Ulm Seit Tagen schon hatte die Belegschaft im Iveco-Lastwagen-Werk im Ulmer Donautal mit dem Schlimmsten gerechnet. Trotzdem, so sagt ein Mitarbeiter, herrschten „Schock und Entsetzen“, als die Geschäftsleitung gestern um 14.30 Uhr verkündete, dass die traditionsreiche Lastwagenfertigung in Ulm vor dem Aus steht. Vorstandsmitglied Laurens Snieders sagte unter den gellenden Pfiffen der versammelten Belegschaft, dass die Lkw-Produktion komplett nach Madrid verlagert werden solle und bestätigte damit die Befürchtungen am Standort: Rund 700 Stellen werden wohl wegfallen. Wann dies der Fall sein und in welcher Form der Stellenabbau vonstattengehen solle, dazu habe sich der Manager nicht geäußert, so erfuhr unsere Zeitung von dem langjährigen Mitarbeiter, der ungenannt bleiben möchte. „Ob es Abfindungen geben wird, ob manche Kollegen das Angebot bekommen, nach Madrid zu gehen, dazu wurde nichts gesagt“, so der Iveco-Mann weiter. Anschließend habe ein Vertreter des Betriebsrats betont, dass es Entlassungen nicht geben solle. Doch Genaueres habe der Arbeitnehmervertreter auch nicht sagen können. Heute will der Betriebsrat demnach zum Krisengespräch zusammenkommen.
Anfang Mai hatten sich die Verantwortlichen bei der Iveco-Konzernmutter Fiat in Turin getroffen, um über die Zukunft des angeschlagenen Lastwagenherstellers in Ulm zu beraten. In den Werkshallen im Donautal machten bange Gerüchte die Runde, berichten Mitarbeiter.
Jahrelange Auftragsmisere und Dauer-Kurzarbeit
Jetzt ist klar: Am traditionsreichen Standort Ulm werden künftig keine Lastwagen für den Warenverkehr mehr hergestellt. Von der größten aller von der Belegschaft befürchteten Katastrophen aber scheint das frühere Magirus-Werk verschont zu bleiben: Eine komplette Werkschließung, mit der nicht wenige gerechnet hatten, soll es nicht geben. Die Brandschutzsparte solle bestehen bleiben und sogar noch ausgebaut werden. Auch die Entwicklungsabteilung werde demnach zumindest vorerst in Ulm bleiben. In Zahlen bedeutet das wohl: Von den rund 1900 Arbeitsplätzen am Standort Ulm sollen rund 700 wegfallen.
Schon lange haben sich die Mitarbeiter gerade der Lastwagensparte große Sorgen um ihre Zukunft gemacht. Die Auslastung ging immer weiter zurück.
Zeitweise wurden rund 24000 Laster pro Jahr in Ulm produziert – hauptsächlich für die Märkte in Südeuropa. Doch die kränkelten in den vergangenen Jahren immer mehr: Der Finanzkrise folgte das Euro-Schuldendesaster. In diesem Jahr werden es nach Schätzungen Eingeweihter wohl nur noch 8000 Fahrzeuge sein, die in Ulm vom Band laufen. Seit mehr als drei Jahren gilt ständig Kurzarbeit. In diesem Mai, so erfuhr unsere Zeitung, solle nur an zehn Tagen gearbeitet werden, weil kaum Aufträge da sind.
Trotz Skandal um Absprachen: Brandschutz bleibt
Negative Schlagzeilen hatte zuletzt auch die Brandschutzsparte produziert. Wegen unzulässiger Preisabsprachen mit Mitbewerbern musste der Hersteller von Feuerlöschfahrzeugen Bußgelder in Millionenhöhe bezahlen. Doch die italienischen Konzernoberen setzen weiter auf den traditionsreichen Standort Ulm und wollen offenbar sogar die gesamte Abteilung für Brandschutztechnik an der Donau konzentrieren.
Es ist die zweite große Hiobsbotschaft für die regionale Wirtschaft innerhalb von nur wenigen Wochen: Erst Mitte März war bekannt geworden, dass die Daimler-Bussparte Evobus am Standort Neu-Ulm (ehemals Kässbohrer) wohl mehrere Hundert Arbeitsplätze abbaut. Mit Iveco hat es nun den anderen großen Fahrzeughersteller von der Donau erwischt: Das Unternehmen Magirus hat seine Ursprünge im Jahr 1865 und wurde 1936 von Humboldt-Deutz übernommen, später firmierte es unter Magirus-Deutz. Ab 1975 gehörte das Werk zur Fiat-Tochter Iveco.
Der langjährige Mitarbeiter erinnert sich noch gut an die Zeit ab Anfang der 1970er Jahre, als rund 10000 Leute in Ulm die Lastwagen herstellten, die als „die Bullen“ aus Ulm überall bekannt waren und das Firmenzeichen mit dem stilisierten Ulmer Münster sogar auf der Brust der Spieler des FC Bayern München prangte: „Es ist ein Jammer zu sehen, was aus der Firma geworden ist.“