Freitag, 23. Juni 2017

17. Mai 2017 12:00 Uhr

Mobilfunk in Markt Wald

Der sehnliche Wunsch nach Stille

Rund 60 Markt Walder klagen über ein permanentes Brummen, auf das sie zahlreiche Beschwerden zurückführen. Zwei Männer sind überzeugt, die Ursache gefunden zu haben.

i

Reinhold Scherle weiß nicht, was in dieser Nacht auf den 29. Dezember 2015 in Markt Wald passiert ist. Ein lautes Brummen, das klang wie ein Hubschrauber im Tiefflug, hat ihn damals aus dem Schlaf gerissen und lässt ihm seither – wenn auch deutlich abgeschwächt – vor allem nachts keine Ruhe mehr. Mal ist es lauter, mal leiser wahrnehmbar, mal wie das Brummen eines Kühlschranks und mal eher als Surren, Dröhnen oder Takten. „Es ist schwer zu beschreiben“, sagt Scherle, der gar nicht von „hören“ sprechen will. „Aber es ist immer da.“

Es raubt ihm den Schlaf, bereitet ihm Kopfschmerzen, er leidet unter einem Druckgefühl im Ohr und unkontrolliertem Muskelzittern. Als verschiedene Ärzte keine physischen und psychischen Gründe für seine Beschwerden feststellen können, hört er sich im Ort um. Und siehe da: Rund 60 Markt Walder klagen ebenfalls über ein permanentes Hintergrundgeräusch, auf das sie Kopfschmerzen, Schwindel und Schlafstörungen zurückführen. Fast alle wachen regelmäßig zur gleichen Zeit auf, ohne sagen zu können, was sie geweckt hat.

ANZEIGE

Manchmal übernachtet er im Auto

Auch Stefan Lutzenberger hörte in dieser Nacht im Dezember ein lautes Geräusch, das er nicht recht zuordnen konnte und das ihn seither in manchen Nächten schier in den Wahnsinn treibt. In seiner Verzweiflung hat er sich schon nachts ins Auto gesetzt, weil er inzwischen weiß, dass das Brummen ein paar Kilometer von Markt Wald entfernt plötzlich aufhört. Im Auto auf einem Feldweg stehend hat er dann wenigstens ein paar Stunden Ruhe und Schlaf gefunden, aber das ist freilich keine Dauerlösung.

Zusammen mit Reinhold Scherle hat er nach einer Ursache gesucht: Erst hatten sie die Stromleitungen vor dem Haus in Verdacht, dann den Infraschall der Windrad-Rotoren in Lamerdingen. Doch es brummt auch, wenn die Windräder stillstehen. Biogasanlagen und Generatoren kommen ebenfalls nicht in Betracht, weil das Geräusch auch bei einem Stromausfall nicht aufhörte. Also überlegten sie, welche Einrichtungen über ein Notstromaggregat verfügen – und kamen so auf die beiden Funktürme am Rande des Ortes.

Den einen betreibt seit mehr als 15 Jahren die Deutsche Funkturm GmbH, ein Tochterunternehmen der Telekom. Laut der Bundesnetzagentur senden von dort Mobilfunksysteme von Telekom, Vodafone und O2/E-Plus sowie Richtfunksysteme, außerdem ist digitaler Rundfunk genehmigt, der derzeit jedoch nicht genutzt wird. Beim zweiten Turm handelt es sich der Bundesnetzagentur zufolge um eine sogenannte „sonstige Funkanlage“ der Bundeswehr, über die seit Oktober 2015 unter anderem der digitale Behördenfunk betrieben wird.

Scherle ist als Funkelektroniker kein Funkgegner

Reinhard Scherle ist überzeugt, dass das Brummen daher rührt. „Ich denke, das ist das Zusammenspiel, weil es jetzt einfach zu viel wird.“ Die Bundesnetzagentur hält es dagegen für unwahrscheinlich, dass sich die Funktürme gegenseitig beeinflussen: Der Abstand zwischen beiden Türmen betrage etwa 750 Meter und zusätzlich würden die Funksysteme in unterschiedlichen Frequenzbereichen betrieben. Außerdem breiteten sich akustische Schwingungen wie etwa ein Brummton als Druckunterschiede in der Luft aus. Elektromagnetische Wellen wie Radiowellen erzeugten diese Druckunterschiede nicht und könnten daher bei den verwendeten Sendeleistungen auch nicht gehört werden.

