Dienstag, 21. Februar 2017

20. Januar 2011 11:13 Uhr

Islam-Debatte

«Aufstand der Kopftuchmädchen»

Runter mit den Kopftüchern und Schluss mit der Gehirnwäsche in Korankursen mitten in Deutschland. Das fordert die Muslimin und SPD-Politikerin Lale Akgün in ihrem neuen Buch «Aufstand der Kopftuchmädchen».

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Schülerinnen mit Kopftuch.
Foto: DPA

Runter mit den Kopftüchern und Schluss mit der Gehirnwäsche in Korankursen mitten in Deutschland. Das fordert die Muslimin und langjährige SPD-Politikerin Lale Akgün in ihrem neuen Buch «Aufstand der Kopftuchmädchen».

Ein gläubiger Muslim braucht keine Moschee, muss nicht beharrlich fasten, Frauen dürfen immer alles, was Männer dürfen, Schweinefleisch und Alkohol unterliegen keinem Total-Tabu. Die langjährige SPD-Politikerin Lale Akgün will viel frischen Wind für den Islam, ihn aus seinem «fundamentalistischen Gefängnis» befreien, einer modernen Religion «ohne Kopftuch, Zwangsheirat und Ehrenmord» den Weg bahnen. In ihrem neuen Buch «Aufstand der Kopftuchmädchen» kritisiert die Kölner Muslimin die Rolle der Imame und islamischen Verbände, «Kadavergehorsam» in Moscheegemeinden und eine weit verbreitete «mittelalterliche Lesart» des Koran.

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«Wir modernen Muslime müssen den Islam aus den Klauen des Patriarchats befreien», sagt die türkischstämmige Autorin der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag vor einer Buchvorstellung in Berlin am Abend. Die meisten Imame in Moscheegemeinden hierzulande sind Akgün zufolge «stramm konservativ» und keineswegs an einer Integration ihrer Mitglieder interessiert: «Die Imame sind keine Integrationslotsen oder Brückenbauer, das ist lächerlich. Das Gegenteil ist der Fall, sie binden ihre Klientel an sich und leben davon, dass die Menschen zu allererst auf sie hören», sagt sie.

Akgün, die bis 2009 SPD-Bundestagsabgeordnete und Islambeauftragte der Fraktion war, sieht auch den Staat in der Pflicht, in den Koranschulen genau hinzugucken: «Sehr viele Kinder werden in Deutschland in die Koranschulen geschickt und einer Gehirnwäsche unterzogen, da geht es nur um das stupide Auswendiglernen des Koran», beklagt die Expertin. «Die Imame indoktrinieren die Jugend und sagen ihnen: »Wir frommen Muslime sind die Guten und die anderen sind die Bösen». Das ist gefährlich - und das Gegenteil von Integration.»

In ihrem Buch schreibt die Psychologin, vielen Muslimen seien die wirklichen Grundlagen des Islam gar nicht bekannt. In dieser Religion seien «Pseudopropheten» wie die Imame überhaupt nicht vorgesehen - und hätten damit auch kein Recht, Vorgaben und Vorschriften zu machen. Die gut organisierten konservativen Vereine - etwa der Zentralrat der Muslime (ZMD) oder die türkische Ditib - nutzten das geringe Wissen vieler Gläubiger aus, schreibt Akgün: «Nur weil so viel Unwissenheit herrscht und die Muslime in Deutschland zu einem recht großen Prozentsatz zu den eher Ungebildeten gehören, können Imame, Hodschas und Funktionäre in das Vakuum vorstoßen, das es zwischen Gott und den Gläubigen eigentlich gar nicht geben dürfte.»

«Muslimische Organisationen und ihre Imame tendieren dazu, den Koran wortwörtlich auszulegen. Wir leben aber nicht im sechsten Jahrhundert und auch nicht auf der arabischen Halbinsel», kritisiert die Autorin weiter. Von Kopftuch und Burka sei im Koran keine Rede. «Das Kopftuch ist ein Mittel der Abgrenzung, ein eiserner Vorhang für den Kopf und den Rest der Frau», schreibt Akgün. Viele Musliminnen hätten das ewige Rechtfertigen satt und gingen - mit Kopftuch - den Weg des geringsten Widerstands. Aber: «Keiner braucht es.» Die Vollverschleierung mittels Burka nennt sie «Mittel der Apartheid», «Gefängnis für Frauen», männliches «Machtwerkzeug».

Akgün redet auch beim Streitthema Moscheebau Klartext: Wer sich für einen großen Bau entscheide, wie Ditib in Köln, dem gehe es vor allem um eine Machtdemonstration. Im Islam können die Muslime überall beten, betont die Kölnerin. «Aus religiöser Sicht brauchen wir also keine Moscheen.» Unter den rund 4,3 Millionen Muslimen in Deutschland zählt sie rund 10 Prozent zu den modernen Gläubigen, 10 bis 15 Prozent zu den sehr konservativen bis ultraorthodoxen Muslimen.

Es gehe nun darum, die breite Masse für eine Reform zu gewinnen, sagt Agkün. «Die Muslime müssen selbst sagen, wie sie den Islam von innen reformieren, liberaler und aufgeklärt gestalten wollen.» Immer mehr junge Musliminnen wollten sich aus Unterordnung und Fremdbestimmung durch die Männer befreien, das gelte es zu unterstützen. «Ein selbstbestimmtes, freies Leben ist mit dem Islam selbstverständlich vereinbar. Das müssen wir den jungen Frauen sagen und in die muslimischen Familien hineintragen.» dpa

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