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Augsburg

27.11.2020

"Corona-Detektive" klagen über gravierende Mängel im Gesundheitsamt

Die Mitarbeiter des Augsburger Gesundheitsamts werden bei der Kontaktnachverfolgung nun auch von Bundeswehrsoldaten unterstützt.
Bild: Ruth Plössel, Stadt Augsburg

Plus Fehlende Ausrüstung, zu wenig Software-Lizenzen. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Augsburg berichten über schlechte Arbeitsbedingungen.

Die Nachverfolgung von Corona-Fällen gehört zu den wichtigsten Werkzeugen im Kampf gegen die Pandemie. Mit den Zahlen, die von der Stadt Augsburg dem Robert-Koch-Institut gemeldet werden, werden die Schutzmaßnahmen und Einschränkungen für die Bevölkerung begründet. Doch ausgerechnet in diesem Bereich scheint in Augsburg einiges schief zu laufen. Mehrere mit der Datenerfassung und Nachverfolgung beschäftigte Mitarbeiter des Augsburger Gesundheitsamts berichten übereinstimmend über fehlende Ausstattung, schlechte Arbeitsbedingungen und unzureichende Schulungen. Die daraus resultierenden Fehler seien gravierend, heißt es.

Derzeit sind nach Auskunft des Gesundheitsamtes 100 Mitarbeiter der Stadt damit beschäftigt, Corona-Fälle aufzunehmen, Infizierte in Quarantäne zu schicken und wieder zu entlassen sowie mögliche Kontaktpersonen aufzuspüren. Unterstützt werden sie dabei von 30 Angehörigen der Bundeswehr. Augsburg gehört zu den Corona-Hotspots in Bayern. Computer und Telefon sind die wichtigsten "Waffen" der "Contact-Tracer", wie diese Corona-Detektive auch heißen, um die Ausbreitung der Pandemie zu stoppen. "Es geht schon mal damit los, dass unsere ganze Abteilung immer noch keine Headsets zum Telefonieren hat", sagt ein Mitarbeiter, der zu seinem Schutz seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Gesundheitsamt in Augsburg: Es fehlen offenbar noch immer Headsets

Was sich nach einer kleinen Unannehmlichkeit anhört, bedeutet nach seiner Schilderung massive Mehrarbeit - und damit weniger Fälle, die pro Person bearbeitet werden können. "Anstatt während des Telefonats die Daten des Angerufenen gleich in die Datenbank tippen zu können, notieren wir sie auf einen Zettel und übertragen sie danach", berichtet er. Von der Stadt heißt es auf Anfrage, jeder Mitarbeiter in der Kontaktverfolgung müsste ein Headset haben. Eine erste Charge sei am 14. November angeschafft worden, danach seien noch einmal weitere Headsets geordert worden. Der Mitarbeiter bestreitet das. "Dann weiß ich nicht, wo die Headsets abgeblieben sein sollen", fragt er sich.

Die Daten werden von den "Corona-Detektiven" dann in zwei verschiedene Datenbanken übertragen. Für die Verwendung der Daten in der Stadt gibt es seit Ende September eine Datenbank namens Cortrac, die ein Mitarbeiter der Stadt auf Basis des Microsoft-Programms Access programmiert hat. Diese hat die bis dahin verwendete Excel-Liste abgelöst, in die alle Kontaktverfolger ihre Ergebnisse eintippen mussten. Cortrac sei ein enormer Fortschritt und funktioniere, heißt es von den Mitarbeitern. Als noch Excel zum Einsatz kam, hätten sich immer wieder Mitarbeiter krank gemeldet, die nach acht Stunden Datenerfassung über Kopfschmerzen klagten. Cortac wurde selbst entwickelt, weil ein vom Bund und vom Freistaat zur Verfügung gestelltes Programm aus Sicht des Gesundheitsamts für die Arbeit nicht gut geeignet war.

