Freitag, 28. Juli 2017

17. Juli 2017 08:19 Uhr

Kopfschmerzen

Migräne: Das hilft gegen das Hämmern, Stechen, Ziehen

Migräne wird heute besser verstanden als früher – davon profitieren auch die Patienten. Vor allem in puncto Vorbeugung der Attacken zeichnen sich Fortschritte ab. Von Angela Stoll

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Ein weit verbreitetes Übel: Kopfschmerzen. Besonders häufig sind Spannungskopfschmerz und Migräne.
Foto: Oliver Killig/dpa (Symbolfoto)

Die Schmerzen ziehen so plötzlich auf wie Gewitterwolken und überfallen die Patienten mit Wucht: mal als Hämmern und Bohren, mal als Stechen und Ziehen. Viele Menschen leiden während solcher Migräneattacken zusätzlich unter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Wer solche Anfälle öfters über sich ergehen lassen muss, hat einen gewaltigen Leidensdruck. Immerhin haben Wissenschaftler bei der Erforschung der Migräne in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte erzielt. "Das Entscheidende ist, dass wir die Krankheit heute besser verstehen", sagt der Neurologe Dr. Lars Neeb vom Kopfschmerz-Zentrum der Charité in Berlin. "Davon könnten wir bald auch bei der Therapie profitieren."

Zu viele Kopfschmerztabletten sind kontraproduktiv

Vor allem bei der Vorbeugung der Attacken zeichnen sich Erfolge ab. Das ist wichtig, um die Lebensqualität dauergeplagter Patienten zu verbessern. Außerdem ist der häufige Griff zu Schmerztabletten gefährlich: Der Übergebrauch kann nämlich zu neuen Kopfschmerzen führen.

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Wenn Kopfschmerzen entstehen, spielt der körpereigene Nerven-Botenstoff "Calcitonin Gene-related Peptide" (CGRP) eine wichtige Rolle. Man hat festgestellt, dass die Konzentration des Stoffs bei einer Migräneattacke erhöht ist, wie Privatdozent Dr. Charly Gaul, Sprecher der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, erläutert. Pharmahersteller setzen derzeit auf Antikörper, die die Wirkung dieses Botenstoffs blockieren und dadurch Migräneattacken vorbeugen sollen. Die Präparate müssen alle paar Wochen unter die Haut gespritzt oder als Infusion gegeben werden. "Derzeit werden von vier Herstellern solche monoklonalen Antikörper in klinischen Studien untersucht", berichtet Gaul.

Die Nebenwirkungen sind offenbar eher gering. "Am häufigsten scheint ein etwas erhöhtes Risiko für obere Atemwegsinfekte zu sein", sagt der Experte der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Allerdings lägen noch keine Daten zum Langzeiteinsatz vor. Kommt hinzu, dass die Patienten unterschiedlich gut auf die Mittel ansprechen. So zeigte sich, dass die Medikamente bei manchen Probanden kaum einen Effekt hatten, andere dagegen so gut wie gar keine Attacken mehr erlebten. Neeb sagt: "Die Antikörper-Therapie ist nicht für alle geeignet. Aber es zeichnet sich ab, dass sie eine gute Therapieoption sein wird. Das gilt insbesondere für Patienten mit häufigen Migräneattacken, bei denen andere vorbeugende Therapien nicht effektiv waren." Möglicherweise könnte das erste Medikament dieser Art im kommenden Jahr zugelassen werden.

Ärzte setzen Botox auch gegen Migräne ein

Doch bereits jetzt können Ärzte Menschen mit chronischer Migräne, also solche, die an mindestens 15 Tagen pro Monat an Kopfschmerz-attacken leiden, besser helfen als noch vor wenigen Jahren. Ein wichtiger Schritt war die Zulassung von Botulinumtoxin A ("Botox") zur Migräne-Vorbeugung im Jahr 2011. Dieser hochgiftige Stoff wird von Bakterien produziert und blockiert die Übertragung von Nervensignalen in den Muskeln. Er wird daher z.B. bei Krämpfen in den Muskel injiziert. Weitaus bekannter ist "Botox" aber als Anti-Aging-Mittel, das unter die Haut gespritzt wird, um Falten zu glätten. Tatsächlich brachte diese Anwendung Forscher erst auf die Idee, das Gift auch gegen Migräne einzusetzen: Einige Menschen hatten berichtet, dass sich im Zuge ihrer Anti-Falten-Behandlung auch ihre Kopfschmerzattacken besserten.

Infrage kommt "Botox" für Patienten mit chronischer Migräne, bei denen andere Medikamente zur Vorbeugung nicht wirksam sind, wie Gaul erklärt. Manchen können auch Betablocker, mit denen eigentlich Bluthochdruck behandelt wird, bestimmte Antidepressiva oder das ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelte Topiramat gut helfen. "Die Auswahl erfolgt nach dem Patientenprofil", erklärt Gaul. "Begleiterkrankungen wie Übergewicht, Schlafstörung, Depression und Asthma müssen beachtet werden."

Neurostimulation soll Migräne lindern

Der Neurologe Neeb hat jedenfalls gute Erfahrung mit der Botox-Therapie gemacht: "Etwa 60 Prozent der Patienten mit chronischer Migräne hilft die Behandlung, die Kopfschmerz-Häufigkeit zu senken." Die Nebenwirkungen seien gering. "Bei einigen Patienten kann es nach der Injektion aber dazu kommen, dass das Augenlid mehrere Wochen lang hängt. Manche haben auch ein Schweregefühl im Nacken." Ein Wundermittel ist auch Botox nicht. Ein solches Wundermittel lässt, wie Experten betonen, weiter auf sich warten.

Dafür gibt es noch andere vielversprechende Ansätze: So lassen sich Migräneanfälle offenbar durch Neurostimulation vorbeugen. Dabei werden mit elektrischen Impulsen Hirnnerven gereizt, sodass die Weiterleitung von Schmerzen verhindert wird. Dazu sind verschiedene Geräte auf dem Markt: Bei einem wird eine Elektrode auf die Stirn aufgeklebt, um die Endäste des so genannten Trigeminusnervs zu stimulieren. Bei einem anderen wird über eine Ohrelektrode der Vagusnerv aktiviert. "So etwas kann durchaus etwas bringen", sagt Neeb. "Um die Verfahren aber wirklich beurteilen zu können, ist es noch zu früh."

Doch weder Neurostimulation noch Medikamente alleine können schwerbetroffene Patienten heilen. Stattdessen brauchen sie Gaul zufolge einen "multimodalen Therapieansatz", den Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten gemeinsam ausarbeiten. Am besten lassen sich die Anfälle nämlich vorbeugen, wenn Entspannungsverfahren, Psychotherapie, Ausdauersport und Medikamente miteinander kombiniert werden.

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Berlin | Charité