Samstag, 22. Juli 2017

16. April 2015 19:47 Uhr

Katholische Kirche

Mehr als die Hälfte der Priester hadern mit dem Zölibat

Sie sollen Seelsorger für andere sein, erleiden aber selbst Seelenqualen. Rund die Hälfte der katholischen Priester sind unglücklich mit dem Zölibat.

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Nur etwa die Hälfte der Priester würde sich wieder für den Zölibat entscheiden. Das Bild zeigt die katholische Kirche St. Ulrich und Afra in Augsburg.
Foto: Annette Zoepf (Symbolbild)

Die katholischen Seelsorger quält die eigene Seele: Beruflicher Stress, aber auch das Sex-Verbot wegen des Zölibats und Unzufriedenheit mit ihren Chefs lasten schwer auf vielen der gut 14.000 Priester in Deutschland. Dies ist das Ergebnis einer bisher beispiellosen wissenschaftlichen Arbeit. Die Donnerstagabend in Berlin präsentierte Seelsorgestudie dürfte in der katholischen Kirche langfristig noch für kräftige Nachwirkungen sorgen.

Die Forschungsarbeiten für die nun vorgelegten Ergebnisse liefen zwischen 2012 und 2014, ein Teil der Arbeit wird noch fortgesetzt. Insgesamt nahmen 8600 Seelsorger teil aus fast allen Diözesen. Darunter waren etwa Pastoralreferenten sowie Gemeindereferenten - und auch 4200 Priester.

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Zölibat - "Erstaunliche Offenheit" bei Priestern

Studienleiter Eckhard Frick sieht eine »erstaunliche Offenheit» der Priester, über ihre Probleme zu reden. Er erwartet nachhaltige Auswirkungen der Ergebnisse. »Wir beginnen einen Diskussionsprozess, der noch Jahre andauern wird», sagt der in München lehrende Jesuit. Mit den gesammelten Daten solle eine Debatte provoziert werden. »Solche Zahlen brauchen ja eine Deutung» - diese müsse nun in der Kirche stattfinden.

Die Ergebnisse sind sehr vielschichtig, sie beziehen sich auf allgemeine Fragen zur Lebenszufriedenheit oder zum Glücksempfinden durch den Beruf. Insgesamt zeigen die Priester laut Fricke erstaunlich hohe Zufriedenheitsraten, vergleichbar mit anderen Akademikern. Aber die Studie offenbart auch Aspekte, die den Kern des Selbstverständnisses im Priesteramt berühren.

So belegt die Studie, dass viele Priester sich mit dem Zölibat sehr schwer tun. Ein Drittel der Priester gab an, dass sich der Zölibat belastend auf ihren Dienst auswirkt. Ein Viertel würde sich, wäre ein Neustart möglich, nicht noch einmal für ein zölibatäres Leben entscheiden. Ein weiteres Viertel ist unentschlossen.

Über die Hälfte der Priester fehlt das Familienleben

Nur etwa die Hälfte der Priester würde sich wieder für den Zölibat entscheiden, erläutern die fünf Macher der Studie. Die andere Hälfte könnte aber nach dem geltenden Kirchenrecht damit nicht mehr Priester werden. Dass Sex für katholische Priester kein Tabuthema ist, zeigen auch andere abgefragte Themen. Über die Hälfte der Priester nannte den Verzicht auf körperlich praktizierte Sexualität,  partnerschaftliche Bindung und auf Kinder eine besondere Herausforderung. Ganz unabhängig von sexuellen Bedürfnissen geben Priester viel häufiger als Mitarbeiter der anderen seelsorgerischen Berufe an, sich einsam zu fühlen.

Während die deutsche Bischofskonferenz bei den Fragen der Sexualmoral auf den Vatikan verweisen kann, sind die Bischöfe bei den Fragen des Berufsstress selbst gefordert. Denn die laut Kirchenverständnis als Hirten für ihre Schafe sorgenden Priester stehen der Studie zufolge selbst unter einem erheblichen Stress. Und sie leiden häufiger an Depressionen als etwa Pastoralreferenten, obwohl diese ja auch direkt mit den Gläubigen und deren Sorgen arbeiten.

Priester sind unzufrieden mit Kirchenleitung

Für besonders viel Gesprächsstoff in den Gemeinden dürften die Ergebnisse zur Umstrukturierung der Pfarrgemeinden sorgen. Seit Jahren werden Gemeinden wegen Priestermangels und sinkender Kirchenbesucherzahlen zusammengelegt, allein von 2005 bis 2013 verschwanden 1700 vorher eigenständige Gemeinden. Doch die Belastungen durch größere Gemeindeverbünde allein haben überraschenderweise laut der Studie keine besonders auffälligen Folgen für die Zufriedenheit der Priester. Andere Faktoren wie die allgemeine Zufriedenheit und die Qualitäten der Chefs sind dort entscheidender.

In vielen Punkten zeigt sich, dass die Seelsorger ganz ähnlich denken wie viele ihrer Schäfchen - so mögen sie etwa ihr Kirchenleben vor Ort, sind aber eher unzufrieden mit den allgemeinen Strukturen und der Leitung der Kirche. Auch bei der Beichte, die für frühere Generationen noch zur Pflicht zählte, sind die Priester inzwischen sehr weltlich geworden: 54 Prozent der katholischen Priester gehen höchstens einmal pro Jahr ihre Sünden beichten. afp

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