Montag, 23. Oktober 2017

12. Oktober 2017 07:00 Uhr

Ulm

Kurdische Rocker schweigen vor Gericht

Acht Mitglieder einer Gruppe namens Bahoz sollen am Schwörmontag einen türkischen Imbiss überfallen haben. Die wollen damit aber überhaupt nichts zu tun gehabt haben. Von Michael Peter Bluhm

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Gegen acht Ulmer kurdischer Abstammung im Alter von 21 bis 30 Jahren hat am Mittwoch ein Prozess am Ulmer Landgericht begonnen, die wegen gemeinschaftlichen Landfriedensbruch in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung angeklagt sind. Sie sollen mitten im Schwörmontagstrubel vergangenen Jahres zum Teil maskiert vor der Kulisse von hunderten vorbeiziehenden Menschen den türkischen Imbiss „Oses Cigköfte“ überfallen und zwei Gäste verletzt haben. Hintergrund des Gewaltexzesses, bei dem die Einrichtung des Imbisses zum Teil durch Stein- und Flaschenwürfe zerstört wurden, soll ein Streit zweier Straßenbanden gewesen, der am 18. Juli 2016 blutig endete.

Bereits eine Stunde vor dem Prozessbeginn im geräumigen Schwurgerichtssaal war das Landgericht von Polizeifahrzeugen umstellt. Um die Sitzung der zweiten Großen Strafkammer zu besuchen, mussten die Besucher zwei Kontrollstationen innerhalb des Gebäudes passieren. Es kamen jedoch keine Handvoll Menschen, doch die aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen ergaben einen Sinn. Denn mit diesen zwei in Ulm relativ neuen Rockergangs ist nicht zu spaßen, die nach Auskunft von Ermittlern sowohl um die Vormacht im Ulmer Drogen und Schutzgeldgeschäft als auch im Rotlichtmilieu einen regelrechten Bandenkrieg führen sollen.

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Möglicherweise verschärfend kommt bei diesen verfeindeten Männerklubs der politischer Hintergrund dazu. Die Angeklagten gehören angeblich der kurdisch-linken Organisation „Bahoz“ an, was übersetzt „Sturm“ heißt. Ihre Schwörmontag-Attacke im vergangenen Jahr galt Vertretern der „Osmanen Germania Boxclub“. Während der kurdischen Vereinigung eine Nähe zur in Deutschland verbotenen PKK nachgesagt wird, sollen die Osmanen angeblich nationalistisch gesinnte Erdogan-Anhänger sein. Inwieweit dieser Hintergrund bei der jetzt vorgeworfenen Straftaten eine Rolle gespielt hat, wird die umfangreiche Beweisaufnahme ergeben, die am Montag, 18. Oktober mit der Vernehmung von sechs Zeugen beginnt.

Insgesamt sind neun Tage bis zum 6. Dezember für das aufwendige Verfahren terminiert. Es zeigte sich schon gestern, dass es die Strafkammer mit einer undurchsichtigen Gemengegelage zu tun. Nach der Verlesung der Anklageschrift nahmen alle acht Angeklagten von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch. Zwei ließen über ihre Anwälte erklären, dass sie mit dem Übergriff auf den Schnellimbiss nichts zu tun hätten. Die Anwälte haben dafür zusätzliche Zeugen benannt, die das bestätigen und im Verlauf des Verfahrens vor Gericht aussagen und ihre Mandanten entlasten sollen.

Der Staatsanwalt schilderte in der Verlesung seiner Anklageschrift den Verlauf des überfallartigen Angriffs der acht Angeklagten auf den Imbissstand, dessen Betreiber der türkisch-nationalistischen Vereinigung „Osmania Germania Boxclub“ nahe stehe. Ermittlungen der Polizei haben ergeben, dass er sogar Präsident der Vereinigung im Bereich Ulm sein soll. Gegen 18.50 Uhr hätten die Kuttenträger zunächst wie aus heiterem Himmel mit Steinen und Flaschen den Schnellimbiss beworfen, sodass die Schaufensterscheibe zerbarst und die Leuchtreklame beschädigt wurde. Dabei sei ein Sachschaden von mindestens 8000 Euro entstanden. Zwei Gäste, die vor dem Lokal saßen, seien durch die Würfe während des Angriffs verletzt worden. Einem Kunden wurde laut Anklage eine Flasche auf den Kopf gehauen, sodass er blutete, ein anderer erlitt Schnittwunden. Ein Gast leidet noch heute, so der Staatsanwalt, an posttraumatischen Belastungsstörungen.

Ein zweiter Vorwurf richtet sich gegen zwei der Angeklagten, die nach dem diesem Vorfall einen Bekannten mit einem Messer in seiner Böfinger Wohnung bedroht haben soll. Sie wollten damit tausend Euro erpressen, weil dieser als „Verräter“ über den Vorfall am Schwörmontag bei der Polizei ausgesagt habe. „Ich steche dir in den Bauch, wenn Du nicht zahlst“, soll ein einer der Angeklagten gesagt haben. Mit dem dermaßen verängstigten Mann soll ein Übergabetreffen auf einem Schulhof am Kuhberg vereinbart worden sein. „Wenn du nicht kommst, bringen wir dich und deine Freundin um“, sollen die Täter ausgerufen haben. Der Mann willigte nur zum Schein ein und ging zur Polizei. Schwere räuberische Erpressung kommt bei diesen Angeklagten zum gemeinschaftlichen Landfriedensraub hinzu, wenn sich die Anklage in diesem Prozess bestätigen sollte.

Warum wurde der Ulmer Nationalfeiertage für den Überfall gewählt? Auch diese Frage könnte im Verlauf der Beweisaufnahme geklärt werden. Einen Tag zuvor habe es nach einer Pro-Erdogan-Kundgebung in Wien einen Angriff auf den Gastgarten eines kurdischen Lokals gegeben. Dessen Inhaber wiederum habe möglicherweise verwandtschaftliche Beziehungen zu „Bahoz“-Anhängern in Ulm. Die Polizei äußerte damals den Verdacht, dass die Ulmer Attacke eine Reaktion auf die Gewalttat in Wien gewesen sei. Es gibt also viel zu klären in diesem Bandenprozess um einen Machtspielchen, windige Geschäfte und einen politischen Kampf, der sich von der Türkei nach Deutschland ausgebreitet hat.

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