Doch was ist es dann, was Reinhold Scherle, Stefan Lutzenberger und die anderen beinahe um den Verstand bringt? In seinem Schlafzimmer hat Reinhold Scherle die Funkstrahlung gemessen. Er ist selbst Funkelektroniker, alles andere als ein Funkgegner und hat in den Markt Walder Türmen bislang nie ein Problem gesehen. Aber seine Ergebnisse, die man grob so zusammenfassen könnte, dass das Brummen umso intensiver ist, je höher die Strahlung ist, haben ihn stutzig gemacht.

In seiner Not wandte er sich an die Polizei. Die gab den Fall an die sogenannte „Autorisierte Stelle“ weiter, das Kompetenzzentrum für dem BOS-Digitalfunk in Bayern, das beim Bayerischen Landeskriminalamt angesiedelt ist. Nachdem die Beamten und Techniker bei einer Ortsbegehung keine Geräusche oder sonstigen Beeinträchtigungen feststellen konnten, beauftragten sie das Landesamt für Umwelt mit Messungen. Sie fanden von Juli bis November 2016 statt. Ergebnis: Von dem Digitalfunk-Standort gehen keinerlei schädigende Immissionen aus und auch die Grenzwerte für die elektrischen Feldstärken werden nicht über-, sondern, so das Amt, „zum Teil sogar in erheblichem Maß unterschritten“.

Weltweit gibt es ungeklärte Brummgeräusche

Stefan Lutzenberger zweifelt indes an den Messungen: Sie hätten in unmittelbarerer Nähe der Sendetürme stattgefunden. „Das ist so, als würde man die Niederschlagsmenge unter dem Vordach messen“, sagt er und verweist auf die Internetseite „thehum.info“. Sie dokumentiert ungeklärte Brummgeräusche auf der ganzen Welt und ist für ihn der Beweis, dass die Markt Walder mit ihrem Problem nicht alleine sind. England zum Beispiel ist auf der „Karte des Brummens“ beinahe komplett eingefärbt, die Niederlande und Belgien ebenfalls und auch in Deutschland häufen sich die roten Punkte um Städte wie Stuttgart, München, Nürnberg und Frankfurt am Main.

So weit muss man allerdings gar nicht gehen: Elmar Scherle konnte die Eindrücke seines Bruders lange nicht bestätigen. Doch seit im Juli 2016 die Sendeleistung des Telekom-Turms erhöht wurde, nimmt er das Brummen auch in Tussenhausen wahr. Dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Geräusch und den Türmen gibt, nimmt er dem Umweltamt wie Stefan Lutzenberger und sein Bruder nicht ab. „Das wäre leicht nachzuweisen, wenn man die Funktürme abschalten könnte“, sagt der. Als das Telekomnetz im vergangenen Jahr einmal flächendeckend ausgefallen sei, sei es jedenfalls auch in Markt Wald wunderbar ruhig gewesen. Und das ist eigentlich alles, was sich die Betroffenen sehnlichst wünschen.

Film In Kooperation mit der UBI-Umwelt-Woche zeigt das Filmhaus Huber am Mittwoch, 17. Mai, in Türkheim und am Dienstag, 30. Mai, in der Dampfsäg in Sontheim jeweils um 20 Uhr den Dokumentarfilm „Thank you for calling“ über die Risiken des Mobilfunks. Im Anschluss sind Gespräche mit dem Baubiologen Sebastian Dirr und dem Mobilfunkaktivisten Jochen Diefenthaler möglich.

i

Ihr Wetter in Mindelheim
23.06.1723.06.1724.06.1725.06.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                Regenschauer
	                                            Wetter
	                                            wolkig
                                                Wetter
                                                Regenschauer
Unwetter13 C | 27 C
14 C | 27 C
12 C | 23 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Ein Artikel von
Sandra Baumberger

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten



Alle Infos zum Messenger-Dienst
Unternehmen aus der Region

Bauen + Wohnen

Wandern und Radeln in Mittelschwaben

Veranstaltungen vom 23.06.2017
Partnersuche