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Augsburg

02.12.2019

Nach Verzweiflungstat: "Viele Mütter haben einfach nur geweint"

Blumen und Kerzen vor der Augsburger Wohnung, in der eine 57-jähriger Frau im November erst ihren schwerstbehinderten Sohn und dann sich selbst getötet hat.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Plus Eine Augsburgerin hat sich und ihren schwerstbehinderten Sohn getötet. Wir haben mit den Gründerinnen des Vereins Dachskinder gesprochen, in dem sich auch die Mutter engagierte.

Die Trauer ist spürbar, wenn Angelika Brunner und Angela Jerabeck über die Verzweiflungstat einer alleinerziehenden Mutter in Augsburg sprechen. Die 57-jährige Frau hatte in der Nacht zum 11. November in Augsburg ihren schwerstbehinderten Sohn und sich selbst getötet. Die Augsburgerin war eine engagierte Mitstreiterin in ihrem Team.

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Jerabeck und Brunner, die beide aus dem nördlichen Landkreis Augsburg kommen, setzen sich mit dem Verein Dachskinder seit Jahren für den Aufbau einer Kurzzeitpflege für Kinder mit schwersten Behinderungen ein. Außerdem haben sie einen Stammtisch für Eltern dieser Kinder gegründet.

Haben sich nach der Verzweiflungstat viele Eltern an Sie gewandt?

Nach Verzweiflungstat: "Viele Mütter haben einfach nur geweint"

Jerabeck: Ja, es waren einige. Es gab Mütter, die von der Verzweiflungstat gehört hatten und einfach nur weinten. Einige erzählten, wie belastend die Situation mit ihren schwerstbehinderten Kindern ist. Die Tat hat viele wachgerüttelt. Einigen wurde bewusst, wie sehr auch sie an die eigenen Grenzen kommen.

Können Sie uns ein paar Probleme schildern, mit denen diese Eltern zu kämpfen haben?

Brunner: Eltern schwerst kranker Kinder haben ein enormes Pensum zu leisten. Sie sind Erzieher, Sekretär, Pfleger und hauswirtschaftlicher Helfer in einem. Das fängt beim ständigen Kampf mit Krankenkassen um Hilfsmittel oder den Pflegedienst an. Sogar die Begleitung zur Schule muss organisiert werden. Fällt diese aus, muss das Kind zu Hause bleiben. Durch den Personalmangel bei Kinderpflegediensten kommt es immer häufiger dazu, dass Nachtdienste abgesagt werden. Diese Zeiten müssen dann auch von Eltern übernommen werden. Zudem werden oft Geschwisterkinder und die Partnerschaft vernachlässigt.

Sie haben beide gesunde Kinder. Warum setzen Sie sich in Ihrer Freizeit dafür ein, dass eine Kurzzeitpflegeeinrichtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Augsburg aufgebaut wird?

Jerabeck: Wir arbeiteten beide in der Pflegeberatung für behinderte Kinder in Augsburg. Wir haben gesehen, wie schwer sich Eltern tun, allein den Alltag mit einem schwerstbehinderten oder behinderten Kind zu bewältigen. Gerade in den Sommerferien sind wir von einer erschöpften Familie zur nächsten gefahren. Die Eltern konnten nicht ausspannen, hatten keine Entlastung. Eine Mutter ist mit ihrem schwer kranken Kind in ein Hospiz gegangen, um durchschnaufen zu können und dem Rest der Familie eine Auszeit von der Pflege zu gönnen. Das war kein einfacher Schritt. Um im Kinderhospiz aufgenommen zu werden, muss der Kinderarzt ein Attest ausstellen, das belegt, dass das Kind an einer sogenannten lebenslimitierenden Krankheit leidet – das lässt keinen unbeeindruckt.

Wo gibt es derzeit Kurzzeitpflegeeinrichtungen für Kinder mit Behinderungen?

Jerabeck: Sobald ein Kind intensive Überwachung braucht, findet es in ganz Schwaben keinen Platz. Die einzige Möglichkeit ist dann ein Aufenthalt in einer Klinik oder einem Heim. Für Kinder mit Behinderung gibt es acht Plätze in Lamerdingen bei Buchloe, sechs Plätze in Kempten oder drei im Dominikus-Ringeisen-Werk in Königsbrunn.

Angela Jerabeck und Angelika Brunner (rechts) setzen sich für Hilfsangebote ein, mit denen Eltern von behinderten Kindern entlastet werden. 
Bild: Andreas Lode

Was machen denn Eltern, deren Kleinkind eine Behinderung hat und die einen Kurzzeitpflegeplatz brauchen?

Brunner: In Schwaben gibt es derzeit keine Kurzzeitpflegeeinrichtung, die Kleinkinder unter vier Jahren mit einer Behinderung aufnehmen kann. Wir kennen die Mutter eines solchen Kleinkindes. Als die Frau wieder schwanger war und das Baby zur Welt kam, musste das Kleinkind in eine Klinik eingewiesen werden, um versorgt zu werden. Dabei darf man nicht vergessen, dass viele dieser Kinder schon einige Krankenhausaufenthalte hinter sich haben und davon traumatisiert sind.

Wie lange engagieren Sie sich schon für diese spezielle Kurzzeitpflege?

Jerabeck: Seit zehn Jahren. Wir wollen, dass in Augsburg eine solche Kurzzeitpflegeeinrichtung mit sechs Plätzen unter dem Namen Haus Dachsbau entsteht. Wir haben bereits vor acht Jahren den zuständigen Kostenträgern ein vollständiges Konzept vorgelegt. Die Klinik Josefinum würde dieses Konzept gerne mit uns umsetzen. Leider hängt es seit zwei Jahren am Trägerentscheid des Bezirks Schwaben. Wir hoffen, dass die Priorität nun endlich gesehen wird und die zuständigen Kostenträger – Kranken- und Pflegekasse und Bezirk – mit der raschen Umsetzung starten.

Sie haben auch den Verein Dachskinder gegründet. Warum?

Brunner: Der Verein will Kinder und Jugendliche mit Behinderung unterstützen. Wir veranstalten regelmäßige Elternstammtische für Väter und Mütter, deren Kinder behindert sind. Wir bieten Erste-Hilfe-Kurse, rechtliche Beratung und individuelle Unterstützung wie beispielsweise bei der Wohnungssuche. Derzeit ist auch eine Entlastungshilfe für zu Hause im Aufbau.

Woher kommt der Name Dachsbau beziehungsweise Dachskinder?

Jerabeck: Die Dachseltern bleiben ein Leben lang zusammen und wohnen mit ihren Familien in unterirdischen Höhlen. In ihrem Bau schaffen sie ein schützendes Zuhause. Häufig findet sich der Dachs in der Kinderliteratur. Er nimmt dort eine liebevolle Rolle als Zuhörer und Ratgeber ein und vermittelt dadurch Geborgenheit. Dieses Bild steht im übertragenen Sinne dafür, was wir mit unserem Verein und der Kurzzeitpflege erreichen wollen.

Kontakt Wer mehr über den Verein Dachskinder wissen will, kann sich auf www.dachskinder-ev.de informieren. Interessierte können sich auch per E-Mail (info@dachskinder-ev.de) an Angela Jerabeck und Angelika Brunner wenden.

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