Freitag, 23. Februar 2018

13. Februar 2018 17:40 Uhr

JVA Ulm

Häftling soll Mitgefangene erpresst, terrorisiert und vergewaltigt haben

Grausame Rituale für Neuankömmlinge im Ulmer Gefängnis beschäftigen die Justiz. Der Staatsanwalt ist entsetzt von der Brutalität und beklagt einen "rechtsfreien Raum" im Knast. Von Michael Peter Bluhm

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Hinter den Ulmer Gefängnismauern soll Schlimmes passiert sein.
Foto: Alexander Kaya

Acht Wochen lang soll ein versuchter Mörder in der Jugendabteilung der Ulmer Justizvollzugsanstalt im Oktober und November mit unvorstellbarer Grausamkeit Mitgefangene terrorisiert, erniedrigt, erpresst und zum Teil vergewaltigt haben. Ohne, dass die Vollzugsbeamten was mitbekamen. Nach sechs mit unter zähen Verhandlungstagen wurde die Beweisaufnahme der ersten Großen Strafkammer am Montag geschlossen und die Plädoyers des Staatsanwaltes und der Verteidiger gehalten. Der Anklagevertreter forderte eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren für den heute 23-jährigen Rädelsführer wegen mehrfacher Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung, Nötigung und Erpressung.

Dabei soll eine frühere Verurteilung wegen versuchten Mordes in das Urteil miteinbezogen werden das am Donnerstag, 15. Februar von der Kammer gesprochen wird, lautet der Antrag. Wesentlich geringer (Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren, zur Bewährung ausgesetzt) sollen laut Staatsanwalt die Strafen für die vier Mitangeklagten ausfallen, weil sie sich offensichtlich gezwungen fühlten. Denn sie befürchteten offenbar, die nächsten Opfer dieses schrecklichen Rituals zu werden. Das Ritual soll sich der Haupttäter mutmaßlich ausgedacht haben, um im Knast seine Allmacht zu beweisen.

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Vornehmlich Neuankömmlinge im Ulmer Knast bevorzugte offensichtlich der wegen versuchten Mordes – es ging um tausend Euro – verurteilte frühere Drogenhändler, der derzeit die Höchststrafe absitzt, die eine Jugendkammer verhängen kann: Zehn Jahre Freiheitsentzug. So schilderten zwei Zeugen im Verlauf der Beweisaufnahme, wie ihnen in der Gemeinschaftsdusche vom Hauptakteur und vier Mitgefangenen aufgelauert wurde. Sie wurden geschlagen und in zwei Fällen wurde versucht, ihnen einen vom Rädelsführer in der Gefängniswerkstatt fabrizierten Holzstock in den Körper zu rammen. Danach mussten sie einen Becher auszutrinken, der mit einem zusammen gerührten Gebräu aus Kot, Sperma und Zigarettenasche gefüllt war. Die Tortur flog erst auf, als ein Betroffener den Mut hatte, diesen Terror zu melden.

Gefängnis sollte kein rechtsfreier Raum sein

Zunächst schwiegen die Angeklagten zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Nur ein Mitgefangener trat als Hauptbelastungszeuge auf. Er war Opfer und Täter zugleich: Nach seinem schrecklichen Empfangserlebnis in der Jugendabteilung der Ulmer Justizvollzugsanstalt wurde er gezwungen, bei den widerlichen Übergriffen auf Mitgefangene mitzumachen. Sein Verfahren wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft gestern vom Gericht eingestellt. Einer von der Anklagebank brach gestern sein Schweigen und entschuldigte bei dem noch immer erschütterten Nebenkläger: „Das war ein Riesenscheiß von mir, es tut mir leid, was ich Ihnen angetan habe“. Er habe aber Angst gehabt, das nächste Opfer zu sein. „Ich wollte mein Jahr Gefängnis einfach schnell rumkriegen.“

Sein persönliches Entsetzen über diesen Fall tat der Staatsanwalt am Anfang seines Plädoyer kund, dass so etwas „mitten in Deutschland“ passieren kann. „Das beunruhigt mich. Da soll man resozialisiert das Gefängnis verlassen und kommt traumatisiert raus“. In solchen Fällen müsse es knallharte Strafen geben, sagte er in sichtbarer Empörung und im Hinblick auf den Rädelsführer. Es gebe auch in Gefängnissen eines Rechtsstaates keine rechtsfreien Räume.

Kritik an der mangelnden Aufsicht in der Justizvollzugsanstalt

Der Anwalt des Nebenklägers sprach in seinem Plädoyer von einem Erniedrigungsprozess der schlimmsten Art, dem die Opfer ausgesetzt waren. Er beklagte wie die Verteidiger in ihren Plädoyers die mangelnde Aufsicht in der Jugendabteilung. Der Anwalt des Hauptangeklagten sprach auch von einem Versagen in der Justizvollzugsanstalt. Was seinen Mandanten betrifft, forderte er ein klinische Aufarbeitung dessen, was dieser in seinem jungen Leben schon angerichtet hat. So ist er laut Gericht durch Aufsässigkeit und Schlägereien in seiner derzeitigen Haft immer wieder aufgefallen, sodass er in eine Sicherheitsabteilung verlegt werden musste.

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