In der Diözese heißt es Notfallseelsorge, beim BRK Krisenintervention. Letztlich kümmern sich sowohl Tina Wunder als auch Marcus Jänke im Großraum Augsburg um Betroffene von Krisensituationen.Foto: Dominik Durner
Wenn Tina Wunder oder Marcus Jänke im Einsatz sind, ist klar: Hier ist gerade etwas Katastrophales passiert. Die beiden müssen dafür sorgen, dass die Angehörigen von Gestorbenen so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen. Was Wunder und Jänke machen, firmiert unter dem sperrigen Namen „PSNV“: In der Psychosozialen Notfallversorgung begegnen die beiden regelmäßig dem Tod.
Die Notfallversorgung gibt es in zwei Varianten: Die PSNV-E für Einsatzkräfte, die zu psychisch stark belastenden oder traumatisierenden Einsätzen ausrücken. Und die PSNV-B für Betroffene, in der Wunder und Jänke tätig sind. Die 47-Jährige aus dem Hollenbacher Ortsteil Motzenhofen ist Systemleiterin Notfallseelsorge beim Bistum Augsburg, das ungefähr 40 größtenteils ehrenamtliche Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger stellen. Die Diözese ist eine von drei Institutionen, die die Psychosoziale Notfallversorgung in Augsburg Stadt und Land sowie dem Landkreis Aichach-Friedberg organisieren.
Bistum Augsburg, BRK und Malteser organisieren die PSNV im Augsburger Raum
Der Deuringer Jänke ist beim Bayerischen Rote Kreuz stellvertretender Teamleiter für den Bereich Krisenintervention, das BRK ist mit rund 25 Ehrenamtlichen involviert. Die dritte Organisation sind die Malteser, die weitere fünf bis zehn Krisenspezialisten stellen. Die PSNV ist rund um die Uhr in Bereitschaft. Voraussetzung: eine eineinhalb- bis zweijährige Ausbildung samt Hospitation.
„Wir sind an der Integrierten Leitstelle angebunden und werden bei bestimmten Meldebildern automatisch mit alarmiert“, erklärt Wunder. Darunter fallen plötzliche Tode, Suizid, Unfälle oder Großschadenslagen wie das Hochwasser vor zwei Jahren. Jänke fügt an: „Wir betreuen beispielsweise nach Verkehrsunfällen oder Schienensuiziden Augenzeugen. Auch die, die mittelbar betroffen oder Ersthelfer sind.“ Konkretere Beispiele wollen die beiden lieber nicht öffentlich äußern lesen, sie unterliegen der Schweigepflicht.
Ihre Aufgabe vor Ort ist die Erste Hilfe für die Seele, sagt Wunder: „Es ist ganz wichtig, dass wir relativ nah beim Geschehen dabei sind und die Handlungsfähigkeit der Betroffenen wiederherstellen, dieser traumatisierten Personen.“ Das sei ihre Hauptaufgabe: „Ein soziales Netz suchen, sie aus der Situation bringen.“ Sie müssen die Akutsituation entschärfen und die Betroffenen aus der Schockstarre holen, sagt Jänke: „Informieren, was passiert da jetzt gerade? Warum ist manchmal die Polizei mit dabei, wenn jemand zu Hause gestorben ist? Gibt es irgendwo Anschlusshilfen?“
Aichach-Friedberg sowie Augsburg Stadt und Land werden von PSNV-Profis betreut
Diese Anschlusshilfen können ganz unterschiedlich aussehen: Mal ist es eine Haushaltsunterstützung, manchmal nur Redebedarf, die Begleitung kann aber bis zu Therapieangeboten gehen. „Wir haben einen ganzen Blumenstrauß an Hilfsmöglichkeiten dabei“, sagt Jänke. Ein- bis zweimal täglich rückt die PSNV aus, ein Einsatz dauert in der Regel zwei bis vier Stunden. Im Jahr fallen rund 500 bis 600 Einsätze an.
500-600
So viele Einsätze fährt die PSNV-B im Kreis Aichach-Friedberg und Augsburg Stadt und Land jährlich.
Für den 49-jährigen zweifachen Vater Jänke ist es die größte Herausforderung, Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen: „Wir sind ja direkt mit der Polizei dabei und als die ‚Guten‘ die Unterstützung.“ Wunder sagt: „Oft will uns anfangs gar niemand haben. Aber unser Motto ist: Da sein, zuhören – und aushalten.“ Aushalten, wenn die Frage nach dem Warum kommt. Aushalten, wenn den Angehörigen der Boden unter den Füßen wegbricht. Aushalten, dass sie für die Trauernden dieser Stein im reißenden Fluss sein müssen: „Wir fühlen mit, aber wir leiden nicht mit.“
Krisenintervention oder Notfallseelsorge? Beide kümmern sich um Betroffene in Krisen
Marcus Jänke hat durch das Ehrenamt ebenfalls ein anderes Verhältnis zu dem „Tabu-Thema Tod“ gewonnen: „Ich gehe bewusster mit dem Leben um. Ob jemand stirbt oder nicht, hat man selten in der Hand.“ Und: Der Tod habe auch etwas sehr Friedliches. Das spürt Jänke, wenn er mit den Angehörigen in Ritualen die Gestorbenen verabschiedet – ein wichtiger Bestandteil der PSNV.
Jänke kann sich heute noch einen älteren Mann erinnern, er weiß nur nicht mehr wo und wann: „Ich weiß nur noch: Der hatte einen ganz langen weißen Bart. Und da haben wir einfach ein Stück vom Bart abgeschnitten – als Erinnerung auch für die Enkelkinder.“ Tina Wunder schätzt es, wie der Umgang mit den Angehörigen auch ihren Blick auf das Leben gewandelt hat: „Vor Weihnachten habe ich dann eine Nachricht von einer Mutter bekommen, zwei Jahre nach dem Suizid ihres Sohnes: ‚Ich stünde heute nicht hier, wären Sie damals nicht da gewesen‘.“
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