Freitag, 25. Juli 2014

13. Juni 2014 12:02 Uhr

Genie und Wahnsinn

Die Mutter aller Mannschaften

Diese Spieler haben so nie gemeinsam auf dem Platz gestanden. Und ob mit ihnen ein Titel zu gewinnen wäre, wissen wir auch nicht. Aber egal was kommt, sie wären eine Bereicherung für dieses WM-Turnier. Alkoholiker, Schauspieler, Kokser und mehr.

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Vier Mitglieder der Mutter aller Mannschaften
Foto: dpa

Diese Spieler haben so nie gemeinsam auf dem Platz gestanden. Und ob mit
ihnen ein Titel zu gewinnen wäre, wissen wir auch nicht. Aber egal was kommt, sie wären eine Bereicherung für dieses WM-Turnier.

Carlos Valderrama Dass die deutschen Fans den Capitano der Kolumbianer 1990 in Mailand nicht gelyncht haben, kommt mir heute noch wie ein Wunder vor. Deutschland-Kolumbien: Valderrama war gefoult worden und lag lange lange lange am Boden. Er wurde auf der Trage weggeschafft. Würde er überleben? Ja. Er erschien sogar kurz darauf lässig und locker und gänzlich unversehrt an der Seitenlinie und kam wieder ins Spiel. Ein sagenhaftes Stück des begnadeten Regisseurs und Provokateurs. Im Meazza-Stadion schrien sich die Deutschen die Lunge aus dem Leib - und ihre Hassfigur Valderrama blieb cool und spielte sein Spiel. Endstand 1:1. Valderrama trug seine Pusteblumenfrisur aufrecht vom Platz und war fortan unsterblich. (mls)

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Helmut Rahn Man kann das alles nachlesen: dass er "Der Boss" genannt wurde, Führungsspieler war, deutscher Meister und Pokalsieger war und so. Aber die Wahrheit ist: alles egal. Denn es war dieser Rahn, der aus dem Hintergrund schießen sollte und schoss, und Deutschland war Weltmeister, 1954. Die Wahrheit ist aber auch: Ich wurde erst 23 Jahre später geboren, weiß nicht, wie der sonst so gespielt hat. Weiß nur, dass er zum Phantom geworden ist, zum Inbegriff der ersehnten Erlösung. Ein Spieler, der dann, wenn alles auf dem Spiel und auf der Kippe steht, aus dem Hintergrund kommt und schießt und alles gut macht. Wie oft man einen solchen Spieler bräuchte! Auf dem Bolzplatz. Bei Weltmeisterschaften. Im Leben. (ws-)

George Best als großen Fußballer zu bezeichnen, geht an der Sache vorbei. Best war einer der wenigen Menschen, die mit dem, was sie tun, Grenzen verschieben. Leider traf das nicht nur auf sein Können am Ball zu, sondern auch auf seine Fähigkeit, mehrere Tage am Stück Alkohol zu trinken. Im Trikot von Manchester United gewann er in sechs Spielzeiten Titel über Titel. Er war vielleicht der beste Spieler seiner Zeit. Aber sein Fußballerleben blieb trotzdem ungekrönt, weil sich Nordirland erst 1982 wieder für eine WM-Endrunde qualifizierte. In seiner Heimat wird er dennoch bis heute verehrt: als ein tragischer Held, der unzählige Menschen glücklich machte, sich sein eigenes Glück aber ständig selbst verbaute. (maz-)

Gabriel Batistuta Mit der argentinischen Rekordquote von 56 Toren in 78 Länderspielen hat sich Gabriel Batistuta seinen Spitznamen "Batigol" redlich verdient. Bei den drei WM-Endrunden 1994, 1998 und 2002 verpasste er kein Spiel der "albiceleste". Seine Karriere begann so wirklich 1989, als er zu Argentiniens größtem Klub River Plate wechselte. Nachdem er sich dort nicht durchsetzen konnte, wechselte er zum "Todfeind" Boca Juniors und wurde mit dem Team Meister und Torschützenkönig. Danach ging er nach Italien und wurde endgültig zum Star. Als einziger Spieler der Welt hat er es geschafft, bei zwei WM-Endrunden jeweils einen Hattrick zu erzielen. Glück für uns, dass er 2006 nicht mehr dabei war. (maz-)

Nobby Stiles Wahrscheinlich war Stiles sogar die "Mutter aller Blutgrätscher". Schon sein Aussehen jagte dem Gegner Angst und Schrecken ein. Irgendwann verlor der englische Verteidiger nämlich bei einem Spiel seine Zähne. Feixend und zahnlos grinste er künftig seine Gegenspieler an. Zudem war Stiles extrem kurzsichtig, musste Kontaktlinsen tragen. Deshalb trug er außerhalb des Rasens eine Brille mit sehr starken Gläsern.

