Donnerstag, 18. Januar 2018

15. November 2017 15:57 Uhr

Ingolstadt

Nach Berlin reizt sie jetzt der Landtag in München

20 Jahre lang saß Eva Bulling-Schröter im Bundestag. Im Interview erzählt sie, was sie besonders bewegt hat und wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Von Thomas Balbierer

i

Eva Bulling-Schröter saß 20 Jahre lang für die Region im Bundestag. Für die aktuelle Wahlperiode trat sie nicht mehr an. Die Linke will für den bayerischen Landtag kandidieren.
Foto: Thomas Balbierer

Eva Bulling-Schröter (Die Linke) kommt mit tierischer Begleitung. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken hat ihren Hund Chico ins Café „Holler“ mitgebracht. Er war acht Monate alt, als die Politikerin ihn aus dem Neuburger Tierheim holte. Inzwischen ist Chico zwölf und ein „Hundeopa“, wie Bulling-Schröter sagt. Für ihren Hund hat die 61-Jährige jetzt wieder mehr Zeit, im Oktober schied sie nach 20 Jahren aus dem Bundestag aus. Die Politik will Eva Bulling-Schröter jedoch nicht verlassen, wie sie im Interview erklärt.

Frau Bulling-Schröter, wie haben Sie den 24. Oktober verbracht?

ANZEIGE

Bulling-Schröter: Der 24. Oktober war der letzte Tag meiner Legislatur. Ich war im Urlaub mit Freunden, zu Gast im Hundehotel in Rötz (Landkreis Cham – Anm. d. Red.). Dort fahre ich jedes Jahr hin.

An diesem Tag fand die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags statt. Nach 20 Jahren Mitgliedschaft gehören Sie dem Parlament nicht mehr an. Mit welchen Gefühlen blicken Sie jetzt nach Berlin?

Bulling-Schröter: Mit sehr gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite freut es mich, dass die bayerische Linke massiv stärker geworden ist. Wir haben jetzt nicht vier, sondern sieben Abgeordnete. Aber natürlich der Wermutstropfen: Es ist zum ersten Mal eine rechtsextremistische Partei im Bundestag.

Sie waren von 1994 bis 2002 und von 2005 bis 2017 Mitglied des Bundestags. Fällt der Abschied nicht schwer?

Bulling-Schröter: Ich habe mich ja ganz bewusst dafür entschieden, nicht mehr zu kandidieren. Natürlich bin ich da ein bisschen wehmütig. Aber ich möchte ja mal was anderes machen. 20 Jahre sind genug.

Sie sprechen damit schon Ihre Zukunft an. Sie haben durchaus noch politische Ambitionen.

Bulling-Schröter: Ja, ich habe fest vor, für den bayerischen Landtag zu kandidieren. Ich werde mich auch hier in der Region mehr politisch einbringen. Die Partei aufbauen, mit den Menschen vor Ort mehr reden. Ich bekomme jetzt schon Anrufe von Menschen, die sagen: ,Du warst doch im Bundestag, kannst du uns nicht helfen?’

Was reizt Sie daran, nach München zu wechseln?

Bulling-Schröter: Da ist zum einen die Frage der Demokratie in Bayern. Die Menschen wollen wesentlich mehr mitreden. Ich stelle fest, dass in Bayern die große Staatspartei CSU alles entscheidet. Die Leute wollen aber mehr Vielfalt. Eine andere Frage ist das Thema der strukturarmen Regionen. Wenn man weiß, dass in Starnberg ein Mann zehn Jahre älter wird als in Hof, dann gibt es da große Defizite. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Auch die Wohnungsnot und die Klimapolitik sind drängende Themen. Wie auch die Art, wie die CSU mit Flüchtlingen umgeht.

Aktuell haben Sie kein politisches Mandat, Ihre Bundestagsmail ist abgeschaltet. Wie sieht derzeit Ihr Tagesablauf aus?

