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Augsburger Geschichte

01.06.2019

Als die Wolfzahnau in Augsburg ein Friedhof werden sollte

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2 Bilder
Das „Wirtshaus zum Wolfszahn“ im Jahre 1819. Im Hintergrund ist der unregulierte Lech erkennbar.
Bild: Sammlung Häußler

Die Wolfzahnau im Norden Augsburgs musste viele Angriffe hinnehmen. Heute sind Schottische Hochlandrinder als Naturpfleger in der Weidestadt im Einsatz.

Das „Wirthshaus zum Wolfszahn am Lech-Fluss bei Augsburg“ wurde vor 200 Jahren erstmals abgebildet. Der Zeichner hielt anno 1819 das stattliche Gebäude über einem Lecharm fest. Im Freien sitzen Gäste, vor ihnen liegt eine Wiese mit Schafen. Die kultivierte Fläche, auf der die Gaststätte steht, trägt den Flurnamen Wolfszahn. Lechabwärts schließt sich vor 200 Jahren eine ursprüngliche Auen-, Busch- und Waldlandschaft an. Darin vereinigen sich die noch vielarmigen Flüsse Lech und Wertach. Der Zusammenfluss erfolgte seit Urzeiten in einem scheinbaren Gewirr von Wasserläufen. Nur noch historische Pläne lassen erahnen, wie vielgestaltig die Lech- und Wertachauen vor der Kanalisierung der beiden Flüsse waren.

Die Bierschenke auf dem „Wolfzahn“ – sie wäre heute im Bereich des Betonbunkers zu verorten – zählte vor 200 Jahren zu den beliebten stadtnahen Ausflugszielen der Augsburger. Ab 1851 veränderte sich die Umgebung des „Wolfzahns“ grundlegend. In diesem Jahr begann hier die Flussregulierung. Das heißt: Für den Lech wurde ein kanalartiges Bett gegraben, dessen Sohle am Zusammenfluss mit der ebenfalls „gebändigten“ Wertach um etwa sechs Meter tiefer als zuvor lag. Das hatte zur Folge, dass die vormaligen Flussarme, Rinnsale und Gumpen austrockneten. Für Flora und Fauna herrschten bald karge Bedingungen.

Geländespitz zwischen Lech und Wertach

Die Flussregulierung hinterließ einen sich nach Norden verjüngenden Geländespitz zwischen Lech und Wertach. Dieser wurde 1854 aus dem Hoheitsgebiet des Königreiches Bayern herausgelöst und der Stadt Augsburg zugeschlagen. Davon kaufte 1867 die Baumwollspinnerei am Stadtbach (auf ihrem Gelände befindet sich jetzt die Papierfarik UPM) 103 Tagwerk (35 Hektar). 1872 erwarb die Spinnerei auch das „Wolfzahn-Wirtschaftsanwesen“, um darin Arbeiterwohnungen einzurichten. Am Namen der Gaststätte orientierte sich der Magistrat, als er am 10. Mai 1879 den Geländespitz zwischen Lech und Wertach „Wolfzahnau“ benannte.

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1881 wurde die Baumwollspinnerei von der Stadt genötigt, ihr 17 Hektar auf der Wolfzahnau zu überlassen. Die Begründung: „Die Stadtgemeinde beabsichtigt, in der Wolfzahnau einen Communalfriedhof anzulegen.“ Im Oktober 1884 legte Stadtbaurat Ludwig Leybold die Pläne für einen riesigen, geometrisch angelegten Friedhof mit katholischer und protestantischer Abteilung vor. Das Friedhofsprojekt wurde jedoch verworfen und statt- dessen ein „Volkspark“ mit Wegen und Stegen vorgeschlagen.

Die Spinnerei forderte daraufhin von der Stadt das abgetretene Areal zurück, wurde aber von den Gerichten abgewiesen. Etliche Jahre später benötigte die Baumwollspinnerei das Wohlwollen der Stadtführung, als sie auf der Spitze der Wolfzahnau ein Großkraftwerk plante. Dazu war die Weiterführung der vereinigten Kanäle Stadtbach und Proviantbach durch die Wolfzahnau in einem 1100 Meter langen Kanal parallel zur Wertach nötig. Im Dezember 1900 begann der Aushub, Ende 1901 lief die erste Turbine im Kraftwerk, das immer noch viel Strom produziert.

