Freitag, 18. April 2014

16. April 2012 14:04 Uhr

Ölfleck-Mord im Allgäu

Tödliche Spur und die Frage "Wer tut so etwas?"

Vor einem Jahr starb im Unterallgäu Familienvater Josef D., der mit seinem Motorrad auf einer Öllache ausrutschte. Der Täter ist noch unentdeckt, es gab aber schon viele Gerüchte. Von Dirk Ambrosch

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An den Tod erinnert nichts mehr. Kein Kreuz, keine Blumen, keine Kerzen. Hier am Rand der Staatsstraße 2013 nahe Markt Rettenbach im Unterallgäu. In der Kurve ist vor einem Jahr ein junger Familienvater gestorben, weil er mit seinem Motorrad auf einer Ölspur ausrutschte, die ein Unbekannter absichtlich gelegt hatte. Vergessen jedoch sind weder das Opfer noch das Verbrechen. „Dieses schreckliche Ereignis ist immer gegenwärtig. Das ist drin, es hat sich eingebrannt in die Köpfe der Menschen“, sagt der Bürgermeister Alfons Weber.

Josef D. hat keine Chance, das Öl auf der Straße zu sehen

Der 17. April 2011 ist ein Frühlingstag, an dem die Sonne strahlt. Sonntag. Die Temperatur angenehm, knapp unter 20 Grad. Ausflugswetter nennt man das. Es ist später Nachmittag, als Josef D. beschließt, eine Fahrt mit seiner Maschine zu unternehmen. Der 37-Jährige ist ein leidenschaftlicher Biker und Mitglied im örtlichen Motorradclub „MC Unterallgäu“.

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Josef D. fährt aus seinem Heimatort Markt Rettenbach heraus, nimmt die Straße in Richtung Ottobeuren. Etwa drei Kilometer geht es zunächst nahezu schnurgrade dahin. Es ist kurz vor 17 Uhr, als der Motorradfahrer sich in eine Rechtskurve lehnt. Das Öl auf der Straße kann Josef D. nicht sehen – oder wenn, dann zu spät. Er hat keine Chance. Verliert die Kontrolle über seine Maschine, schleudert und rutscht in ein entgegenkommendes Auto. Noch am Umfallort stirbt der 37-Jährige. Zwei kleine Kinder verlieren ihren Vater, eine Ehefrau ihren Mann.

500 Biker veranstalten einen Trauerkorso

Der Tod des Familienvaters erschüttert die Menschen. Unter Motorradfahrern spricht sich der Fall in ganz Deutschland herum. In Biker-Foren wird er diskutiert. Rund 500 Motorradfahrer aus der Region beteiligen sich drei Wochen nach dem tragischen Unfall an einem Trauerkorso für das Opfer.

Am Tag nach dem tödlichen Unfall richtet die Polizei die Ermittlungsgruppe „Ölfleck“ ein, der 20 Beamte angehören. Eine Vielzahl von Hinweisen erreicht die Ermittler, doch eine heiße Spur ist nicht darunter. Wenige Tage nach dem Tod von Josef D. stuft die Staatsanwaltschaft die Tat als Mord ein. Obgleich die Ermittlungsgruppe unter Hochdruck arbeitet, gelingt der Polizei kein Durchbruch.

Der Fall wird bei "Aktenzeichen x/y.. ungelöst" gezeigt

Bis heute haben die Ermittler 230 Spuren abgearbeitet. Ohne Erfolg. Auch die Fahndung in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ bringt keinen Fortschritt. Josef D., das Zufallsopfer. Kein Mensch konnte wissen, dass der Motorradfahrer diese Strecke nehmen würde, hat die Polizei später herausgefunden. Josef D. entschloss sich spontan zu diesem Ausflug. Nach seinem Tod bleiben drängende Fragen: Wer tut so etwas? Wer wirft mit Altöl gefüllte Weinflaschen aus dem Fenster eines fahrenden Autos? Und warum?

