1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Plötzlich Endstation: Bahn steht unter Druck

Bahnstrecke Augsburg-Ulm

26.01.2019

Plötzlich Endstation: Bahn steht unter Druck

Pendler berichten, dass immer wieder Züge, die eigentlich nach Dinkelscherben fahren sollten, bereits in Gessertshausen umkehren. Hintergrund sind meist Verspätungen. Viele fordern deshalb ein drittes Gleis auf dieser Strecke. Doch das lässt noch auf sich warten.
Bild: Marcus Merk

Immer wieder bleiben Züge auf dem Weg von Augsburg nach Dinkelscherben in Gessertshausen stehen. Woran liegt das? Pendler und Fahrgastverband sind sauer.

Nachdem am Mittwoch viele Pendler von der Bahn in der Kälte rausgeschmissen wurden, sind die Passagiere sauer. Immer mehr Leser berichten, dass das kein Einzelfall war. Ständig komme es auf der Strecke zwischen Augsburg und Ulm zu Zugausfällen und Verspätung. Besonders ein Phänomen, ärgert viele Pendler auf dieser Strecke. Züge, die eigentlich aus Richtung Augsburg bis nach Dinkelscherben fahren sollten, machen in Gessertshausen kehrt. Endstation am kalten Bahnhof.

Stefan Schmid aus Dinkelscherben pendelt mit der Bahn täglich zur Arbeit nach Augsburg. Er habe schon „sehr viele“ vorzeitige Wenden in Gessertshausen erlebt. „Auch schon bei noch kälteren Temperaturen als minus fünf Grad“, sagt er. Immer wieder habe er sich bei der Bahn beschwert. Das vorzeitige „Aussetzen“ der Pendler nach Kutzenhausen oder Dinkelscherben hält er für „absolut inakzeptabel“. Allerdings sei die Störung am Mittwoch ein „extremer Einzelfall“ gewesen, sagt er. Auch eine Stunde nach dem plötzlichen Fahrtende, kam kein Ersatzbus oder Anschlusszug. Die Bahn hatte sich bei den Passagieren für den Vorfall entschuldigt. Als Hintergrund für den plötzlichen Stopp gilt ein fehlgeleitetes Notrufsignal. Normalerweise – versichert die Bahn – wendet der Zug nur dann vorzeitig, wenn ein Folgezug in wenigen Minuten einfährt. Aber warum bleibt die Bahn überhaupt vorzeitig stehen?

Viele Züge müssen sich zwei Gleise teilen

Winfried Karg vom Fahrgastverband Pro Bahn kennt dieses Problem. Hintergrund sei vor allem, dass die Strecke zwischen Augsburg und Ulm größtenteils zweigleisig ist. Das heißt: Fern-, Güter- und Regionalzüge müssen sich ein Gleis je Fahrtrichtung teilen. Hat ein Zug Verspätung, wird es kritisch. Denn es muss ein gewisser Sicherheitsabstand eingehalten werden.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ist bereits ersichtlich, dass ein Regionalzug so viel Verspätung hat, dass diese sich nicht mehr einholen lasse, könne es vorkommen, dass ein Zug aus Richtung München zum Beispiel in Gessertshausen kehrt macht, um rechtzeitig wieder in Richtung München unterwegs zu sein. Die Passagiere müssen dann aussteigen und auf den Folgezug warten. „Das kommt häufig vor“, sagt Karg.

Ein anderer Grund dafür, dass Regionalzüge in Gessertshausen oder Dinkelscherben stehen bleiben, seien die Fernzüge, erklärt der Experte. Denn die sind deutlich schneller als der Fuggerexpress. An den beiden Bahnhöfen gebe es aber Ausweichgleise, sodass die schnelleren Züge vorbeifahren können. „Das führt natürlich auch immer wieder zu Verspätungen“, sagt Karg.

Die Bahn betont dass es auf der Strecke zwischen Augsburg und Ulm „zu nicht mehr oder weniger Zugausfällen als andernorts“ komme. Ein Sprecher des Unternehmens räumt aber auch ein: „Gerade auch Störung in anderen Netz-Bereichen können hier Wechselwirkungen nach sich ziehen“. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Schienenverkehr im Auftrag des Freistaats koordiniert, erklärt auf Nachfrage dass „insbesondere in den Monaten November und Dezember eine überdurchschnittliche Anzahl an Zugkilometern beim Fugger-Express ausgefallen sind“. Dieser Trend setze sich nun fort. Als Ursache nennt die BEG unter anderem schwieriges Wetter, Fahrzeugstörungen, Krankmeldungen des Personals, Streik oder Infrastrukturstörungen. Wie kann man dem entgegenwirken?

Wann kommt das dritte Gleis zwischen Augsburg und Ulm?

„Es hilft nur das dritte Gleis“, meint Winfried Karg von Pro Bahn. Und das sei längst überfällig. Schließlich werde seit Jahrzehnten darüber diskutiert. „Ich denk aber, dass wir auch in zehn Jahren noch kein drittes Gleis haben werden“. Viel zu lange sei nicht in die Strecke investiert worden. „Der Bund steckt viel Geld in Autobahnen, aber kaum in die Gleise“, sagt Karg. Dabei habe sich die Zahl der Passagiere immens vergrößert. Insgesamt gebe es 70 Prozent mehr Bahnreisende in Bayern als vor 20 Jahren, bestätigt auch die Bahn.

Das zeige, wie wichtig das dritte Gleis für die Region ist, sagt der Neusässer Bundestagsabgeordnete Hansjörg Durz. Er kämpft politisch schon lange für das Projekt. Die Situation auf der Strecke Augsburg-Ulm werde sich in wenigen Jahren noch einmal drastisch verschärfen, sagt Durz. Denn wenn 2025 das Projekt Stuttgart 21 abgeschlossen wird, werde sich der Fernverkehr auf dieser Strecke verdoppeln. „Das kann zum Problem werden“, sagt der Bundestagsabgeordnete. Denn schon jetzt ist die Verkehrssition angespannt.

Verkehrsgesellschaft Go-Ahead übernimmt ab 2022

Nach dem Vorfall am Mittwochabend habe Durz die Bahn angeschrieben, um sich zu erkundigen, wie die Strecke kurzfristig optimiert werden kann. Denn bis das dritte Gleis tatsächlich kommt, werden wohl noch viele Jahre vergehen. Im Februar will die Bahn das Projekt erstmals umfassend vorstellen.

Eine große Veränderung auf der Strecke wird es aber schon lange vor dem dritten Gleis geben. 2022 übernimmt die englische Verkehrsgesellschaft Go-Ahead den Bahnverkehr auf der Strecke Augsburg-Ulm. Die BEG verspricht sich dadurch viele Verbesserungen für die Passagiere. So soll es werktags in den neuen Zügen rund 25 Prozent mehr Sitzplätze als bislang geben und insgesamt mehr Platz für Passagiere und Gepäck. Außerdem soll es viele zweistöckige Züge auf der Strecke nach München geben.

Weshalb die Bahn am Mittwoch viele Pendler bei Minusgraden an die frische Luft setzte.

Kommentar: Es ist höchste Zeit für ein drittes Gleis zwischen Augsburg und Ulm, denkt Autor Philipp Kinne.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren