Donnerstag, 24. August 2017

20. Mai 2017 11:12 Uhr

FC Bayern

Philipp Lahm beendet Karriere: Wie er zum Ausnahmespieler wurde

Heute führt Philipp Lahm den FC Bayern nochmal aufs Feld. Noch einmal nimmt er die Meisterschale in Empfang. Dann macht der beste deutsche Fußballer der vergangenen Jahre Schluss.

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Ein letzter Applaus noch, ein letzter Dank an die Fans: Dann ist die Karriere von Philipp Lahm vorbei.
Foto: Christof Stache, afp

Die Frage wird nur Philipp Lahm selbst beantworten können: Weint er nun bei seinem Abschied oder bleiben die Augen trocken? Lahm, das gehört bei diesem spektakulär unscheinbaren Mann zu den wenigen körperlichen Extrovertiertheiten, besitzt eine bemerkenswerte Augenpartie. Nach anstrengenden Spielen rötet sich der Bereich oberhalb der Wangen extrem und fällt derart ein, dass Billardkugeln darin Platz finden würden. 90 Minuten gegen den SV Darmstadt – und der Mann gleicht einem Mount-Everest-Bezwinger.

Umso erstaunlicher ist es, dass er – derart geschunden – kurz danach Interviews von gestanzter Belanglosigkeit geben kann. Wo Puls und Adrenalin andere Dativ mit Genitiv verwechseln lassen, formuliert der Kapitän des FC Bayern wohlfeile Allgemeinplätze. Am heutigen Samstag nun führt er seine Mannschaft ein letztes Mal aufs Feld. Nach der Partie gegen den SC Freiburg nimmt der 33-Jährige die Meisterschale in Empfang, danach ist seine Spielerkarriere vorbei. Er hat sich selbst dafür entschieden, niemand hat ihn gedrängt. Sein Körper hätte ihn gewiss noch ein bis zwei Jahre auf höchstem Niveau spielen lassen, ebenso wie Trainer Carlo Ancelotti.

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FC Bayern: Nach 14 Jahren Profikarriere hat Philipp Lahm genug

Der Verteidiger aber hat genug. 14 Jahre lang ist er den schnellsten Stürmern der Welt nachgelaufen, meistens aufgestellt als rechter Verteidiger. Ihm gegenüber standen also die Linksaußen der Gegner. Denen wird nachgesagt, Hallodris zu sein, Zocker, Schlitzohren. Lahm hat die Ausstrahlung eines Bankangestellten. Am Ende gewinnt immer die Bank.

Die Weltkarriere des Münchners war nicht frühzeitig vorherzusagen. Sein Vater war ein leidlich begabter Kicker in der Bezirksliga, seine Mutter ist Jugendleiterin des Stadtteilvereins FT Gern. Dort spielte auch Philipp. Und wenn mal kein Training war, musste Mama Daniela in der Hofeinfahrt den Torwart geben. Mit zwölf Jahren wechselte er zum FC Bayern. Im Nachhinein lassen sich selbstverständlich die Vorzüge seiner überschaubaren körperlichen Größe sehen. Zweikämpfe konnte er nicht aufgrund eines austrainierten Oberkörpers gewinnen. Auch mit noch so viel Training konnte sein Kopfballspiel nicht sein Markenzeichen werden. Es bedurfte einer Menge Alternativstrategien, um zu einem derart herausragenden Fußballer zu werden. Lahm hat sämtliche davon entwickelt. Keine alltägliche Leistung für einen Jugendlichen rund um die Pubertät.

Es gibt tausende begabter Fußballer, die Jahr für Jahr in die Bundesliga streben. Um den Sprung tatsächlich zu schaffen, bedarf es neben außergewöhnlicher Fähigkeiten einer Menge Glück. Glück, von den richtigen Trainern gefördert zu werden. In Hermann Gerland hatte Lahm den mächtigsten Förderer Deutschlands zu Beginn des Jahrtausends. Gerland ist ein knorriger Ruhrgebiets-Typ. Auf Vereinsfeiern ist er der einzige, der Whiskey-Cola trinkt, während sich der Rest an Szene-Drinks in kleinen Gläsern festhält.

Gerland trainierte die zweite Mannschaft des FC Bayern, Lahm lernte unter ihm. Und auch von Hans Pflügler. Der Weltmeister von 1990 sollte die Nachwuchsspieler auf dem Feld anleiten. Das Prinzip alter Haudegen war weit verbreitet. In der Bundesligamannschaft der Bayern hatten Stefan Effenberg und Oliver Kahn das Sagen. Niemand wartete auf einen kleinen schüchternen Außenverteidiger.