Die zweite Datenbank, in die dieselben Daten noch einmal eingetippt werden müssen, heißt ISGA. Aus Datenschutzgründen seien die beiden Datenbanken getrennt, heißt es bei der Stadt. Das sei Absicht. Die ISGA-Datenbank, von der das Robert-Koch-Institut seine Daten erhält, ist ein Herzstück der Corona-Bekämpfung. Doch offenbar aus Sparsamkeit gibt es nach dem Eindruck der Mitarbeiter viel zu wenig Lizenzen für die Software - was das ganze System lahmlegt. "Es gibt Tage, an denen ich an einem Acht-Stunden-Arbeitstag sechs Stunden lang herumsitze, weil ich nicht in ISGA komme", schildert einer der Kontaktverfolger. Denn für die 130 Personen, die sich mit der Kontaktverfolgung beschäftigen, hat die Stadt nur 20 Lizenzen.

Corona-Detektive in Augsburg: Gibt es genug Software-Lizenzen?

Genug, wie Gesundheitsreferent Reiner Erben (Grüne) meint. "Alle Mitarbeiter, die Daten eingeben, verfügen über entsprechende Lizenzen", erklärt er auf Anfrage. Ein Sprecher des Referats konkretisiert: "Jeder Mitarbeiter, der sich einloggt, hat auch eine Lizenz. Wenn er sich wieder ausloggt, kann ein anderer Mitarbeiter die Lizenz nutzen." Es seien genügend Lizenzen vorhanden, damit die Leute effektiv arbeiten könnten. In der Praxis aber sieht das offensichtlich anders aus "Wir schauen meistens, wie viele Autos auf dem Parkplatz stehen - wenn es nicht so viele sind, versuchen wir, uns einzuloggen", erklärt der Mitarbeiter die pragmatische Lösung. Am ehesten könne man in der Mittagspause oder gegen Abend Daten eingeben. "Man versucht es immer und immer wieder - mit mehr oder weniger Erfolg." Das führt offenbar dazu, dass sich die Tracer den ganzen Tag nicht mehr ausloggen, sobald sie es einmal ins System geschafft haben. Ein Hintergrund ist offenbar, dass die Stadt für jede Zugriffslizenz bezahlen muss - und das nicht für vertretbar hält.

Doch auch bei der Eingabe in die Datenbank lauern viele Fehlerquellen - die nur durch eine gute Schulung minimiert werden können. Aus dem Gesundheitsreferat heißt es, die Kontaktverfolger erhielten eine mehrtägige Schulung auf die beiden Systeme, die während des Betriebs immer wieder erweitert würde. Ganz anderes berichtet es ein Kontaktverfolger. "An meinem ersten Arbeitstag im Gesundheitsamt hat mir ein Kollege kurz die wichtigsten Eingabefelder gezeigt - weil ich schon früher mit Datenbanken gearbeitet habe, bin ich zurecht gekommen." Am nächsten Tag habe er dann schon andere Mitarbeiter "einarbeiten" dürfen.

Dabei sei Cortac durchaus ein gutes Werkzeug, wenn man die verschiedenen Menüs und Eingabeoptionen verstehe. "Ich erlebe allerdings täglich, dass jeder etwas anderes einträgt, was zu enormen Fehlern führt." Vor allem die Verknüpfung der Kontaktpersonen untereinander laufe oft schief. Und damit das Aufspüren von Schwerpunkten. "Ich hatte mehrfach Corona-Patienten am Telefon, bei denen niemand bemerkt hat, dass die Kontaktpersonen nicht nur an derselben Adresse wohnten, sondern einer Familie angehören", wundert sich der Tracer.

