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Augsburg

28.10.2020

Christkindlesmarkt wegen Corona abgesagt: "Ein Schlag in den Magen"

Diesen Anblick werden in diesem Jahr viele Menschen vermissen. Der Augsburger Christkindlesmarkt 2020 findet wegen Corona nicht statt.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Viele Händler trifft die Absage des Augsburger Christkindlesmarktes hart. Bei manchen steht die Existenz auf dem Spiel. Die Reaktionen sind zwiegespalten.

Als unbekannte Feuerteufel im vergangenen Jahr auf dem Augsburger Christkindlesmarkt seinen Stand mit den Schutzengeln in Brand steckten, schwor sich Werner Rödel, seinen nächsten Stand schöner aufzubauen und mit seinen Kunden darauf anzustoßen. Doch daraus wird nun nichts. Aufgrund der steigenden Infektionszahlen hat die Stadt den Augsburger Christkindlesmarkt 2020 am Montag abgesagt. Manche Händler trifft das hart. Die Entscheidung wird zwiegespalten aufgenommen.

Marion Perl ist bedrückt. Sie und ihren Mann plagen aufgrund der Corona-Pandemie sowieso Existenzängste. Nun ist die Angst weiter gestiegen. "Auch wenn wir es befürchtet hatten, die Absage war ein Schlag in den Magen." Das Ehepaar aus Aichach verkauft normalerweise in der Adventsgasse des Christkindlesmarktes auf dem Rathausplatz selbst gefertigten Schmuck aus Edelsteinen. Heuer wäre es das zehnte Jahr gewesen.

Marion und Michael Perl wären das zehnte Jahr mit ihrem "Perlenzauber" auf dem Christkindlesmarkt gewesen.
Bild: Perl

Der Christkindlesmarkt sei ihre wichtigste Einnahmequelle. Finanziell trage er sie bis in den April. "Die Märkte sind unser einziges Standbein", erzählt die 52-jährige Marion Perl. Nur auf der Dult haben sie mit ihrem "Perlenzauber" zwei Wochen lang Waren verkaufen können. Zudem war das Ehepaar zwei Wochen lang mit seinem Stand vor dem Karstadt präsent. Das war alles in diesem Jahr.

Augsburger Christkindlesmarkt entfällt: Händlerin beschreibt Lage

"Wegen Corona haben wir vor drei Monaten einen Onlineshop eröffnet, aber der läuft bislang nicht. Außerdem weiß ich nicht, wie ich unsere Stammkunden erreichen soll", beschreibt Perl das Dilemma. Glück im Unglück sei, dass sie im Vorfeld des Christkindlesmarktes nicht viel Ware bestellt haben. "Wir produzieren selber und haben Anfang des Jahres vor Corona auf einer Messe Edelsteine eingekauft." Werner Rödel hingegen hatte schon in großen Mengen für seinen Schutzengel-Stand geordert.

"Zum Glück habe ich eine Stornomöglichkeit bis Anfang November. Nicht auszudenken, die Absage wäre erst gekommen, wenn wir schon aufgebaut hätten", sagt der Beschicker. So richtig begeistert war Rödel von den Planungen des diesjährigen Marktes sowieso nicht. Aufgrund Corona sollte der Christkindlesmarkt entzerrt und die Buden auf die Innenstadt verteilt werden. Für ihn wäre das nur Makulatur gewesen, sagt der Händler. "Ist das denn noch unser Christkindlesmarkt, wenn alles zerrissen ist?" Angesichts der steigenden Infektionszahlen in Augsburg müsse die Vernunft vorne anstehen, findet Rödel. Einige Händler sehen es differenzierter.

Werner Rödel hatte für seinen Stand schon viel Ware geordert.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archivfoto)

"Wir wären doch an der frischen Luft gewesen"

Sandra Erlinger etwa, die an ihrem Stand Bonbonniere Süßigkeiten wie gebrannte Mandeln anbietet, will die Entscheidung der Stadt nicht als falsch bewerten. "Aber der Ersatzplärrer und die Dult haben gezeigt, dass sie keine Ansteckungsherde sind und dass das Hygienekonzept funktioniert." Sie verstehe die Stadt wegen des hohen Inzidenzwertes, "aber ich tue mir schwer, weil es genügend andere Vergnügungs- und Einkaufsmöglichkeiten gibt." Es wurme sie, dass bei Corona-Maßnahmen in bestimmten Bereichen mit zweierlei Maß gemessen werde. Auch Marion Perl kann die Absage nicht ganz nachvollziehen. "Wir wären doch an der frische Luft gewesen, der entzerrte Plan der Stadt hätte funktioniert. In Geschäften geht es enger zu."

Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) hingegen machte in einer Videobotschaft klar, warum die Weihnachtsinseln über die Stadt verteilt derzeit keine Option sind. "Wir wollen und wir dürfen momentan keinen Anlass bilden, dass die Menschen in die Innenstadt kommen", betonte sie.

Die Stadt Augsburg gibt Antworten auf Corona-Fragen.

Plärrer-, Messen- und Christkindlesmarkt-Absagen trifft diese Familie

Tina Held versucht das Aus des Christkindlesmarktes pragmatisch zu sehen. "Trotz aller Hygienekonzepte steigen die Zahlen ja weiter. Es nützt einfach nichts." Dabei ist ihre Familie auch schwer von den wirtschaftlichen Auswirkungen durch Corona getroffen. Normalerweise betreiben die Helds das Schaller-Festzelt auf dem Plärrer, die Almhütte auf dem Christkindlesmarkt und arbeiten für Messeveranstaltungen - bis auf zwei kleinere Events an der Messe wurde dieses Jahr alles gestrichen. Um diese Zeit, sagt die 29-jährige Held, hätten sie normalerweise längst bei ihrer Weinkellerei die Bestellung für den Christkindlesmarkt aufgegeben. "Zum Glück hatten wir uns dieses Jahr damit bewusst zurückgehalten."

Wirtschaftsreferat der Stadt Augsburg: "Vorschläge gemeinsam diskutieren"

Manche Händler geben die Hoffnung nicht ganz auf, dass die Zahlen der Covid-19-Infektionen in Augsburg bald wieder sinken. "Vielleicht entscheidet die Stadt dann, doch einzelne Verkaufsstände aufzustellen", so Perl. Das Wirtschaftsreferat, das auch für das Marktwesen zuständig ist, gibt sich an dieser Stelle vorsichtig. "Für eine konkrete Aussage ist es leider noch ein wenig zu früh." Den Verantwortlichen der Stadt sei aber bewusst, dass sich die Marktkaufleute und Schaustellerfamilien durch die Absage in einer schwierigen Lage befinden. "Wir werden alle Vorschläge gemeinsam mit unseren Partnern diskutieren. Entscheidend für die Handlungsoptionen ist aber stets, wie sich die Fallzahlen in den nächsten Wochen entwickeln werden", heißt es.

Sandra Erlinger von der Bonbonniere überlegt sich bereits eine Alternative. "Zwar befinde ich mich noch in einer Art Schockstarre", sagt Erlinger, "aber möglicherweise bauen wir den Süßigkeitenstand auf unserem Grundstück am Mittleren Moos wieder auf, wie nach dem Lockdown im Frühjahr." Eventuell bekomme sie auch einen Platz bei einer Firma in Lechhausen.

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28.10.2020

Und was machen die, die den Schlag in den Magen bekommen haben? Die meisten werden ihn wohl einfach abnicken.

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