Bulling-Schröter: Momentan räum’ ich noch ganz viel auf. Da sind Berge von Papier. Dazu mache ich Parteiarbeit für den Kreisverband und habe gerade ein Positionspapier zum Thema Flächenfraß-Volksbegehren für den Landesverband verfasst. Natürlich bliebt jetzt mehr Zeit, um mich mit Freunden zu treffen. Und ich gehe viel mit meinem Hund spazieren.

Nachdem Sie aus dem Bundestag ausgeschieden sind, schickt der Wahlkreis 216 mit Reinhard Brandl von der CSU nur noch einen Abgeordneten nach Berlin. Was bedeutet das für den politischen Einfluss der Region?

Bulling-Schröter: Das finde ich sehr schade. Es bedeutet zum Beispiel, dass die Medien zukünftig nur den einen Bundestagsabgeordneten zitieren werden. Trotzdem wünsche ich mir, dass auch die Opposition hier mehr zu Wort kommt. Denn ob die Region durch Abgeordnete vertreten ist oder nicht: es gibt natürlich eine politische Meinung. Für jeden Wahlkreis gibt es außerdem einen Betreuungsabgeordneten, der die Anliegen unserer Wähler mitvertritt. Mein Wahlkreisbüro übernimmt eine Linken-Abgeordnete aus dem Wahlkreis München-Land.

Verlieren Anliegen aus Ingolstadt und den Landkreisen Neuburg-Schrobenhausen sowie Eichstätt an Geltung?

Bulling-Schröter: Als ich 1994 in den Bundestag kam, gab es vier Abgeordnete, dann drei und in der vergangenen Wahlperiode waren es noch zwei. Als Horst Seehofer Ministerpräsident wurde, war ich kurz sogar die einzige Abgeordnete. Und jetzt haben wir wieder nur einen. Da müssen wir, die fortschrittlichen Kräfte, präsenter sein. Für die Gesetzgebung spielt das eher keine Rolle, denn die Anliegen der Opposition werden im Bundestag eher ignoriert.

Was sagen Sie zu den politischen Turbulenzen in Ihrer Bundespartei? Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und Parteivorsitzende Katja Kipping bekämpfen sich, der Bundesgeschäftsführer ist deshalb zurückgetreten.

Bulling-Schröter: Ich finde, das ist alles unangemessen. Das ist eine Art von Egomanie. Die Wählerinnen und Wähler haben sie nicht dafür gewählt, dass sie sich streiten. Sondern, damit sie Probleme lösen.

Im Bundestag haben Sie sich besonders für Klima- und Energiepolitik, Umwelt, Natur- sowie Tierschutz eingesetzt. Welche Anliegen waren Ihnen besonders wichtig?

Bulling-Schröter: Wichtig war mir zum Beispiel, den Tierschutz ins Grundgesetz zu bringen. Daran haben wir 1998 sehr viel gearbeitet und schließlich einen eigenen Antrag eingebracht. Leider ist dann nichts weiter passiert, was mir sehr leidtat (2002 wurde der Tierschutz schließlich doch ins Grundgesetz aufgenommen - Anm. d. Red.). Ein großes Anliegen war auch der Atomausstieg. Das waren heftige Debatten. Unter Rot-Grün wurde der Atomausstieg beschlossen. Wir haben damals darauf hingewiesen, dass er jedoch revidierbar sei. Wir hatten leider recht. Er wurde unter Angela Merkel tatsächlich erst revidiert und dann nach Fukushima 2011 wieder beschlossen. Was mich sehr gefreut hat, war die Einführung des Mindestlohns. Daran haben wir zehn Jahre lang gearbeitet. Eine ganz wichtige Sache. Das heften sich jetzt aber andere an die Fahnen.

Der Mindestlohn ist eine Entscheidung, die sich ganz konkret auf das Leben Ihrer Wähler auswirkt. Welche anderen Themen haben Sie aus der Region ins Parlament getragen?