Die Frage nach dem Motiv

In seinem Büro im Polizeipräsidium rutscht Polizeisprecher Christian Owsinski auf dem Stuhl nach vorn. „Natürlich ist es denkbar, dass es sich um einen Motorradhasser handelt.“ Gut möglich auch, dass der Täter aus der Gegend stammt, denn die Ölflecken fanden sich zumeist auf Nebenstrecken, die nur Ortskundigen bekannt sind. Doch all das ist Spekulation. „Wirklich wissen werden wir das Motiv erst, wenn wir den Täter haben“, sagt der Polizeisprecher. Den Glauben an einen Erfolg haben die Ermittler noch nicht verloren. Und vielleicht helfen doch die 50000 Euro, die ausgesetzt sind für Hinweise, die zur Lösung des Falles führen.

Hoffnung ist ein Wort, das häufig fällt, wenn man mit den Menschen in Markt Rettenbach spricht. Genauso oft aber auch das Wort Wut. Und Betroffenheit.

Der Unbekannte muss mit seiner Schuld klarkommen

Es regnet an diesem Aprilvormittag. Der Gasthof Adler in der Ortsmitte, gleich neben der Kirche, hat zu. Ruhetag. Gegenüber auf der anderen Straßenseite machen zwei Jakobspilgerinnen Pause im Stehcafé der Bäckerei. Die Verkäuferin sagt, wie sehr sie hofft, dass der Täter noch gefasst wird. Sie erzählt von dem Misstrauen, das im Dorf zu spüren war – denn der Täter könnte ja auch aus der Gemeinde stammen. Und davon, wie nah ihr das Ganze geht. Immer noch. „Oft denkt man, er kommt gleich wieder zur Tür herein.“ Josef D. war ihr Schwager. Der Unbekannte, der für seinen Tod verantwortlich ist, darf leben, er muss mit seiner Schuld klarkommen. „Anscheinend kann der das“, sagt die junge Frau. „Ein normaler Mensch könnte das nicht.“

Der Pfarrer will nicht von Mord sprechen

Ein paar Schritte weiter das katholische Pfarramt. Hermann Neuß, der Pfarrer, ist ein freundlicher Mann. Der 70-Jährige mit dem silbergrauen Haar und dem Bart bittet den unangemeldeten Besucher in sein Arbeitszimmer. Er kennt die Witwe von Josef D. und die Kinder. „Solange der Verursacher nicht gefunden ist, kann die Familie nicht mit dem tragischen Ereignis abschließen. Das belastet.“

Von einem Mord jedoch will der Pfarrer nicht sprechen. Das dürfe man nicht unterstellen. Neuß glaubt eher an einen, der einem lärmenden Motorradfahrer einen Denkzettel verpassen wollte. Eine „Dummheit mit tödlichen Konsequenzen“. Und doch habe der oder die Unbekannte Schuld auf sich geladen. Wie man das schafft, mit diesem Wissen jeden Morgen wieder in den Spiegel zu blicken? Neuß weiß darauf keine Antwort. „Unergründlich ist das Menschenherz“, sagt er. Und auch er hofft, „dass in diesem Menschen der Wunsch wächst: Jetzt bekenne ich mich.“

Ein Jahr kann eine lange Zeit sein, wenn man darauf wartet, dass ein Täter gefasst wird. Kurz, wenn ein geliebter Mensch stirbt. In jedem Fall ist die Zeitspanne lang genug für die Entstehung von Gerüchten. Als während der Ausstrahlung der Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ im August ein Mann aus dem Unterallgäu mit seinem Sportwagen gegen einen Baum prallt und stirbt, ist sehr schnell die Rede davon, es habe sich um den Täter gehandelt. Selbstmord. Er habe den Fahndungsdruck nicht mehr ausgehalten, heißt es. Die Polizei kann die Spekulationen widerlegen: Der Mann hatte für die Tatzeit ein Alibi.

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