Dienstag, 20. Februar 2018

17. Mai 2016 12:10 Uhr

München

Was macht ein gutes Preislied beim ESC aus?

Erst der Eurovision Song Contest, dann die Premiere einer Neuproduktion von Wagners "Meistersinger" in der Münchner Staatsoper. Was haben die beiden Veranstaltungen gemeinsam?

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In der Staatsoper in München feierte am Pfingsmontag eine Neuproduktion von Wagners "Meistersingern" Premiere.
Foto: Marc Müller / dpa / Archiv

Perfekt: Diese intelligente, unterhaltsame, unangestrengt modernisierte „Meistersinger“-Bühnenschau lief nicht am Pfingstsamstag parallel zum „Eurovision Song Contest“, sondern – zeitversetzt – am Pfingstmontag.

Damit so mancher tatsächlich vergleichen konnte, damit so mancher zunächst vor dem Fernseher, dann bei der Staatsopernpremiere in München verfolgen konnte: Was macht ein gelungenes Preislied aus? Was kann man damit gewinnen? (Antwort: In Stockholm eine Trophäe und nationales Renommee, in München einen Pokal und eine Blondine). Und: Wie deutlich darf ein politisches Lied werden, damit der Interpret noch Gehör findet? Schließlich, vollkommen überraschend: Was braucht man im Kreuz, wenn man den 1. Preis spontan ausschlagen möchte?

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Stolzing gewinnt, weil er nicht der Gunst des Volkes nachläuft

Vor allem aber konnte sich so mancher darüber ein paar Gedanken machen, welche Konventionen, welches Strickmuster, welche Machart notwendig sind, damit ein Song neu und preisverdächtig und mehrheitsfähig ist – also nicht zu neu, zu kühn. Richard Wagner, kein schlechter Komponist und Ästhet vor dem Herrn, hat zu diesem Thema etliche Verse in seinen „Meistersingern“ untergebracht. Etwa folgende: „Der Kunst droht allweil Fall und Schmach, läuft sie der Gunst des Volkes nach.“ Klingt altväterlich, bleibt aber wahr.

Der Gunst des Volkes nachlaufen: Genau dies tut Stolzing in Wagners hinreichend komischer Oper nicht. Und er gewinnt trotzdem oder gerade deswegen – freilich auch, weil der Mitbewerber etwas schwach ist auf der Brust, im Kopf und in der Statur. Jonas Kaufmann singt diesen Stolzing in München, Jonas Kaufmann, dieser Bühnenstar, den es hier als hitzköpfigen Straßenmusikanten in Lederjacke und Turnschuh auf die Piazza eines heruntergekommenen Beton-Vororts schneit – halb deutsch, halb italienisch, halb 60er-Jahre, halb Gegenwart. Alter Zigarettenautomat, neue Mülltonne.

Stolzing lehnt den Meisterpokal vollkommen unerwartet ab

Stolzing also räumt mit seinem Liebeslied ab beim Wettsingen, das aufgezogen ist als Medienspektakel, als Top-Event, als „Pogner-Vision“ (statt Eurovision) in einer Art Mehrzwecksaal oder modernem Bierzelt mit Publikum in bajuwarischem Dresscode. Was aber tut er dann, nachdem er die ausgelobte blonde Eva gewonnen hat? Etwas vollkommen Unerwartetes in der „Meistersinger“-Bühnenrezeption, etwas, das nicht in Wagners Textbuch vorgeschrieben wird: Er nimmt zwar Eva – lehnt den Meisterpokal aber ab. Meister will er nicht sein, jedenfalls nicht unter diesen Meistern, die im Prinzip nur das Immergleiche feiern. Nicht neben diesem Sachs mit seinen national gefärbten Gedanken. Stolzing packt seinen Gitarrenkoffer, seine Reisetasche, seine Eva – vollendet wird die zuvor geprobte Flucht aus der Spießer-Gesellschaft mit ihrer latent gewalttätigen Gesinnung.

Und dann ist dieser große, zartbittere Opernabend zu Ende, den David Bösch zeitgemäß und plausibel, nur gelegentlich etwas zu neckisch im ausgetüftelten Straßen-Bühnenbild von Patrick Bannwart inszenierte und den ein bestens aufgelegtes Orchester-, Chor- und Solistenensemble musikalisch trug. Es fehlte sich nix, alle waren präsent:

Kirill Petrenko, „Meistersinger“-Debütant, ließ sofort aufhorchen, weil er schon das Vorspiel deutlich flüssiger als die Konkurrenz dirigierte – und im Verlauf der Aufführung auch das Leise, Schlanke, Kammermusikalische vertiefte. Magisch: Vorspiel zum 3. Aufzug und das Quintett vor der Festwiese!

Der Chor, weil er Volkes Stimme ambivalent Wucht verlieh!

Die Solisten, weil sie durchweg individuelle Charaktere spielten und vokal sorgsam besetzt waren. In der Gesamtleistung über Jonas Kaufmann zu stellen war Wolfgang Koch als Sachs, da er noch eine Spur prononcierter, belkantistischer sang als der gleichwohl klug phrasierende Startenor. Koch dürfte auf dem Höhepunkt seiner Kunst sein.

Auch Christof Fischesser als Pogner beeindruckte tief. Ein ganz eigener Spieltenor: Benjamin Bruns als David; jung und frisch strahlend: Sara Jakubiak als Eva. Als aufgewertete und tragische Figur nahm Beckmesser (Markus Eiche) für sich ein. Ovationen, durchsetzt mit Buhs für die Regie.

Nächste Aufführungen 22., 26., 29. Mai; 4. Juni; 28., 31. Juli

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Ein Artikel von
Rüdiger Heinze

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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