Bulling-Schröter: Da ist zum Beispiel das Thema Leiharbeit. Wir haben in Ingolstadt viele Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter. Bundesweit sind es über eine Million. Ich halte das für falsch. Am liebsten würde ich die Leiharbeit abschaffen. Denn es ist ein Sklaventum mit wenigen Rechten und niedrigen Löhnen.

4,8 Prozent hat die Linke bei der Bundestagswahl im Wahlkreis 216 erhalten. Sehen Sie in dieser wohlhabenden Region ausreichend Themen für Ihre Partei?

Bulling-Schröter: Natürlich gibt es die! Die Frage der Pflege zum Beispiel. In allen Krankenhäusern fehlt Personal, die Pfleger arbeiten sich auf. Der Pflegenotstand ist auch in Ingolstadt ein Thema. Unsere Partei verzeichnet momentan einen starken Mitgliederzuwachs, gerade bei jungen Leuten. Für die spielt etwa die Befristung von Arbeitsverhältnissen eine große Rolle. Auch der Klimawandel ist für viele junge Leute ein Anliegen.

Im Jahr 2002 scheiterte Ihre Partei, die damals noch PDS hieß, an der Fünf-Prozent-Hürde und flog aus dem Bundestag. Später haben Sie das als Ihre größte politische Niederlage bezeichnet. Sie kehrten in Ihren Job als Schlosserin zurück. Wie war das damals?

Bulling-Schröter: Nach acht Jahren an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren, war schwer. Vor allem die körperliche Anstrengung. In den ersten Wochen war ich fast klinisch tot. Aber ich wollte mir auch selber beweisen, dass ich es noch kann. Mit dem Bundestag hatte ich erst einmal abgeschlossen.

Sie sprechen von der körperlichen Anstrengung. War der Mandatsverlust auch psychisch belastend?

Bulling-Schröter: Es war ein Schock damals. Am Wahltag, so um 17 Uhr, habe ich erfahren: Wir sind raus. Und aus diesem Loch muss man sich rauskämpfen.

Haben Sie damals überlegt, Schluss zu machen mit der Politik?

Bulling-Schröter: (schüttelt den Kopf) Nein, nein, nein.

Als Arbeiterin waren Sie ein seltenes Exemplar in einem Bundestag, der hauptsächlich aus Juristen, Politologen oder Volkswirten bestand. Fehlen die Arbeiter im Parlament?

Bulling-Schröter: Natürlich! Ich würde mir auch aus dem Gesundheitsbereich mehr Menschen wünschen. Aber nicht nur Ärzte, sondern Krankenschwestern, Pfleger, Kindergärtnerinnen. Auch Verkäuferinnen. All die sind ja nicht im Bundestag vertreten. Man muss kein Akademiker sein, um wie in meinem Fall Interesse für Umwelt oder Tierschutz zu entwickeln. Ich habe mich schon früher als Betriebsrätin mit Umweltpolitik beschäftigt.

Welche Kuriosität ist Ihnen in den 20 Jahren in Erinnerung geblieben?

Bulling-Schröter: (lacht) Ich habe einmal erlebt, dass ein betrunkener Kollege nachts im Bundestag eine Rede gehalten hat. Der hat dann über den Schnee auf der Reichstags-Kuppel gesprochen...

Im Bundestag sind Hunde verboten. Wenn Sie nächstes Jahr in den bayerischen Landtag einziehen sollten: Darf Chico dann mit?

Bulling-Schröter: Das weiß ich leider noch nicht.

i

Ihr Wetter in Neuburg
18.01.1818.01.1819.01.1820.01.18
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                Schneeregen
	                                            Wetter
	                                            Schneeschauer
                                                Wetter
                                                Schneeschauer
Unwetter1 C | 7 C
-2 C | 4 C
-3 C | 3 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Top-Angebote

Alle Infos zum Messenger-Dienst
Alles rund um die Basketballer

Bauen + Wohnen

Unternehmen aus der Region

Schlagzeilen aus der Nachbarschaft
Kennen Sie den TSV Neuburg?

Partnersuche