Samstag, 25. November 2017

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Das einzige indigene Volk der EU versucht, seine Traditionen zu bewahren. Wer als Tourist nach Finnland kommt, kann einen "echten" Schamanen besuchen - doch die kommerziellen Folklore gefällt nicht allen. Von Brigitte Geiselhart

„Vor endlos langer Zeit war es, als die Winde so stark aus allen Himmelsrichtungen bliesen, dass die Leute weder Sommer noch Winter, weder Tag noch Nacht unterscheiden konnten. Da erklang die magische Trommel, die Winde schliefen ein...“ Ja, Janne beherrscht es, mit eindringlicher Mimik gute Geschichten zu erzählen. Den Touristen spielt er vor, er sei Schamane aus dem Volk der Samen. So werden die Ureinwohner Lapplands genannt, hier in Finnlands Norden.

Die Zuhörer aus Frankreich, Spanien, Japan, Deutschland und aus der Schweiz sind gut gelaunt. Sie haben eine Schneemobil-Tour hinter sich, die sie von Rovaniemi in eine sonnige Winterlandschaft geführt hat. Die Gäste haben es sich im Zelt vor einem Lagerfeuer gemütlich gemacht. Zeit, um den Weisheiten des Schamamen zu lauschen. Die Heiler der Samen sollen es seit jeher verstanden haben, Körper, Geist und Seele in Balance zu bringen.

Spaß oder nicht?

Janne versteht sein Fach und treibt routiniert seine Späße mit den Gästen. Und er kann sogar mit den Geistern kommunizieren – sagt er. Holzkohle kommt auf die Stirn und beschwört die guten Geister – auch im Liebesleben, versprochen. „Aber mindestens sechs Stunden nicht abwaschen, bitteschön.“ Es ist eine feine Show.

Mit jeder Gruppe hält der Mittfünfziger Janne das gleiche Ritual ab. Die mystische Atmosphäre des Polarkreises passt zu dem Hauch von Übersinnlichkeit, die hier vermittelt werden soll. Schamane ist Janne allerdings nie gewesen. „Ich habe noch nie einen getroffen. Gibt’s die überhaupt?“, sagt er später hinter vorgehaltener Hand.

Rund 7500 Menschen zählt die samische Bevölkerung in den nördlichen Regionen Finnlands. Sie haben ein autonomes Parlament in Inari, das sich für die Erhaltung ihrer gefährdeten Sprache und Kultur einsetzt.

Mit der Natur verbunden

In Saarenkylä, ein paar Kilometer außerhalb Rovaniemis, trifft man auf Irene Kangasniemi, die dort zusammen mit ihrem Mann Ari ein kleines Atelier betreibt. Mit den Ureinwohnern Lapplands fühlt sich die 54-Jährige in besonderer Weise verbunden. Einer ihrer Vorfahren war der berühmte Schamane Aikia Aikianpoika. Er wurde von der Obrigkeit wegen vermeintlicher Hexerei verurteilt und kam 1671 unter letztlich nicht geklärten Umständen zu Tode. 

Aus Holz, Rentierknochen, Fischleder, Federn und anderen natürlichen Materialien gestaltet Irene Kunsthandwerk: Schmuck aus Steinen oder Messer mit Horngriffen. Um miteinander richtig warm zu werden, muss erzählt werden. „Natürlich gibt’s noch ein paar Schamanen, meist im hohen Norden Lapplands. Aber sie leben sehr zurückgezogen“, sagt die Gastgeberin, die von pseudo-schamanischer touristischer Unterhaltung gar nichts hält. Sie liebt es authentisch. Die Verbundenheit von Mensch und Natur, das Eingebettet-Sein in den Kreislauf der Jahreszeiten, das Bewusstsein um Vergangenheit und Zukunft: Das sind Irenes Themen.

„Die Natur hat schon immer die Hauptrolle in Lappland gespielt. Der Mensch muss sich darauf einstellen und sich ihrem Willen unterwerfen“, erzählt die Finnin. „So wie es das Rentier auch immer getan hat.“ Sie verweist auf die Form des Rentiergeweihs. „Wenn ich daran denke, welche Schönheit die Natur Lapplands hervorbringt, wird mir immer wieder klar, dass Gott der allergrößte Künstler ist.“

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