Donnerstag, 18. Januar 2018

12. Dezember 2016 07:00 Uhr

Ulm

Jüdische Gemeinde in Ulm wächst und wächst

Die vor vier Jahren erbaute Synagoge erfährt mehr Zulauf als erwartet. Nun soll eine zweite Torarolle angeschafft werden. Das ist ein mehr als aufwendiges Vorhaben.

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Fast 3800 Kilometer von Ulm entfernt, im israelischen Städtchen Migdal Ha Emek, sitzt Dov Ginsburger und arbeitet im Auftrag der Ulmer Synagoge. Mit einem Gänsekiel schreibt er Tag für Tag, Buchstabe für Buchstabe auf Pergament die fünf Bücher Mose ab, bis die Thora, die heilige Schrift der Juden, in etwa einem Jahr fertig ist. Dov Ginsburger ist von Beruf Sofer, kunstfertiger Schreiber von hebräischen Texten auf Tierhäuten. Ein Beruf, der eine fundierte Ausbildung erfordert innerhalb des Judentums sehr angesehen ist.

Spätestens bis Dezember kommenden Jahres will der Sofer die 85000 Worte, 319000 Buchstaben und 603550 Zeichen der fünf Bücher Mose abgeschrieben und dem Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik geliefert haben. Dann nämlich feiert die Ulmer Synagoge ihren fünften Geburtstag. Seit Bundespräsident Joachim Gauck vor fünf Jahren symbolisch das rote Band zur Eröffnung der Synagoge am Weinhof durchschnitt, hat sich viel getan in der jüdischen Gemeinde der Region. „Wir haben damals fast zu pessimistisch geplant“, sagt Trebnik. An Feiertagen etwa, sei die Synagoge mit bis zu 270 Besuchern übervoll. Und eine einzige Torarolle sei dann zu wenig.

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Die Tora ist der Grundstein des jüdischen Glaubens. Regelmäßig wird im Laufe des Jahres an allen Sabbat- und Feiertagen, Montagen und Donnerstagen aus der Tora gelesen. Der Vorleser rezitiert die Texte melodisch von der Pergamentschriftrolle ab, die auf zwei Stäbe gewickelt ist. Beim Herausnehmen und beim Zurücklegen der Tora erhebt sich die Gemeinde, die – nach Geschlechtern getrennt – den Gottesdienst verfolgt. Die Männer stehen direkt vor dem Aron ha-Qodesch, dem Toraschrein, die Frauen streng getrennt auf der Empore hinter einer Mechiza, einer Art Sichtschutz. Oberbürgermeister Gunter Czisch rief jüngst gemeinsam mit dem Rabbiner zu einer Spendenaktion zur Beteiligung an der Finanzierung der neuen Tora-Rolle auf. Billig ist das Ergebnis eines Jahres Handarbeit freilich nicht: 40000 Euro werden fällig, 30 Prozent der Summe überwies die Gemeinde bereits. Hinzu kommen Ausgaben für die traditionelle „Grundausstattung“ der Schriftenrolle, die fünf Schmuckstücke der Tora. Das sind Toraschild, Torawimpel, Toramantel, Torazeiger und Torakrone – oft versilbertes Zubehör, das dem Pergament auch optisch die Aura einer Kostbarkeit verleiht.

„Es wäre eine wunderbare Geste, wenn wir alle dazu beitragen, dass die Tora-Rolle zum fünfjährigen Bestehen der Synagoge im Dezember 2017 übergeben werden könnte“, sagt Rabbiner Trebnik. Eine Geste freilich mit historischen Hintergrund: Schließlich ging in der nationalsozialistische Pogromnacht vom 9. November 1938 die alte Ulmer Synagoge in Flammen auf.

Trotz Holocaust hat das Judentum in Ulm wieder Gegenwart und Zukunft: „Ich fühle mich in Ulm willkommen“, sagt Trebnik, der nun schon 17 Jahre in der Münsterstadt wohnt. 500 Mitglieder hat die Ulmer jüdische Gemeinde, Tendenz steigend, wie Trebnik sagt. Vor drei Jahren waren es noch 450. Ein Glaube, viele Sprachen: Fast alle Juden der Region stammen aus Russland oder anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Deswegen sei auch Deutsch die Sprache in der Synagoge, so Trebnik, weil das sozusagen der gemeinsame Nenner der kunterbunt zusammen gewürfelten Gemeinde ist.

In den vier Jahren ihres Bestehens hat sich die Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs zu einem Motor für die jüdische Gemeinde entwickelt. Das Gebäude ist dabei viel mehr als ein reines Gotteshaus. Es ist ein Ort für Familienfeste, Heimat eines Kindergartens und Büro zugleich. Auch wenn der Kindergarten zuletzt wegen „Personalproblemen“ geschlossen hatte. Es sei schlicht schwierig, gute Mitarbeiter zu bekommen, so Trebnik. Dabei sei es nichteinmal Voraussetzung jüdischen Glaubens zu ein, um hier als Kindergärtner anzufangen. Rabbiner Trebnik, der sich selbst zur orthodoxen Gruppierung Chabad Lubawitsch, bekennt, würde sich manchmal eine etwas offenere Synagoge, hier im Herzen Ulms, wünschen. Die Synagoge, die ja eigentlich auch ein Ort der zufälligen Begegnung sein wollte, öffnet ihre Türen aber nur nach umfangeichen Kontrollen. Leider sei das in der heutigen Zeit anders nicht möglich. „Ich würde mir wünschen, die Welt wäre sicherer.“ Aber bei der derzeitigen sicherheitspoltischen Lage entprächen leider eher mehr denn weniger Sicherheitsvorkehrungen dem Trend der Zeit.

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