Dienstag, 26. September 2017

23. Januar 2012 12:09 Uhr

Besuch

Bett, Schrank, Schreibtisch, Toilette

In der Justizvollzugsanstalt Neuburg-Herrenwörth sind 180 Straftäter untergebracht. Ihnen wird eine Chance gegeben, mit der Vergangenheit aufzuräumen. Ein Besuch

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Neuburg Irgendwie ist alles ziemlich normal. Da stehen ein paar junge Männer in der Ecke und rauchen. In der Werkstatt riecht es nach Öl und Metallspänen. Und trotzdem fühle ich mich unwohl. Alle schielen ein wenig unsicher zu mir herüber – und ich schiele mindestens genauso unsicher wieder zurück.

Denn natürlich ist hier ganz und gar nichts normal, immerhin bin ich hier im Gefängnis. Und alle haben dieselben Klamotten an, grüne Jacken, grau-blaue Hosen. Ob sie wissen, dass ich mich hier mindestens genauso wenig wohlfühle wie sie selbst? Mit einem Unterschied: Ich marschiere nach dem Rundgang durch die Neuburger Justizvollzuganstalt wieder durch den mehrfach gesicherten Eingangsbereich, setze mich ins Auto – und atme erst einmal tief durch.

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Erst langsam löst sich meine Beklemmung

Erst langsam löst sich meine Beklemmung, für die ich mich fast ein wenig schäme. Was bin ich nur für ein Weichei, wenn mir ein paar dicke Betonmauern und vergitterte Fenster schon so aufs Gemüt schlagen? Wie müssen sich erst diejenigen fühlen, die hier oft Monate oder gar jahrelang leben müssen? Ich sehe junge, pickelige Gesichter. Aber ich sehe auch harte Augen.

Mitleid ist hier wohl das falsche Gefühl. Immerhin sitzen in Herrenwörth gut 180 verurteilte Straftäter und müssen im „geschlossenen Vollzug“ für ihre kriminelle Karriere büßen. Sie haben andere Menschen geschlagen, verprügelt, schwer verletzt oder sogar getötet.

Gewalt, immer wieder Gewalt – das hat sie hierher gebracht. Gewalt, die viele der jungen Männer schon von Kindesbeinen an selbst erdulden mussten. Gewalt, die für sie ganz selbstverständlich war, wenn sie es mit anderen Menschen zu tun hatten.

Also kein Mitleid mit den Schlägern und Sexualstraftätern. Manche von ihnen werden als „Jugendliche Intensivtäter“ bezeichnet und einige von ihnen haben mit ihren brutalen Straftaten für traurige Schlagzeilen gesorgt. Mitleid haben sie nicht verdient. Oder doch? Die meisten sind ja noch so jung, irgendwo um die 20 Jahre alt. Und schon hier, im Knast. Endstation? Oder Anfang?

Die nüchternen Zahlen: 1990 wurde die JVA Neuburg-Herrenwörth gebaut und gilt seither und bis heute als „Modellanstalt“. Verteilt auf mehrere Wohngruppen werden rund 180 verurteilte Straftäter therapeutisch betreut und auf ein Leben nach dem Gefängnis und einen „rechtschaffenen Lebenswandel mit sozialer Verantwortung“ vorbereitet. Die Häftlinge hier sind mindestens 16 Jahre alt und selten älter als 21 und müssen Jugendstrafen von maximal drei Jahren absitzen. Es gibt 29 verschiedene Nationalitäten, der Ausländeranteil liegt bei gut einem Drittel. Der größte Teil sind Türken, die allermeisten aber in Deutschland geboren. Gut 80 Vollstreckungsbeamte passen auf sie auf, 17 Beamte sind als Handwerksmeister tätig, zehn Sozialpädagogen und sieben Psychologen arbeiten dort, fünf hauptamtliche Lehrer und außerdem zehn Berufsschullehrer im Stundendienst, dazu ein Arzt, zwei Pfarrer und Verwaltungsangestellte.

Als mir Anstaltsleiter Regierungsdirektor Ernst Meier-Lämmermann und sein Kollege Anton Degenmeier als Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes diese Zahlen erklären, vergesse ich einen Moment lang die dicken Gitter an den Fenstern, die schweren Eisentüren und die spartanisch ausgestattete Einzelzelle, die mir kurz zuvor gezeigt wurde. Keine „Vorführ“-Zelle, ganz spontan schließt Anton Degenmeier die schwere, rote Eisentür auf.

Und es ist kein Hotelzimmer, oh nein! Bett, Schrank, Schreibtisch, Garderobe, Toilette. Auf einer leeren Sprudelkiste steht eine Juccapalme, an der Wand hängen billige Fotos von nackten Frauen. Der graue Linoleumboden macht alles nur noch trister. Es ist nicht schön, nicht gemütlich. Es ist sauber, zweckmäßig, ordentlich. Wohlfühlen kann man sich hier vielleicht. Bestimmt kann man sich hier aber auch einsam, alleine und eingesperrt fühlen.

Und das soll ja auch so sein, das ist ja auch die Strafe, sagt mir mein Verstand – und mein Bauchgefühl sagt dennoch etwas anderes.

Im Schnitt werden pro Jahr 25 Delikte angezeigt

Auch im Knast gibt es Gewalt. Wie könnte es anders sein, immerhin sitzen hier ja 180 junge, temperamentvolle, meistens vor Kraft strotzende junge Männer. Deshalb gibt es auch immer wieder Strafgefangene, die sich auch im Knast neuen Ärger einhandeln und erneut vor dem Jugendrichter am Amtsgericht Neuburg landen. Schlägereien, Beleidigungen – wie im „richtigen Leben“ draußen auch. Im Schnitt werden pro Jahr etwa 25 Delikte angezeigt, hat Anstaltsleiter Meier-Lämmermann ausgerechnet. Das sei im Vergleich relativ wenig, was bestimmt auch an der intensiven Betreuung liegt, die den Häftlingen in Neuburg zuteil wird.

Ob es immer reicht, damit der Sträfling seine Lektion lernt und geläutert aus dem Vollzug entlassen wird? Jeder, der hier einsitzt, soll zumindest die Chance bekommen, als „besserer Mensch“ entlassen zu werden und sein junges Leben neu aufzurollen – ohne Gewalt, ohne Drogen, ohne Alkohol und Kriminalität. Sie können hier zur Schule gehen, Abschlüsse machen, sie können eine Lehre beginnen oder eine abgebrochene Lehre neu aufnehmen. Sie können lernen, sie müssen arbeiten, sie müssen auch lernen, sich in feste Strukturen und zeitliche Abläufe einzufügen. Das alles gelingt sehr oft, oft aber wohl auch nicht.

Ich sehe dem jungen Mann mit den harten Augen hinterher und drücke ihm die Daumen. Hoffentlich packt er es. Und dann atme ich noch mal tief durch und bin froh, wieder „draußen“ in der Freiheit zu sein.

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Deutschland | Drogen

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Ein Artikel von
Alf Geiger

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