Gerland aber glaubte an Lahm und ließ seine Kontakte spielen. Lahm wurde an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Trainer dort: Felix Magath. Ein Despot, aber immer bereit, junge Talente Stammspielern vorzuziehen. Lahm kam gut mit ihm aus. Wie er auch später mit all seinen Trainern keinen Konflikt hatte, der an die Öffentlichkeit drang. Magath, Sammer, Hitzfeld, Klinsmann, van Gaal, Löw, Heynckes, Guardiola, Ancelotti. Unterschiedliche Temperamente, auseinanderdriftende Spielideen. Lahm spielte immer, die meisten Trainer zogen ihn ins Vertrauen. Weil er immer loyal war, ohne aber opportunistisch zu sein.

Lahm wagte es als einer der wenigen, Uli Hoeneß massiv zu kritisieren

Zugleich können Lahms langweilige Ausführungen nach Spielen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er einige der aufsehenerregendsten Interviews der vergangenen Jahre gegeben hat. 2009 griff er in der Süddeutschen Zeitung die Vereinsführung um Uli Hoeneß frontal an und kritisierte deren planlose Transferpolitik massiv. Im Gegenzug nahm er dafür den neuen Trainer Louis van Gaal trotz starker Startschwierigkeiten in Schutz. Lahm musste 50.000 Euro zahlen. Van Gaal aber durfte bleiben, führte die Münchner ins Finale der Champions League und baute als bisher letzter Trainer mit Holger Badstuber, Thomas Müller und David Alaba gleich drei Jugendspieler in die Mannschaft ein.

Nur wenige Monate später entriss Lahm Michael Ballack die Kapitänsbinde bei der Nationalmannschaft. Der ursprüngliche Spielführer war verletzt und fiel für die WM 2010 in Südafrika aus. Freiwillig, sagte Lahm, gebe er die Binde nicht mehr her. Ballack lief nie wieder im Nationaltrikot auf. Und das Team hatte einmal mehr einen Kapitän, der auf seine Weise dem jeweiligen deutschen Bundeskanzler ähnelte. Oliver Kahn und Michael Ballack passten allzu gut zur Basta-Mentalität Gerhard Schröders. Lothar Matthäus war ein provinzieller Übermut genauso anzumerken wie Helmut Kohl.

Ab 2010 dann Lahm. Wie Merkel einige Zeit unterschätzt. Wie die Bundeskanzlerin gerne im Vagen bleibend und um Ausgleich bemüht. „Es begann eine Kultur des Austauschs und Miteinanders, die es vorher so nicht gegeben hatte. Das jedenfalls wurde mir zurückgespiegelt. Ich hatte Spaß an dem Amt, und ich habe gemerkt, die Mannschaft folgt mir in dem, was ich tue“, erinnerte sich Lahm in einem Interview mit der Zeit an die Phase, als er Kapitän der Nationalmannschaft wurde. Er blieb es bis 2014 und trat ab als Weltmeister.

Lahm hat ein feines Gespür für den richtigen Moment, sich zu verabschieden. Unterstützt wird er bei derartigen Entscheidungen von seinem Berater Roman Grill. In der Fußballszene ist der gefürchtet. Er zieht den Zorn der Vereinsbosse auf sich, seine Klienten kassieren. Grill trieb beispielsweise offensiv den Wechsel des Augsburger Trainers Markus Weinzierl nach Schalke voran, obwohl dieser noch einen gültigen Vertrag beim FCA hatte. Grill war 2010 aber auch einer der wenigen Gäste aus dem Fußballbereich, der bei der Hochzeit Lahms im oberbayerischen Aying dabei war. Der Bayern-Star heiratete Claudia Schattenberg, die er schon mit 16 kennenlernte, die aber erst neun Jahre später zu seiner festen Freundin wurde. Gefeiert wurde in einer Brauereigaststätte zusammen mit rund 100 Freunden und Familienmitgliedern. Gäste aus der damaligen Bayern-Mannschaft: einer. Der eher unscheinbare Andreas Ottl.