Positiv Getestete wurden zu spät aus der Quarantäne entlassen

Wütende Anrufe gebe es gerade immer wieder, weil das Gesundheitsamt offenbar nicht mehr nachkommt, Menschen wieder aus der Quarantäne zu entlassen. Wer mit einem positiven Testbescheid vom Amt in Quarantäne geschickt wird, darf diese erst wieder verlassen, wenn er vom Gesundheitsamt "entisoliert" wird. "Die Kollegen arbeiten gerade die Oktober-Quarantäne-Fälle ab", sagt ein Mitarbeiter. Nach seinem Wissen sitzen in Augsburg mehrere 100 Menschen länger zu Hause, als es erforderlich wäre, weil das Amt die Quarantäne nicht aufhebt. "Das sind Menschen, die dringend wieder an ihren Arbeitsplatz zurück wollen", betont er.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Corona-Krise in Augsburg: Im Sommer ist zu wenig passiert

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Die Diskussion ist geschlossen.

28.11.2020

Weil die Mitarbeiter nicht ordentlich ausgestatte sind bekommen die Bürger eine Ausgangssperre. Wie Gerichte bei einer Klage da wohl entscheiden werden?

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28.11.2020

Ich bin entsetzt und fassungslos. Sollte sich die Situation im Augsburger Gesundheitsamt wirklich so darstellen wie hier beschrieben (ich gehe mal davon aus, dass es so ist), müsste eigentlich dringend ein rechtliche Verfahren gegen die Verantwortlichen eingeleitet werden. Durch diese verantwortungslose Organisation werden direkt und indirekt Augsburger Bürgerinnen und Bürger benachteiligt (zu späte Benachrichtigung nach Quarantäne, insbesondere für Freiberufler), geschädigt (körperlich und finanziell) und - ja, ich schreibe nun ein ganz böses Wort - verarscht.

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28.11.2020

Ja, ist echt der Wahnsinn. Und wenn die jetzt erst die Oktoberfälle abarbeiten, dann sitzen die ja alle schon 4 Wochen und länger in Quarantäne fest? Also das könnt ja sogar ich alleine, jeden Tag in der Liste nachkucken wo 14 Tage um sind und 200 oder 100 Standardbriefe rausschicken? Da muss doch nur die Adresse und das Datum angepasst werden, oder?

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28.11.2020

Wenn ich lese, daß sehr viele falsche Einträge im System landen ... .Gute Programme oder Anwendungen haben interne Prüfroutinewn die Falscheingaben weitestgehend ausschalten. Aber wenn ich lese wie diese Anwendung entstanden ist ... nil admirari.

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28.11.2020

Es ist jetzt Ende November. Corona ist spätestens seit März ein Thema. Der verantwortliche Referent sollte entlassen werden!

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28.11.2020

Das ist mal wieder so typisch! Das kommt davon wenn die Entscheidungsträger den ganzen "modernen Schmarn" für nicht wichtig halten "Woll'ma ned, brauch'ma ned, ham'ma no nie g'habt". Und wenns dann brennt, ist es oft zu spät.

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27.11.2020

Liebe AZ,

in Sachen Headsets bitte mal bei den großen Unternehmen aus der IT-Branche (die auch in Augsburg eine Niederlassung haben) Nachfragen wie die Marktsituation mit Headsets aufgrund Corona und dem deutlich erhöhten Home-Office aufkommen aussieht.

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27.11.2020

Funktioniert ein Headset an einem Telefon mit Wählscheibe? Haben die Armen am Ende noch einen Apparat an dem man Kurbeln muß und auf eine persönlich umgesteckte Verbindung warten muß?
Man fragt sich ernsthaft was der „Krisenstab“ um Frau Weber von Juli bis August so getrieben hat.

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27.11.2020

Access ist besser als geeignet als Excel, aber nicht der Stand der Technik. Warum kann nicht auch in Augsburg eine Software wie Sormas (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System) verwendet werden, die speziell für die Kontaktverfolgung entwickelt wurde?

Dieses Programm wird auch in der Schweiz eingesetzt und wurde am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) entwickelt.

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27.11.2020

Wenn ich mich nicht irre wird das Programm SORMAS auch in Afrika eingesetzt, zum Beispiel Nigeria. Hat unser Gesundheitsminister Spahn wohl mit Erstaunen selbst festgestellt. Aber in Augsburg oder vermutlich in ganz Bayern ist man schon froh wenn es einen Bleistift mit etwas Papier gibt.

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