Stiles war jedenfalls berüchtigt und gefürchtet. Die deutsche Nationalelf lernte ihn 1966 beim WM-Finale im Wembleystadion kennen. Dort malträtierte er meist die Knochen von Uwe Seeler oder Sigi Held. Im Jahr 2003 veröffentlichte er seine Autobiografie "After the ball". Wahrscheinlich ging es da um seine Opfer. (wla)

René Higuita Nein, nicht der immer wieder angeführte Beckenbauer, wie er einsam sinnend nach dem Titelgewinn in Rom über den Rasen schlendert, bleibt hängen von der WM 1990. Zumindest, wenn man in der katholischen Provinz groß wurde und statt Seitenscheitel gerne mal so eine Frisur getragen hätte wie er: José René Higuita Zapata, auch genannt El Loco - der Verrückte. Der kolumbianische Nationaltorhüter war aufgrund seiner akrobatischen Einlagen der Spieler des Turniers, zumindest bis zum Achtelfinale. Überhaupt kann einzig er als der Erfinder der modernen Torhüterrolle angesehen werden, war er doch - falls er nicht gerade einen Flickflack im Fünfer schlug - überall auf dem Feld anzutreffen außer im Tor. Was macht da schon das bisschen Koks? (cim)

Francisco Marinho Unter all den älteren Herrschaften in kurzen Hosen schien er auf dem Fernsehschirm wie ein junger Engel, dieser Brasilianer, der gar nicht aussah wie ein Brasilianer. Er erinnerte an einen Surfer und an Andi aus der Comicheftserie "Bessy". Solche langen blonden Haar wollte ich auch - die Mädchen sollten mir ewig nachsehen. Francisco Marinho spielte fantastisch 1974 in Deutschland, er schwebte über den Platz, ein 22 Jahre altes Wunderkind des Fußballs. Mein Haar wurde seinem nach der WM sehr, sehr ähnlich. Francisco Marinho verschwand aus meinem Leben. Bis er Ende der 1980er Jahre wie ein trauriges Gespenst wieder auftauchte: Als Spieler beim BC Harlekin in Augsburg. Unfassbar. (mls)

Augustine Okocha Niemand konnte seinen Gegenspielern derart Knoten in die Beine spielen wie der ehemalige Frankfurter Wunder-Dribbler Jay-Jay Okocha. Oliver Kahn darf man angeblich heute noch nicht die Bilder aus seiner Karlsruher Zeit zeigen, auf denen zu sehen ist, wie Okocha ihn und drei Abwehrspieler lächerlich macht. Okochas damaliger Trainer Klaus Toppmöller war nahe des Herzinfarkts, weil Jay-Jay im Strafraum nicht einfach draufhalten wollte. Im Trikot von Nigeria sorgte der Rekordnationalspieler bei drei WM-Endrunden von 1994 bis 2002 für Aufsehen. Leider war für die "Super Eagles" dennoch immer im Achtelfinale Schluss. Trotzdem: Tor des Jahres und Stammplatzgarantie in dieser Elf! (maz-)

Eric Cantona Ein echter Rüpel vor dem Herrn. Seinen internationalen Bekanntheitsgrad erwarb sich Cantona 1995. Im Kung-Fu-Stil verletzte Cantona einen Zuschauer, der ihn vorher angeblich beleidigt hatte. Cantona, der damals für Manchester United spielte, entging nur knapp einer Gefängnisstrafe und wurde von der FIFA ein halbes Jahr gesperrt. Nachdem Frankreich dann 1998 nach zwölf Jahren endlich wieder bei der WM dabei war, brachte Cantona sich mit seinen Eskapaden selbst um das Ticket und damit den Pokal. Den gewann das Team damals nämlich mit seinem neuen Regisseur, Zinédine Zidane. Heute ist Cantona im Filmgeschäft. Auch im Historiendrama "Elizabeth" war er dabei. (wla)

Hans-Peter Briegel Sie können jetzt sagen, unmoderner als dieser Briegel kann man doch gar nicht kicken. Keine technische Finesse, keine Leichtigkeit in Fuß und Kopf, sondern schlicht: Wille und Athletik. Genau. Welche Brillanz da doch der teuerste Bundesliga-Transfer aller Zeiten aufweist: der filigrane Gomez! Briegel wusste wenigstens, was er konnte und was nicht. "Die Walz von der Pfalz". Spielte ohne Schienbeinschoner, war unermüdlich Antreiber, nicht kleinzukriegen. Und wer dachte, der passt halt in die Provinz, nach Kaiserslautern, ha! Verona holte Briegel, dann Genua und Deutschland kam zweimal hintereinander ins WM-Finale ('82 und '86) - weil so einen brauchst du, auf den kannst du dich verlassen. (ws-)

Mario Basler Ich verstehe nichts von Fußball, aber da auch unsere Redaktion irgendwie ein Team ist, muss ich einen Beitrag zu dieser Reihe liefern. Weil ich mit Fußball nix am Hut hab, nehme ich wenigstens einen Spieler, dem es genauso geht. Also Basler. Erinnert sich irgendjemand an irgendwelche tollen Spielzüge, den einzigen WM-Auftritt 94 gegen Bolivien etwa des Ex-Bayern, Ex-Bremers, Ex-Lauterers? Exen hingegen, das weiß man, konnte er wie kein Zweiter (ausgenommen George Best vielleicht). Und rauchen, aufm Platz, beim Training. Seine anarchische Ader fehlt den blassen Strebern der heutigen Bundesliga. Sag ich jetzt einfach, auch wenn ich keine Ahnung hab. Aber das hat Basler auch nie vom Reden abgehalten. (vol)

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