Freitag, 21. Juli 2017

20. März 2017 06:55 Uhr

Drogentherapie

Wir und die Sucht

In Lohhof leben Menschen, die wieder ins Leben zurück finden wollen. Die meisten schaffen das, bräuchten aber besonders im Anschluss Hilfe.

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Sie helfen vor Ort in der Kompass Drogenhilfe Lohhof (von links) Fritz Schwarzbecker (Geschäftsführer Kompass), Siegfried Welz-Jörg (Leiter Soziotherapie) und Ary Witte (Leiter Reha-Fachklinik).
Foto: Johann Stoll

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 1500 Menschen sterben in Deutschland jährlich, weil sie illegale Drogen konsumiert haben. Und 76 000 tötet der Alkohol, die hierzulande am meisten verharmloste Droge.

Wer sich gegen die Sucht stemmt, verdient Respekt und braucht Unterstützung. Das sagt Fritz Schwarzbecker, Geschäftsführer der Kompass Drogenhilfe mit 40 Mitarbeitern, die vor neun Jahren in Kloster Lohhof eingezogen ist. Das Unternehmen zählt zur Lehmbau Augsburg. Mehr als 1000 Menschen haben seither eine Therapie in Lohhof durchlaufen.

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Gut 50 Menschen werden zur Zeit hier behandelt: die Hälfte in der Reha-Fachklinik, die Ary Witte leitet. Diese Menschen sind im Schnitt 608 Tage in der Einrichtung. Die meisten schaffen den Weg zurück ins Leben. Rund ein Drittel gibt auf. Bis zu 30 Menschen können für eine Soziotherapie aufgenommen werden, derzeit sind es 27. Diese Therapie dauert in der Regel rund ein halbes Jahr.

Schwarzbecker sagt: Hier werden Drogensüchtige und Alkoholkranke behandelt, „wobei wir auch den Alkohol als Droge einstufen“. In der Reha-Fachklinik sind es 25 Patienten, überwiegend Männer, die sich auf den steinigen Weg machen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die Hälfte von ihnen hing an der Flasche, die andere steckte im Drogensumpf fest.

In Lohhof gilt null Toleranz für Suchtstoffe. Nur das helfe weiter, sagt Witte. Nicht alle treibt die Einsicht an, dass sie selbst wollen müssen, um das Suchtproblem ein- für allemal in den Griff zu bekommen. Manchmal fordert ein Gericht eine Therapie.

Witte sagt, in der Öffentlichkeit werde Alkohol viel zu harmlos dargestellt. „Alkohol hat starke körperliche und psychische Nebenwirkungen“. Und er ist überall zu haben. Das gilt längst auch für illegale Drogen. Drei Klicks im Internet genügen, und schon werden Designerdrogen geliefert.

Treffen kann es alle Schichten. Ob reich, ob gebildet, ob arm oder Schulabbrecher: Sie alle können suchtkrank werden. Oft sind es empfindsame Menschen. Die Prägung in der Kindheit spielt offenbar auch eine große Rolle. Wenn bei Konflikten zur Flasche gegriffen wird, statt die Probleme anzugehen, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich dieses Verhaltensmuster weiter trägt. Siegfried Welz-Jörg leitet die Soziotherapie in Lohhof. Er sieht in der Alkoholsucht auch eine Folge der Wohlstandsgesellschaft. Es fehle oft am Durchhaltevermögen. Kindern würden oft keine Grenzen gesetzt.

Was die Suchtkranken brauchten, sei Zuspruch. „Wenn Geschwister sagen, du kannst es schaffen, dann ist das hilfreich“, sagt Witte. Umgekehrt heißt das: Wenn Betroffene nach einer Therapie wieder im alten Umfeld landen, bleiben nicht einmal zehn Prozent sauber beziehungsweise trocken, sagt Welz-Jörg.

Einer Handvoll konnte nicht geholfen werden, sagt Schwarzbecker. Einzelne bleiben in Mindelheim. Es sei aber ein verschwindend geringer Promillesatz. Sie fallen durch sämtliche Helfernetze, sagt Witte. Von diesen Menschen war kürzlich im Sozialausschuss die Rede. Sie muss die Stadt unterbringen, wenn sie im Rathaus vorstellig werden und um ein Obdach bitten. Nach Ansicht von Schwarzbecker, Witte und Welz-Jörg ist es für diese Gruppe nicht getan, neue Container anzuschaffen, wie das in der Landsberger Straße im Vorjahr geschehen ist. Für sie wären Projekte sinnvoll. Wenn sie zum Beispiel eine alte Wohnung mit Hilfe anderer herrichten könnten, würde das helfen, ist Witte überzeugt. Das würde Sinn verleihen und die Menschen stark machen.

Ganz generell sehen die drei Experten die Gesellschaft teilweise in Schieflage. Die Kumpels, aber auch die Arbeitskollegen und Arbeitgeber hätten oft eine Mitverantwortung. Da werde viel zu lange weggesehen. Die Fachleute würden sich wünschen, dass bei erkennbarer Alkoholsucht möglichst frühzeitig Hilfe in Anspruch genommen wird.

Der Druck in der Arbeitswelt sei enorm. „Viele sind am Rande ihrer Leistungsfähigkeit“, sagt Witte. Den Kindern werde schon früh Angst gemacht. Der Leistungsdruck setzt sich im Beruf fort. Rund zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung litten als Folge davon unter einer Sucht, sagt Welz-Jörg. Zwei Prozent seien psychisch krank.

Im Beruf will niemand versagen, weil er sonst aus dem System falle, sagt Witte. Niemand wolle zugeben, wenn er ein Problem hat. All das hat zur Folge, dass Hilfe oft sehr spät in Anspruch genommen wird. „Das Wegschauen ist das größte Problem“, meint Siegfried Welz-Jörg.

Bei den Patienten fällt noch etwas auf. „Manchmal ist das Drogenproblem noch das Geringste“, sagt Witte. Die Ich-Bezogenheit bei einzelnen sei erschreckend. Sie wollten immer die Ersten sein. Schon der Zweite gilt als Verlierer. Auch dieses Phänomen kennt man aus dem Alltag.

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Ein Artikel von
Johann Stoll

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Redaktionsleiter, Stadt Mindelheim

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