu sichern sei.

Antje Esser unterstrich fast jede ihrer Aussagen mit Zahlen und erklärte, dass schlichtweg kein Geld da sei, um die Geburtenstation wieder zu öffnen. Seit 2005 habe der Landkreis knapp 77 Millionen Euro in die Kliniken gesteckt, der Löwenanteil davon, 42 Millionen Euro, sei an die Illertalklinik geflossen. Trotzdem sei das Defizit zu groß, allein 2016 werde mit einem Minus von vier Millionen Euro gerechnet. „Wir können uns keine weiteren Fehler leisten, wir haben das Geld nicht“, hielt Esser fest.

Zusätzlich sei nicht genug Personal vorhanden, um die Station wiederzubeleben. „Geben Sie uns die Zeit, um zu schauen, wie wir die Kliniken langfristig erhalten können“, sagte sie und appellierte an die Bürger, am 23. Oktober für das Ratsbegehren zu stimmen.

Kollege Wolfgang Schrapp hielt sich als einer der wenigen an die vorgegebene Redezeit von fünf Minuten. Er warnte vor Kirchturmpolitik und warb für das Ratsbegehren. In den kommenden fünf bis zehn Jahren seien „gewaltige Veränderungen“ nötig, sonst habe man am Ende gar nichts.

Der Illertisser Unternehmer Wolfgang Karger von der Initiative „Illertissen bleibt“, bemühte sich in seiner Ansprache, die Argumente, die gegen eine Wiedereröffnung der Station sprechen, zu entkräften. Seiner Ansicht nach sei zumindest der temporäre Betrieb möglich: Der Personalmangel sei behebbar, die Kosten wenig fundiert berechnet und auch das Organisationsverschulden sei vermeidbar. „Die Politiker haben den Bezug zu Geld verloren“, sagte er und wies darauf hin, dass der Landkreis ohne die Station in Illertissen das Schlusslicht bei bundesweiter Geburtenstatistik bilden würde.

Susanna Oberdorfer-Bögel sprach bei ihrer Stellungnahme Esser direkt an. „Als es Mitte Mai einfacher war, die Station zu erhalten, haben Sie nichts unternommen.“ Stattdessen habe sich der Landkreis aus der Verantwortung geschlichen und diese an die Nachbarlandkreise weitergegeben. Die Zukunft für Illertisser sei nun die Geburt im „Sanka“ auf der Autobahn oder eine Hausgeburt wie vor 100 Jahren. Das könne nicht der Anspruch sein, stellte Oberdorfer-Bögel fest. Laut ihr solle die Station mit moderatem Defizit betrieben werden, die Maßgabe der Wirtschaftlichkeit sei bei anderen Krankenhausabteilungen ja auch nicht gegeben. Auch zweifelte sie an, wie es nach so viel „verbrannter Erde“ noch gelingen solle, an einem Strang zu ziehen. „Die Illertalklinik darf nicht das erste Bauernopfer einer verfehlten Krankenhauspolitik werden“, sagte sie und betonte, wie wichtig die Station für die Klinik sei, um auch bei der geplanten Strukturreform nicht unterzugehen.

Zuletzt äußerte sich Roland Hunger, CSU-Kreisrat und Mitglied im Krankenhaus-Ausschuss. Ihm war es in seinem Vortrag wichtig, über „gezielte Irreführungen“ (in Weißenhorn als „Märchenstunde“ betitelt) aufzuklären. Er betonte, dass die tatsächliche Ursache für die Schließung der Station nicht die Kündigung der Hebammen gewesen sei, sondern dass die Klinikdirektion die Schließung gezielt vorangetrieben habe. Auch bezeichnete er die Illertalklinik als „Bad Hospital“ (in Anspielung auf Bad Banks). Er sagte, die Schließung erhöhe das Defizit und wirke sich nun auf die Kreisumlage (Gebühren, die der Kreis von den Kommunen einzieht) aus. Hunger, der seine Redezeit am meisten überschritt, prangerte auch an, dass es vonseiten der Kreisräte nie den Willen gegeben habe, eine konstruktive und kreative Lösung für Illertissen zu finden. Eine „ergebnisoffene“ Planung sei unmöglich, wenn die wichtigste Entscheidung bereits getroffen sei. „Betlehem war vor 2000 Jahren“, sagte er. Die entwürdigende Herbergssuche für Illertissens werdende Väter und Mütter müsse ein Ende haben. Er forderte Bürgernähe und Gleichberechtigung in der Klinikdebatte. Nachdem die Teilnehmer ihre Argumente vorgebracht hatten, eröffnete Freudenberger die Diskussion auch für die Bürger.

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Ein Artikel von
Orla Finegan

Günter Holland Journalistenschule
Ressort: Volontärin

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