22.05.2009

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Das Erste, was er von dem neuen Land namens Bundesrepublik Deutschland wahrnahm, war eher unbewusst: ein Licht, das rot durch die Bauchdecke seine Mutter schimmerte. Denn als am 23. Mai 1949 das Grundgesetz verkündet wurde, war Sebastian Priller noch nicht geboren. Das sollte erst im Januar 1950 geschehen. Unser Staat und der Chef der Brauerei Riegele werden nun etwas zeitversetzt 60 Jahre alt, beide haben in sechs Jahrzehnten viel erlebt. Für die Augsburger Allgemeine hat sich Priller auf eine gedankliche Zeitreise begeben.

Nein, an sein allererstes Bier im zarten Alter von einem Jahr kann er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Auf den ersten Bildern von Augsburg, die in seinem Kopf abgespeichert sind, tauchen Straßenbahnen der 1950er Jahre auf. "Wir wohnten damals am Königsplatz. Die Trams waren faszinierend, da konnte man im Freien stehen. Die ganz frechen Buben haben eine Leine gezogen, sodass der Strom weg war", erzählt Priller und schmunzelt: Er habe nicht dazugehört, denn er habe einen Riesenrespekt vor dem Schaffner gehabt, sagt er. Klein-Sebastian hatte damals ein anderes Hobby: Er legte lieber ab und zu Münzen auf die Gleise. "Wenn die Tram dann drüberfuhr, gab's platte Pfennige."

Priller wuchs auf, während um ihn herum das kriegszerstörte Deutschland wieder aufgebaut wurde. Er kann sich auch noch gut an das Bombenloch im Riegele-Gebäude am Königsplatz erinnern, das vom Dach aus zwei Stockwerke tief ging. "Die Ruinen von Augsburg waren unsere Abenteuerspielplätze." Hitler sei kein Thema gewesen, diese düstere Zeit sei in den ersten Jahren nach dem Krieg von den Erwachsenen verdrängt worden, so der Augsburger heute. Als Bub lernte er britische, französische und amerikanische Soldaten kennen, die sich mit seinem Vater, einem hochdekorierten Jagdflieger, trafen.

Dann der Schock: Josef Priller starb mit nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt, seine Frau Johanna war mit drei Kindern auf sich alleine gestellt. Für den Buben Sebastian ein einschneidendes Erlebnis. "Damals hatten es Frauen sehr schwer. Meine Mutter musste sich durchkämpfen." Er weiß heute: Johanna Riegele-Priller war ihrer Zeit weit voraus und ebnete mit ihren Mitstreiterinnen den Weg für die nächsten Frauengenerationen. Und sie erzog ihre Kinder nicht - wie damals eher üblich - mit Drill, sondern liberal. "Ich musste nicht ausbrechen, als ich erwachsen wurde", sagt Priller zurückblickend. Trotzdem zog es ihn in die große, weite Welt.

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Als er volljährig wurde, gingen in Deutschland die Studentenunruhen los. "Damals war alles viel politischer als heute. Die Jugend debattierte über alles mögliche", erinnert er sich. Als Ende der 1960er Jahre hierzulande die Menschen gegen den Schah demonstrierten, war der Augsburger nicht dabei. Priller befand sich in der iranischen Hauptstadt Teheran. Dort musste er auf seinem Weg nach Indien vom Zug auf den Bus umsteigen. "Als Europäer war man dort damals eine Attraktion", erzählt er. Er und sein Freund schliefen in Slums, sprachen mit Einheimischen und lernten Anhänger wie Gegner des Schahs kennen. In Kabul/Afghanistan ging ihnen das Geld aus. Wenig später hatten sie durch Glück eine Privataudienz bei der indischen Premierministerin Indira Gandhi. "Sie hat uns zugequasselt und auf die UNO geschimpft", denkt Priller zurück.

Er hat viele solcher Reise-Anekdoten. Wie er zum Beispiel 1969 beim legendären Woodstock-Konzert zwischen Hippies im Schlamm saß. Wie er kurz nach der Ermordung der Schauspielerin Sharon Tate durch die Manson-Sekte in den USA eine Horrornacht erlebte, weil er Angst hatte, dass seine Gastgeber unter Einfluss der Droge LSD ihn bei einer schwarzen Messe opfern könnten. Oder wie im New York der 1970er-Jahre zwischen ihm, dem Sohn eines ehemaligen Jagdfliegers, und einem einst aus Nazideutschland geflohenen Juden eine Freundschaft entstand.

Weil Priller auf Achse war, bekam er nicht direkt vor Ort mit, wie 1972 in Augsburg die Bomben der Roten Armee Fraktion explodierten, wie die Olympischen Kanu-Wettkämpfe am Eiskanal stattfanden, wie Deutschland 1974 zum zweiten Mal Fußballweltmeister wurde. Sein Herz schlägt weniger für die Nationalelf, sondern für den FC Augsburg - und das 120-prozentig, wie er sagt. Priller kann sich genau erinnern, was er bei jedem Auf- und Abstieg der Mannschaft gerade getan hat. Das WM-Fieber packte ihn erst 2006, da sah er sich in Berlin das Deutschland-Spiel gegen Argentinien an und wurde wegen seines blauen Riegele-Shirts hinterher als Argentinier verwechselt und getröstet. Diese Stimmung während des "Fußball-Sommermärchens" und die Aufbruchstimmung während der Wiedervereinigung haben ihn in den letzten 20 Jahren am meisten fasziniert.

Priller ist gerne zurück nach Augsburg gekommen und lebt auch gerne in Deutschland. Ein Land, das seiner Meinung nach jung und vital geblieben ist, das eine grandiose Aufbauleistung und Demokratieentwicklung hinter sich hat. Was er sich wünscht zum 60. Geburtstag?

Für Deutschland: dass es weiter jung und dynamisch bleibt, obwohl die Zeiten für die jüngeren Generationen schwieriger geworden sind.

Für Augsburg: dass es in Zukunft wieder mehr Selbstbewusstsein tankt und nicht der großen Vergangenheit hinterhereint. Augsburg habe die Chance, zu einem Weltstandort der Faserverbundstoffe zu werden. "Wir haben eine tolle Zukunft vor uns", sagt er.

Und für sich: dass er sich weiterhin über die kleinen Dinge im Leben freuen kann. Über das täglich von seiner Frau gekochte Mittagessen, aufs Reisen, aufs Klettern mit seiner Tochter. Das sei unbezahlbar. Und Gesundheit natürlich. Zu seinem Alter fällt ihm dann noch ein Spruch ein: "Auch wenn man jung ist, weiß man, dass man alt wird. Aber erst wenn man alt ist, weiß man, wie schnell es geht." Seine Augen blitzen schelmisch, als er das sagt. Wohl fast wie damals vor fast 60 Jahren als kleiner Bub beim Anblick der geliebten Trams am Königsplatz.

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