Dienstag, 26. September 2017

11. Juli 2017 15:30 Uhr

Homöopathie

Auch homöopathische Ärzte wissen nicht, warum ihre Mittel wirken

Selbst die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte kann sich nicht erklären, warum die verdünnten Medikamente wirken.

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Millionen Menschen schwören auf die kleinen Kügelchen, „Globuli“ genannt.
lucaar, Fotolia.com, Archivbild

Frau Bajic, Sie haben jüngst öffentlich gesagt, dass es in puncto Homöopathie „verschiedene Erklärungsansätze gibt, aber nichts, was richtig belastbar ist“. Nachdem Sie ja Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte sind, wirkt diese Aussage – gelinde gesagt – etwas irritierend. Ist das ein Eingeständnis dafür, dass homöopathische Medikamente gar nicht wirken, wie viele Kritiker behaupten?

Cornelia Bajic: Mitnichten. Diese Aussage bezieht sich nur auf den Wirkmechanismus von homöopathischen Medikamenten. Bisher gibt es tatsächlich keine belastbare wissenschaftliche Theorie, die erklärt, wie genau sie im Körper wirken. Das Problem gibt es übrigens auch in manchen Bereichen der konventionellen Medizin. Dort weiß man zwar genau, dass eine Narkose wirkt, aber nicht, wie sie das ganz konkret tut. Die Wirksamkeit der Homöopathie ist allerdings in zahlreichen wissenschaftlich geführten Studien belegt worden.

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Um welche Art von Studien handelt es sich dabei?

Bajic: Es gibt beispielsweise Studien, bei denen die Patienten ein homöopathisches Medikament oder ein Placebo, also ein Scheinarzneimittel ohne Wirkstoff, erhalten. Die Patienten wissen aber nicht, ob sie nun ein homöopathisches Medikament oder ein Placebo bekommen.

Und wie ist das Ergebnis?

Bajic: Es zeigt, dass homöopathische Mittel dem Placebo überlegen sind – sie also eine Wirkung haben. Zum anderen gibt es Studien aus der sogenannten Versorgungsforschung.

Was ist das?

Bajic: Die Versorgungsforschung untersucht mit großen Patientenzahlen unter anderem, wie gut die medizinische Versorgung wirkt. Und dabei kam heraus, dass die Homöopathie in der ärztlichen Praxis sehr wohl einen therapeutischen Nutzen bringt, der mit dem Nutzen der konventionellen Medizin vergleichbar ist – jedoch mit deutlich weniger Nebenwirkungen.

Welches Prinzip steckt eigentlich hinter der Homöopathie?

Bajic: Die Grundlage der Homöopathie bildet das Ähnlichkeitsprinzip. Es besagt, dass ein Wirkstoff, der bei gesunden Menschen krankhafte Symptome auslöst, einen Kranken, der die gleichen Symptome zeigt, heilen kann. Oder seine Symptome zumindest deutlich lindert. Der Wirkstoff wird dann in potenzierter, das heißt verdünnter bis sehr stark verdünnter und verschüttelter Form verabreicht.

Klingt irgendwie seltsam.

Bajic: Das mag sein. Es ist aber durch viele Studien belegt. Wichtig ist, dass der homöopathische Arzt mit dem Patienten eine sogenannte Erstanamnese erstellt, die ein bis zwei Stunden in Anspruch nehmen kann. Dabei wird die individuelle Ausprägung der Erkrankung eines Patienten erfasst. Dann sucht der Arzt das nach dem Ähnlichkeitsprinzip passende homöopathische Mittel. Aber noch einmal: Wissenschaftlich im Dunkeln liegt der genaue Wirkmechanismus der Arznei im Körper.

Wie ein Tropfen Wirkstoff im Atlantik

Ist es nicht merkwürdig, dass Sie nach einer Methode arbeiten, die nicht genau geklärt ist?

Bajic: Rund 7000 Ärzte praktizieren in Deutschland die Homöopathie. Warum? Weil sie wirkt. Das ist das entscheidende Kriterium. Je nach individuellem Fall wird die Homöopathie allein, ergänzend zur konventionellen Therapie oder eben gar nicht angewendet. Wie ich es bereits anführte: Narkoseärzte befinden sich in einer ähnlichen Situation. Trotzdem würde ihnen niemand übel nehmen, dass sie ihre – sehr wichtige – Arbeit verrichten.

Das Mischungsverhältnis C12 bzw. D24, das ja in der homöopathischen Therapie durchaus angewandt wird, entspricht einem Tropfen des unverdünnten Wirkstoffes im Atlantischen Ozean. Wie erklären Sie sich als naturwissenschaftlich ausgebildete Medizinerin eine heilende oder zumindest lindernde Wirkung?

Bajic: Die Kritik an Homöopathie bezieht sich im Wesentlichen auf die sogenannten Hochpotenzen. Das sind genau jene homöopathischen Arzneien, die im Herstellungsverfahren, dem sogenannten Potenzieren, mehrfach verdünnt und verschüttelt werden. Zum Teil, bis man den Wirkstoff kaum oder gar nicht mehr nachweisen kann. Aber auch dieses Phänomen betrifft nicht die Homöopathie allein. Um bei Ihrem Beispiel vom Ozean zu bleiben: Haie können Blutspuren im Wasser noch in millionenfacher Verdünnung wahrnehmen. Wie genau das möglich ist, wissen wir auch nicht.

Sind alle homöopathischen Medikamente so stark verdünnt?

Bajic: Es gibt auch viele Homöopathika, die nicht sehr stark verdünnt sind. Bei ihnen ist der Wirkstoff im Labor nachweisbar. Der homöopathische Ansatz ist stets, dass die verabreichten Dosierungen so gering sind, dass giftige Nebenwirkungen vermieden werden. Übrigens: Die Erfahrung, dass eine Substanz in großen Mengen eingenommen schädlich, in kleinen Mengen dagegen nützlich sein kann, ist in der Wissenschaft nun wirklich nicht neu. Auf diesem Prinzip basieren ja auch einige konventionelle Arzneimittel.

Gibt es eigentlich Grundlagenforschung zum Thema Homöopathie?

Bajic: Ja. Der Physiker Stefan Baumgartner vom Institut für Integrative Medizin der Universität Witten/Herdecke beispielsweise hat in Experimenten gezeigt, dass Hochpotenzen selbst bei Pflanzen Effekte auslösen.

Wie sehen Sie die Zukunft der homöopathischen Therapie in der Bundesrepublik?

Bajic: Die Homöopathie hat eine blendende Zukunft, global und in Deutschland. Der Markt der Homöopathika in Deutschland wächst derzeit stärker als der der chemisch-synthetischen rezeptfreien Arzneimittel. Laut neuester Datenerhebung von Forsa wünschen sich 73 Prozent der Befragten, dass ausgewählte Leistungen der homöopathischen Medizin von den Krankenkassen erstattet werden.

Wie wird die Homöopathie im Ausland gesehen?

Bajic: Hier lohnt beispielsweise ein Blick in die Schweiz. Dort ist die Homöopathie nun tatsächlich Regelleistung der Krankenversicherung.

Studien, die nach Angaben von Cornelia Bajic die Wirksamkeit der Homöopathie belegen, finden sich beispielsweise auf der Website des Londoner Homeopathy Research Institute (www.hri-research.org), auf „Homöopathie Online“ im Bereich Forschung (www.homoeopathie-online.info) oder auf der Website der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie (www.wisshom.de).

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Schlagworte

Augsburg | Deutschland | Atlantik | Schweiz

Ein Artikel von
Markus Bär

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt