Samstag, 21. Oktober 2017

27. September 2016 09:42 Uhr

"Drachenreiter"

Lohnt sich Cornelia Funkes neuer Roman "Die Feder eines Greifs"?

Ab sofort gibt es Cornelia Funkes neuen Roman "Die Feder eines Greifs" zu kaufen. Lohnt sich die Fortsetzung der Reihe "Drachenreiter" nach 19 Jahren?

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19 Jahre ist es her, dass die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke ihren Drachenreiter Ben auf dem silbernen Drachen Lung in ein Abenteuer schickte. „Es war damals mein erstes dickes Buch, an das ich mich traute, und es hat mir beigebracht, was ich gerne schreibe“, erinnert sie sich. Was sie selbst gerne schrieb, das gefiel auch vielen anderen: Funke ist eine der meistgelesenen deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren und „Drachenreiter“ markiert den Anfang einer Karriere, die sie nicht nur immer wieder auf die internationalen Bestsellerlisten führte, sondern 2005 auch auf die Liste des Time Magazines mit den 100 bedeutendsten Persönlichkeiten.

"Die Feder eines Greifs": Der Drache Lung und sein Reiter Ben

Was damals also mit „Drachenreiter“ begann, hat jetzt eine Fortsetzung gefunden. Am heutigen Montag erscheint durch „Die Feder eines Greifs“ ein zweiter Band mit dem Drachen Lung und seinem Reiter Ben. Damalige Leser sind nun in fortgeschrittenem Alter, doch weiß man um die All-Age-Kompatibilität der Autorin, die anhand ihrer „Tinten“-Trilogie und den „Reckless“-Bänden auch die erwachsenen Leser an sich binden konnte. Für Neueinsteiger sind allerlei Rückgriffe auf den ersten Band enthalten, die das Buch zu Beginn ein wenig langsam in Fahrt kommen lassen – müssen doch all die Figuren mit ihren eigentümlichen Wesenszügen und ihren Bezügen zueinander noch einmal vorgestellt werden: der silberne Drache, der sich vom Licht des Mondes ernährt, der Waisenjunge Ben, der von der Familie Wiesengrund, engagierten Fabelwesenschützern, adoptiert wurde, die Koboldin Schwefelfell, der Homunkulus Fliegenbein. Aber es sind leider nicht nur die Protagonisten der Handlung: Unzählige andere Fabeltierarten werden außerdem erwähnt, jede noch origineller, wunderbarer und einzigartiger als die andere. Das nervt mehr, als es Staunen macht.

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Dass es Funke darum geht, die Welt in ihrer Vielfalt und Schönheit zu würdigen und sich für Schutz und Erhalt einzusetzen, das hat sie der Geschichte schon in einer moralisierenden Widmung vorangestellt: „Ich habe diese Geschichte nicht für die geschrieben, die die Welt regieren wollen. Nicht für die, die ständig beweisen müssen, dass sie stärker, schneller, besser als alle andern sind… Diese Geschichte ist für all die, die den Mut haben zu beschützen, statt zu beherrschen, zu behüten statt zu plündern und zu erhalten statt zu zerstören.“

Cornelia Funke: "Die Feder eines Greifs" mit faszinierenden Figuren

Nicht 19, sondern nur zwei Jahre sind seit der Geschichte des ersten Bandes vergangen: Lung und seine Gefährten leben am Saum des Himmels im Himalaya, und der 14-jährige Ben hat sich mit seiner Familie nach Norwegen zurückgezogen, in das verborgene Tal Mimameidr, eine Art Schutzzone für Fabelwesen. Dorthin kommt ein Pegasus, der letzte seiner Art, mit drei mutterlosen Eiern, die ausgebrütet werden müssen. Damit sie wachsen, sind sie mit dem Saft der Sonnenfeder eines Greifs einzureiben. Doch Greife sind nicht nur grausame und herrische Tiere, sie hassen auch Pferde und Drachen. Es ist also nicht davon auszugehen, dass Ben und seine Familie mit deren Hilfe rechnen können. Die Suche nach den Greifen führt sie nach Indonesien, und es endet im Dschungel mit einem wirklich furios erzählten Showdown. Ja, man muss diesen Film-Begriff verwenden, so gegenwärtig macht Funkes Erzählkunst diese Szenen, in denen es zum Kampf des Greifs mit dem silbernen Drachen kommt.

Vergessen ist also der schleppende, verwirrende Beginn. Funke zieht in gewohnter Weise tief hinein in ihre Geschichte, zeichnet Figuren (auch in Illustrationen zum Buch), die liebenswert wie faszinierend sind, und greift Motive anderer Kulturen auf. Ihre Botschaft, die sie anfangs hinausposaunt, wird so mit Spannung und Fabulierlust in eine funkelnde Geschichte verpackt, die auch Ironie nicht missen lässt. „Haben wir nicht die beste Arbeit der Welt? Auch wenn man uns dafür ab und zu in einen Käfig sperrt?“, fragt Barnabas Wiesengrund, und Ben antwortet: „Die Allerbeste!… Wen retten wir als Nächstes?“

Der Pegasus wird gerettet, das kann man sich denken. Dass Funke dabei nicht nur der Schutz der Artenvielfalt am Herzen liegt, sondern auch der von Poesie und Fantasie – schließlich ist der Pegasus das geflügelte Pferd, das Dichter inspiriert –, dies hat sie wieder einmal bewiesen.

Funke, Cornelia: Drachenreiter – Die Feder eines Greifs. Dressler, 416 Seiten, 18,99 Euro – ab 10 Jahren

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Ein Artikel von
Birgit Müller-Bardorff

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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