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22.05.2010

Der Dschungel am Rand der Stadt

Der Dschungel am Rand der Stadt
2 Bilder
Eine geheimnisvolle Landschaft mit wertvollen Naturschätzen: die Lechauen im Norden der Stadt. Fotos: Liebig, Wißner Verlag

Geheimnisvolle Pfade im Unterholz, Schlingpflanzen erklimmen Bäume, ein Bach plätschert friedlich vor sich hin und auf blütenreichen Lichtungen tanzen Schmetterlinge und zirpen Heuschrecken. Wer in den Lechauen, diesem Kleinod vor den Toren Augsburgs, unterwegs ist, fühlt sich wie im Dschungel.

In einem schmalen Auwaldgürtel, der sich östlich des Lechs vom Europaweiher bis an die nördliche Stadtgrenze Augsburgs zieht, haben sich noch zahlreiche Arten und Lebensräume halten können, die einst am gesamten Lech häufig waren. Die Lichtungen werden im Volksmund auch "Brennen" genannt. Ihr Boden besteht aus grobem Kies. Niederschlagswasser versickert hier schnell im Untergrund und steht Pflanzen nur sehr kurze Zeit zur Verfügung. Es herrscht also Wassermangel, der in der Sommerhitze schnell dazu führt, dass die Vegetation verdorrt. Mit den extremen Bedingungen kommen nur Spezialisten zurecht. Zu ihnen gehört die Hummelragwurz, eine seltene Orchideenart, die von Mai bis Juni blüht.

Eine Besonderheit der Lechauen ist der Kreuzenzian-Ameisenbläuling. Der unauffällige Tagfalter legt seine Eier am ebenfalls sehr seltenen Kreuzenzian ab. Die Raupen fressen sich durch die Blütenköpfe. Sobald sie dick genug sind, lassen sie sich zu Boden fallen. Hier werden sie meist von Ameisen aufgegriffen, die ihre Beute als Winterproviant in den Ameisenbau verfrachten.

Nun wird's raffiniert: Die Bläulingsraupe sendet einen für Ameisen betörenden Duft aus. Er sagt: "Fresst mich nicht, sondern füttert mich durch den Winter!" Das tun die Ameisen auch, bis zum nächsten Frühjahr, dann flattert eine neue Faltergeneration über die Brennen. Experten haben bemerkt, dass sogar Ameisenlarven an die Schmetterlingsraupen verfüttert werden.

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Ein weiterer wichtiger Protagonist der Lechauen Nord ist der Biber. Er besiedelt seit einigen Jahren den Auebach und Branntweinbach. Mit seinen Dämmen hat er das Wasser teilweise so weit aufgestaut, dass Wege überschwemmt werden. Wer sich mit Gummistiefeln oder barfuß ins Wasser wagt, kann erkunden, welchen Nutzen die Anwesenheit des Bibers für zahlreiche Tierarten des Auwalds hat. In den Flachwasserzonen der Biberteiche laichen Erdkröte und Grasfrosch. Die Äste der ins Wasser gefällten Bäume dienen dem Eisvogel als Ansitz für seine Tauchjagd nach Fischen. Und am Bachufer vollführen blau schillernde Prachtlibellen ihre atemberaubenden Balzflüge. Wer Glück hat, trifft auf den Brennen im Auwald einen Wanderschäfer. Er ist im Auftrag des Landschaftspflegeverbandes unterwegs. Seine Schafe und Ziegen sorgen dafür, dass das Gras nicht überhandnimmt und dass keine Sträucher aufkommen, die die lichthungrige Lebensgemeinschaft der Brennen verdrängen könnten.

Lohnenswert ist ein Blick auf den Lech. Weil auf Höhe der Firnhaberau Wasser zu Zwecken der Wasserkraftnutzung in einen Seitenkanal geleitet wird, fließt im Mutterbett des Lechs weniger Wasser. Kiesbänke kommen zum Vorschein und lassen erahnen, wie der Lech einmal ausgesehen hat. Die Kiesflächen sind Brutplatz des seltenen und empfindlichen Flussregenpfeifers. Zur Brutzeit zwischen Ende März und Mitte Juni sollten die Kiesbänke nur in den ausgewiesenen Zonen betreten werden. Nicolas Liebig

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