Fans zollen Philipp Lahm Respekt, aber sie lieben ihn nicht

Wie bei den Mitspielern ist Lahm auch bei den Fans über die Maßen respektiert, geliebt wird er nicht. Ihm fehlt der Schalk eines Bastian Schweinsteiger, der sich des Nächtens mit einer als Cousine bezeichneten Frau im Whirlpool auf dem Vereinsgelände erwischen ließ. Solche Eskapaden leistete sich Lahm nicht. Seine Karriere verlief ohne große Einschläge, die mitleiden lassen. Klar, er verlor zweimal ein Finale der Champions League. Dafür gewann er es auch einmal. Aber zahlreiche Verletzungen wie bei Holger Badstuber? Nein. Jeden Tag macht er rund eine halbe Stunde Yoga-Übungen. Das soll helfen, Verletzungen vorzubeugen.

Lahm hat meistens einen Plan. Der in die Zukunft gewandte sah ursprünglich so aus, die vakante Position des Sportdirektors beim FC Bayern zu übernehmen. Überraschend lehnte er im Frühling ab. Man könne das Gefüge nur zusammenhalten, wenn man „akzeptiert, dass andere auf einigen Gebieten besser sind als man selbst. Und ich glaube, das gilt auch für andere Bereiche des Unternehmens“, sagte er in Richtung des Präsidenten. „Mein Gefühl sagte mir einfach, Uli Hoeneß ist so sehr voller Tatendrang, da ist, erst mal, kein Platz für mich.“

Platz wäre natürlich gewesen, die Stelle ist ja unbesetzt. Allerdings hatte Lahm vor, den Posten auszufüllen und nicht lediglich zu besetzen. Beim Lebensmittelhersteller Schneekoppe ist er ebenso Gesellschafter wie beim Sportprodukte-Hersteller Sixtus. Regelmäßig studiert er die Bilanzen und bringt sich selbst ein. Beim FC Bayern beharrte er auf weitreichenden Befugnissen, die wollten ihm die Münchner nicht zugestehen. Nachtragend ist Lahm deshalb aber nicht. Dass er später einmal einen Posten bei den Münchnern übernimmt, ist wahrscheinlich.

Das plant Lahm für die Zukunft

Auch für die nähere Zukunft hat der 33-Jährige bereits Pläne. „Es mag banal klingen, aber mit der Familie ein paar Rituale zu haben, endlich einmal samstagmorgens gemeinsam zu frühstücken, das löst schon große Gefühle bei mir aus.“ Zu Söhnchen Julian (vier Jahre alt) kommt in diesem Jahr noch eine Tochter.

Am heutigen Samstag steht aber noch einmal der Fußballer Philipp Lahm im Mittelpunkt. „Der intelligenteste Spieler, mit dem ich je zusammengearbeitet habe“, wie Pep Guardiola sagt. Der Außenverteidiger, der in „75 Prozent seiner Partien überragend war und im Rest Weltklasse“, wie Mehmet Scholl lobt. Der Mann, der eine Dekade des deutschen Fußballs mit seiner Klasse prägte. Der auf und außerhalb des Platzes unglaubliche Qualitäten hat. Mit Philipp Lahm verlässt der beste deutsche Fußballer der vergangenen Jahre die große Bühne.

Am Montag beginnt das Leben des Fußball-Pensionärs. „Julian wird mich gegen sieben Uhr wecken. Dann bringe ich ihn in den Kindergarten. Anschließend räume ich meinen Spind beim FC Bayern aus, und dann steht schon die nächste Feier an: Meine Mutter hat Geburtstag.“ Alltag. Endlich.

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Das ist der FC Bayern

Der FC Bayern ist der erfolgreichste Fußballverein Deutschlands. Am 27. Februar 1900 wurde der Verein gegründet. Er geht aus der Fußballabteilung des MTV München hervor. Der FC Bayern gewann in seiner Geschichte bislang 26 Mal die deutsche Meisterschaft und 18 Mal den DFB-Pokal. Außerdem waren die Münchner in allen internationalen Wettbewerben erfolgreich. So gewann man fünf Mal die Champions League (ehemals: Pokal der Landesmeister), ein Mal den Pokal der Pokalsieger (1967) und den Uefa-Pokal (1996). In den Jahren 1976 und 2001 gewannen die Münchner den Weltpokal, 2013 die Fifa-Klub-Weltmeisterschaft.

Für den FC Bayern München spielten unter anderem: Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier, Uli Hoeneß, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Augenthaler, Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Oliver Kahn, Mehmet Scholl und Michael Ballack.

Vorstandsvorsitzender des FC Bayern ist Karl-Heinz Rummenigge. Trainer der Mannschaft ist seit Juli 2016 Carlo Ancelotti.


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