Montag, 21. August 2017

25. März 2017 19:33 Uhr

Kreis Augsburg

Cannabis - eine Hoffnung für Schmerzkranke?

Melanie Mayr aus Gessertshausen leidet an Rückenschmerzen, weder Operationen noch Medikamente helfen. Nun hat sie das vermeintliche Wundermittel Cannabis ausprobiert.

i

Nur eine Handvoll Pokale fast versteckt im Flur ihrer Wohnung erinnern noch an Melanie Mayrs altes Leben. Die 46-Jährige gewann die Pokale bei Reitturnieren, bis 2005 war sie Berufsreiterin. „Ein Knochenjob“, sagt sie. In jungen Jahren ritt die Gessertshauserin bis zu acht Pferde täglich, schuftete stundenlang im Stall. Jetzt ist ihr Rücken kaputt. Die Lendenwirbel sind zerstört, operiert und verschraubt. Mayr kann kaum sitzen. Kaum liegen. Kaum laufen. Jetzt sitzt sie in der Hocke im Wartezimmer ihres Hausarztes – das entlastet den Rücken – und hofft auf ein Wunder.

Seit Anfang März können alle Ärzte Patienten medizinisches Cannabis verschreiben. Gerade für chronische Schmerzpatienten wie Mayr hat sich der Wirkstoff schon lange bewährt. Bisher mussten Patienten in Deutschland aufwendige Sondergenehmigungen bei der Bundesopiumstelle beantragen und die Kosten von bis zu 1000 Euro monatlich selber tragen. Jetzt kann jeder Patient ohne viel Aufwand Cannabis verschrieben bekommen, die Krankenkassen müssen für die Therapie zahlen. Nur in „begründeten Ausnahmefällen“ dürfen sie ablehnen.

ANZEIGE

„Ich habe noch nie einen Joint geraucht“

Es ist viel los im Wartezimmer, als Melanie Mayr ihren Termin hat. Die Luft ist überheizt und stickig. Wenn Mayr steht, wankt sie permanent von einem Bein auf das andere. Muss sie warten, geht sie in die Hocke. Ihrem Rücken zuliebe. Mayr ist schlank, ihr blonder Zopf hängt ihr weit über die Schulter. Ein paar dezente lila Strähnchen lockern ihn als schönen Kontrast auf. Ihr Gesicht ist ebenmäßig, fast faltenfrei. Auf den ersten Blick wirkt die 46-Jährige viel jünger, als sie ist. Erst der Rollator, der vor ihr steht, lässt sie viel älter aussehen. „Ich habe noch nie einen Joint geraucht und lehne auch Drogen total ab“, sagt Mayr. Aber wenn ärztlich verordnetes Cannabis ihr helfen kann, die Schmerzen zu vergessen, will sie es probieren. Dass sie davon abhängig werden könnte, macht ihr keine Angst – denn ohne ihre tägliche Dosis starker Schmerzmittel geht es auch jetzt schon nicht.

Doch so einfach ist es nicht, an das neu zugelassene Medikament zu kommen: Ihr Hausarzt verschreibt ihr erst einmal „Sativex“. Das Spray, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, ist eigentlich für Patienten mit der Muskelkrankheit Multiple Sklerose zugelassen. Es enthält Auszüge von Cannabidiol und THC, den Wirkstoffen in Marihuana, die berauschen und entspannen. Der Arzt möchte, dass Mayr erst das Spray ausprobiert, bevor er ihr die Cannabis-Blüten pur verschreibt. Er sorge sich um den Ruf der Praxis, wenn bekannt wird, dass er Rezepte für die Drogenpflanze ausstellt, erzählt Mayr nach dem Termin.

Ärzte haben Angst um den Ruf ihrer Praxen

Jakob Berger vom bayerischen Hausärzteverband kann das verstehen. „Die Angst ist begründet, sie gilt für alle Betäubungsmittel“, sagt der Mediziner. Berger hält nicht viel von der neuen Gesetzeslockerung. „Ich würde zu einem sehr restriktiven Einsatz raten“, sagt er. So halte er es auch in seiner Praxis in Meitingen-Herbertshofen. „Cannabis ist kein Wundermittel“, betont er, und auch „kein besonders gutes Schmerzmittel“. Der Hausarzt glaubt nicht, dass es in Deutschland zu einem großflächigen Einsatz von Cannabis kommen wird.