Auengelände wird zum Biotop

Bei den Flussregulierungen ab 1851 und beim Durchstich des Kraftwerkskanals ein halbes Jahrhundert später fiel viel Aushubmaterial an. Damit wurden die alten Wasserläufe verfüllt, und das „neue“ Auengelände entwickelte sich zu einem „Biotop aus zweiter Hand“. Nicolas Liebig, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Stadt Augsburg: „Das Besondere an der Wolfzahnau ist der Wechsel aus urwaldähnlichem Baumbestand mit viel Totholz und Baumhöhlen, dem Offenland sowie dem fließenden Wasser im Lech und im Kanal, den Kiesbänken und den Feuchtbiotopen. Dieser Wechsel der verschiedenen Lebensräume führt zu der Artenvielfalt, die die Wolfzahnau als Dschungel inmitten der Stadt ausmacht.“

Dass sich Magerwiesen teilweise auf Flächen befinden, auf denen Schutt und Müll von einer Humusschicht überdeckt sind, ist fast vergessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten Bereiche der Wolfzahnau als Mülldeponie. Heutige Offenflächen wurden lange Zeit landwirtschaftlich genutzt. Das ist vorbei. Die Natur durfte alles zurückerobern. Ein 1944 begonnener Hochbunker, in dem die MAN Dieselmotoren fertigen sollte, markiert die Südgrenze des Biotops.

Gewerbliche Nutzung oder grüne Lunge?

In den 1950er-Jahren gab es erste Vorschläge, die Wolfzahnau für die Öffentlichkeit zu erschließen. 1966 wollte die MAN auf der Wolfzahnau bauen, 1967 sollte ein Teil dem Gewerbegebiet zugeschlagen werden. 1968 wurde eine Trasse für die neue B2 durch die Wolfzahnau genehmigt, 1973 war wieder ein „Freizeitpark Wolfzahnau“ im Gespräch. Das Tauziehen zwischen gewerblicher Nutzung und grüner Lunge ging weiter: 1987 lautete eine Zeitungsüberschrift „Industrie liebäugelt mit Wolfzahnau“. Danach setzten sich endgültig die Naturschützer durch.

1991 sollte es mit der Ausweisung als „Naturschutzgebiet“ Ernst werden. Gutachten verwiesen auf die enorme ökologische Bedeutung der Wolfzahnau. Sie sei ein wichtiges Vernetzungsgebiet zwischen Lebensgemeinschaften an Lech und Wertach. Benachbarte Industrieunternehmen meldeten Bedenken gegen allzu strenge Schutzbestimmungen an. Sie wären eventuell davon beeinträchtigt gewesen. So dauerte es bis 1998, ehe der Stadtrat eine „Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet Wolfzahnau“ beschloss.

Naturschutzexperten weisen darauf hin, dass ungebremster Wildwuchs dem Landschaftsschutz nicht gerecht wird: Auch „Biotope aus zweiter Hand“ wie die Wolfzahnau bedürfen fachgerechter Pflege. Diese erledigen auf den Offenflächen seit September 2014 „Highland Cattles“ (Schottische Hochlandrinder). Die Wolfzahnau ist in das Projekt „Weidestadt Augsburg“ einbezogen, bei dem Schafe, Ziegen, Pferde und Rinder die „Naturschutzbeweidung“ übernehmen. Der Neusässer „Highlander“-Züchter Helmut Schachner pachtete rund fünf Hektar der 76 Hektar großen Wolfzahnau und siedelte auf kargen Wiesen inmitten eines „Urwalds“ eine Herde mit 14 zottigen „Highlander“ an. Die anspruchslose kleinwüchsige Rinder-Edelrasse benötigt selbst im Winter keinen Stall.

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