Montag, 23. Januar 2017

12. Januar 2017 19:05 Uhr

Neuburg

Der tägliche Kampf mit dem Abc

14 Prozent der Deutschen können nicht richtig lesen und schreiben. Karin Puchinger ist eine von ihnen. Doch sie hatte die Ausreden und Notlügen satt. Von Gloria Geißler

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Für Karin Puchinger ist dieser Zeitungsartikel ein großer Schnitt in ihrem Leben. Es wird ein Davor und ein Danach geben. Das alte Leben, in dem sie ständig unter Anspannung stand, denn keiner durfte von ihrem Geheimnis erfahren. Und das neue Leben, in dem ganz Neuburg Bescheid weiß über ihr Handicap und die Mühen und Sorgen, die damit verbunden sind. Doch Karin Puchinger ist eine mutige Frau, deswegen entschließt sie sich während des Interviews spontan, den Artikel nicht anonym erscheinen zu lassen, sondern ihren Namen zu nennen. „Ich habe eine Schreibschwäche und jetzt stehe ich dazu“, sagt sie entschlossen.

Seit sie den Alphabetisierungskurs bei der Neuburger Volkshochschule (Vhs) besucht, hat ihr Selbstbewusstsein einen großen Schub gemacht. Schon jetzt, nach drei Monaten Unterricht, schreibt sie Absätze ohne Fehler und hat einen ganz neuen Zugang zur deutschen Sprache entwickelt.

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Die vergangenen 50 Jahre waren, was das anging, ein einziger Kampf. Einkaufszettel traute sich Karin Puchinger nicht zu schreiben. Sahne ohne h, Himbeere mit zwei m oder Brot mit p. Nicht auszudenken, wenn einem ihrer Kinder der Zettel in die Hände gefallen wäre, oder gar ein anderer Kunde im Supermarkt ihn gefunden hätte. „Man wird dann immer hingestellt, als wäre man dumm“, erklärt die 55-Jährige die peinlichen Situationen. „Aber ich bin nicht dumm, ich kann nur nicht richtig schreiben.“ Die Gedächtnisleistung, die Puchinger an den Tag legt, ist beeindruckend. Schließlich schreibt sie sich nichts auf, merkt sich alles.

Mit Auswendiglernen und geschickten Vertuschungen hat Puchinger ihr bisheriges Leben gemeistert. Sie hat sich Nachmittage lang die Schriftzeichen für das Diktat eingeprägt, um sie in der Prüfung am nächsten Tag aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Sie hat die Führerscheinprüfung auswendig niedergeschrieben und aufs erste Mal bestanden. Auch in der Schule ahnte kaum einer etwas von ihrem Problem. „Sitzengeblieben bin ich nie.“ Bis heute wissen nur ihr Mann und eine Freundin, dass sie Analphabetin ist. Ihre Kinder, ihre Arbeitgeber – niemand sonst wusste Bescheid.

Bis heute. „Ich dachte mir lange, dass es auch ohne Rechtschreibung geht. Ich hatte es ja die ganzen Jahre über geschafft.“ Außerdem wusste sie auch gar nicht so genau, an wen sie sich mit ihrem Problem wenden sollte. Das Schlüsselerlebnis war der Besuch beim Arbeitsamt. „Die Dame dort wollte mich wieder zu einem Computerkurs schicken. Aber den hatte ich schon einmal gemacht und bin total untergegangen. Da wollte ich nicht wieder hin. Deswegen blieb mir nichts anderes übrig, als der Sachbearbeiterin die Wahrheit zu sagen.“ Die wiederum machte sie auf die Alphabetisierungskurse bei der Vhs aufmerksam.

In Deutschland sind rund vier Prozent der Erwachsenen totale sowie mehr als 14 Prozent sogenannte funktionale Analphabeten, die nicht fließend lesen und schreiben können. „Das ist eine enorme Zahl“, wie die Leiterin der Neuburger Vhs, Christa Jerominek-Mundil, findet. Doch bei den Teilnehmern am Alphabetisierungskurs ist noch Luft nach oben. „Die wenigsten trauen sich, dieses Problem anzupacken.“ Karin Puchinger hat es getan und den Schritt nicht bereut. Das Versteckspiel hat endlich ein Ende. Keine Ausreden mehr zu erfinden, wenn sie spontan etwas schreiben oder ausfüllen musste, keine Begleitperson mitnehmen zu Behörden oder zu Anmeldungen. „Ich war Meister der Notlügen“, erzählt sie. „Meistens sagte ich, dass ich meine Brille vergessen hätte. Denn auf die Wahrheit reagieren viele Menschen nicht sehr nett.“

Diese Art der Trickserei hat Puchinger inzwischen nicht mehr nötig. In den vergangenen drei Monaten hat sie enorme Fortschritte gemacht. Eineinhalb Stunden die Woche trainiert Inge Tobis das Sprachgefühl der 55-Jährigen. Tobis gibt die Stunden ehrenamtlich und im Einzelunterricht. „Bei Gruppenunterricht steht vielen das Schamgefühl im Weg“, weiß Jerominek-Mundil. Sie hofft, dass durch den mutigen Schritt von Karin Puchinger sich nun auch andere Analphabeten trauen, einen Kurs zu besuchen.

Infos Interessierte können sich bei der Vhs unter Telefon 08431/9119 melden.

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