Ein paar Stunden nach dem Termin sitzt Melanie Mayr auf ihrer Terrasse und hält sich an ihrer Tasse Cappuccino fest, während sie von den letzten Jahren erzählt. Die Sonne scheint, aber eigentlich ist es noch zu kalt, um draußen zu sitzen. „Der Reitstall“, sagt sie, „war mein Leben.“ Heute ist von diesem Leben nichts mehr übrig. 2005 streikte ihr Körper. Zuerst war da ein Ziehen und Brennen in der rechten Pobacke. Mit der Zeit wanderte der Schmerz immer höher, bis in die Lendenwirbel. Bevor sie auf ein Pferd stieg, rieb sie sich den Rücken mit Schmerzgel ein. Dennoch wurde es schlimmer statt besser. Weder Krankengymnastik, noch Reha noch Operationen halfen ihr. Als ihr bewusst wurde, dass die Schmerzen für immer bleiben werden, wollte sie gegen einen Baum fahren. „Aber schon auf dem Weg zum Auto habe ich Angst bekommen.“ Sie macht eine kurze Pause. „Dann lieber Schmerzen.“

Mayr ist auf die Hilfe ihrer 75-jährigen Mutter angewiesen und wagt es kaum, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Mutter nicht mehr helfen kann. Täglich nimmt sie starke Schmerzmittel. Den Nachmittag verbringt sie meist im halb wachen Zustand auf der Couch, während Freunde und Bekannte arbeiten, Sport treiben oder ausgehen. Und trotzdem lacht Mayr viel und gerne. „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“, steht in pinken Lettern auf ihrer Cappuccino-Tasse, die lila Strähnen im Haar unterstreichen ihre Lebensfreude.

Sie hat allerdings auch bemerkt, dass manche Menschen ihr die Schmerzen nicht abnehmen, wenn sie nicht ständig jammert. „Humor wird einem übel genommen“, sagt sie und zuckt leicht mit den Schultern. Für sie ist es die einzige Möglichkeit, um mit ihrem Schicksal klarzukommen.

Das neue Cannabis-Gesetz eröffnet einen neuen Markt

Durch das neue Cannabis-Gesetz eröffnet sich in Deutschland ein ganz neuer Markt. Experten rechnen damit, dass pro Jahr mehrere hundert Kilogramm der Blüten benötigt werden, um den Bedarf zu decken. Das könnte schnell mehr werden, wenn sich das Medikament durchsetzt. Auch der Hannoveraner Anwalt Jürgen Scholz hat durch die Änderungen viele offene Fragen. Er hat sich mit ein paar Partnern vor einigen Jahren 50 000 Quadratmeter Acker gesichert mit dem Ziel, in Deutschland als Allererster gewerblich Cannabis anzubauen. Das Recht dazu wollte er einklagen. „Doch die Situation hat sich geändert“, sagt Scholz.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat Anfang März eigens eine „Cannabis-Agentur“ gegründet, um den Anbau in Deutschland zu steuern. Die Behörde wird in den kommenden Wochen eine Ausschreibung starten, auf die sich zukünftige Cannabis-Züchter bewerben können. „Wir versuchen, den Antrag relativ professionell vorzubereiten“, sagt Anwalt Scholz. Er rechnet aber damit, dass sich auch größere Pharmaziefirmen um die zweifellos begehrten Genehmigungen bemühen werden.

Noch führt das neue Gesetz zu Verunsicherung. Egal, wen Mayr fragt – ob Krankenkasse, Apotheker oder Arzt –, niemand hat einen Überblick, keiner weiß, wer zahlt, wer liefert oder wie man das medizinische Cannabis einnehmen sollte. Apotheken bekommen von den Großhändlern teilweise irreführende Aussagen, die Krankenkassen sind skeptisch. Für den dauerhaften Leistungsanspruch in der gesetzlichen Krankenversicherung fehle der Nachweis der Wirksamkeit, kritisieren die Krankenkassen. Zahlen müssen sie jetzt trotzdem. „Wir wissen noch nicht, was es am Ende kosten wird, wie viele Patienten damit versorgt werden oder wie viel wir dadurch auch sparen können“, sagt deren Sprecher Florian Lanz. Alle, die mit dem neuen Gesetz zu tun haben, sind sich einig: Es muss sich erst mal einspielen.

Die Patientin hatte sich mehr erwartet

Eine Woche nach ihrem Arzttermin hat Melanie Mayr das cannabishaltige Spray „Sativex“ täglich getestet. „Es schmeckt scheußlich“, sagt sie und lacht. Außerdem muss es permanent gekühlt werden. Ist sie unterwegs, kann sie es kaum mitnehmen. Dabei bräuchte Mayr es gerade dann, wenn die Belastung für ihren Körper zu hoch wird. Ein Wundermittel ist es für sie nicht, sie hat sich mehr versprochen. Trotzdem will sie Cannabis auch noch pur ausprobieren. Sie wird ihren Arzt nochmals darauf ansprechen.

Einen Vorteil hat das Medikament aber: Es hilft ihr, besser am Stück zu schlafen. „Und Schlaf bedeutet, keine Schmerzen zu haben.“

i

Ein Artikel von
Orla Finegan

Günter Holland Journalistenschule
Ressort: Volontärin


Alle Infos zum Messenger-Dienst