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Augsburg

03.03.2021

Droht einer weiteren historischen Villa in Augsburg der Abriss?

Bei der Stadt Augsburg liegt ein Antrag vor, anstelle dieser historischen Villa in der Perzheimstraße einen Neubau zu errichten.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Der Kampf um prägende Altbauten in Augsburg weitet sich aus. Bei der Stadt liegt ein weiterer Antrag für einen Neubau vor, dem eine historische Villa im Thelottviertel weichen müsste.

In Augsburgs historischen Stadtvierteln sind offenbar mehrere prägende Altbauten akut vom Abriss bedroht. Während Anwohner gerade um den Erhalt der Diesel-Villa im Bismarckviertel kämpfen, wird nun ein weiterer Streitfall bekannt. Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage unserer Redaktion bestätigt, liegt der Stadt ein Antrag vor, wonach eine imposante alte Villa im Thelottviertel durch einen Neubau ersetzt werden soll. Auch dieses Projekt ist in der Nachbarschaft umstritten. Und auch dort gibt es überraschende Entwicklungen.

Die Villa, deren Zukunft auf dem Spiel steht, ist ein historisches Gebäude an der Perzheimstraße 36. Sie wurde um 1911/12 von den bekannten Augsburger Architekten Sebastian Buchegger und Heinrich Sturzenegger errichtet. Bauherr war der Fabrikdirektor Friedrich Hans. Gleich hinter der Villa ließ er von denselben Architekten die Gewehrpfropfenfabrik Hammer & Co. errichten. Der Fabrikbau an der Ravenspurgerstraße steht ebenfalls bis heute. Zwischen den beiden Gebäuden, die inzwischen verschiedene Eigentümer haben, liegt ein großer grüner Garten.

Die Villa im Augsburger Thelottviertel steht seit Jahren leer

Während der Fabrikbau modernisiert wurde und neu genutzt wird, ist die Fabrikantenvilla in die Jahre gekommen. Sie steht seit vielen Jahren leer. Und nicht nur Anwohner machen sich nun große Sorgen um den schönen Altbau. Auch die beiden Augsburger Architekturhistoriker Gregor Nagler und Barbara Wolf sehen den zunehmenden Verfall mit Sorge. "Im Thelottviertel ist der Bau ein Solitär, weil es dort gar nicht so viele einzeln stehende Villen gibt", sagt Nagler. Umso überraschter war Wolf, als sie bei ihren Nachforschungen über dieses besondere Gebäude feststellte: "Die Villa ist weder ein Einzeldenkmal noch ist sie im Ensemble geschützt." Das bestätigt auch die städtische Bauverwaltung. Dort liegt nun ein Antrag für einen Neubau vor, der anstelle der alten Villa entstehen soll. Letztere müsste also abgerissen werden.

Neben der Villa wird das direkte Umfeld der Perzheimstraße in Augsburg bereits von neueren Gebäuden dominiert.
Foto: Silvio Wyszengrad

Nachbar Bernd Schönbrodt gehört das modernisierte Fabrikgebäude nebenan. Er wehrt sich gegen einen Abriss der alten Villa und die Neubaupläne - aus verschiedenen Gründen. "Das ganze Areal war einmal eine Fabrik mit Villa und Park", sagt er. Aus seiner Sicht ist die Fabrikantenvilla damit ein prägendes Gebäude nicht nur im Ensemble, sondern auch im Thelottviertel, und sollte erhalten werden. Schönbrodt ärgert sich noch aus einem anderen Grund. Er sagt, die Neubaupläne seien nur möglich geworden, weil er dem Nachbarn einen Gefallen getan habe. Dieser habe ihn um den Tausch eines Grundstücksstreifens im Garten gebeten, um die Villa besser nutzen zu können. "Ich habe den Tausch nur gemacht, weil mir gesagt wurde, dass sie saniert wird und der Eigentümer sie zu seinem Familiensitz machen will", so Schönbrodt. Er befürchtet, dass er nun ein deutlich größeres, modernes Mehrfamilienhaus gegenüber in den Garten gesetzt bekommt. Als Nachbar habe er im vergangenen Jahr seine Zustimmung zu einem entsprechenden Projekt verweigert.

Eigentümer bestreitet geplanten Abriss des Gebäudes

Der Eigentümer der Villa bestreitet die Abrisspläne. Auf Anfrage unserer Redaktion sagt er: "Es ist schon mein Kindheitstraum gewesen, dieses Haus einmal zu bewohnen." Er habe die Villa vor Jahren gekauft, um sie im Alter zu sanieren und selbst zu nutzen. Zwar habe er "zwischendrin" einen Neubau in Erwägung gezogen. Wegen der Corona-Krise und der explodierenden Baukosten habe er von den Neubauplänen wieder Abstand genommen. Nun sei weiterhin eine Sanierung der Villa geplant. Wegen Problemen mit der alten Bausubstanz werde sich diese "zeitlich nach hinten verlagern".

 

Im Thelottviertel ist der Besitzer des historischen Hauses ein bekannter Mann, zu diesem Thema will er sich aber nicht mit seinem Namen zitieren lassen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative des Viertels. Auf der Homepage der Initiative werden vorrangige Ziele genannt. Dazu zählen die Erhaltung und Förderung der Stadtteile Rosenau- und Thelottviertel als gewachsenes Wohnviertel, die Wahrung dieser Stadtteile als Lebensraum sowie die Erhaltung des gewachsenen städtebaulichen Erscheinungsbildes. "Wir fühlen uns dem Wohl des Stadtteiles und seiner Bewohner verpflichtet", ist dort nachzulesen.

Die Stadt Augsburg bearbeitet einen Antrag auf einen Neubau

Damit bleibt die Frage: Ist der Abriss der roten Villa wirklich vom Tisch? Eine Anfrage bei der Stadt zumindest ergibt etwas anderes. Dort werden die Neubaupläne offenkundig als aktuell eingestuft. Die Bauverwaltung teilt mit, für den Neubau anstelle der Villa Perzheimstraße 36 sei ein Bauantrag gestellt worden. Das Volumen und die Straßenansicht des geplanten Neubaus entsprächen ungefähr dem Bestandsgebäude. unter anderem, weil eine große alte Rotbuche erhalten werden soll. Das Baugesuch sei in Bearbeitung, aber noch nicht genehmigt. Im März soll das umstrittene Projekt im Bauausschuss des Stadtrats vorgestellt werden.

Die Bauverwaltung hat nach eigenen Angaben eine klare Position vertreten: Im Rahmen der Bauberatung habe das Stadtplanungsamt mehrfach nachdrücklich den Erhalt des Gebäudes empfohlen. Dem äußeren Anschein nach befinde sich die Villa in einem guten Zustand, teilt das Baureferat mit. Doch offenkundig gibt es derzeit auch in diesem Fall keine Möglichkeit, den Erhalt der nicht geschützten Villa rechtlich durchzusetzen. "Das bestehende Gebäude ist kein Einzelbaudenkmal und liegt auch nicht im Denkmalensemble des Thelottviertels", so die Stadt.

Die Villa in der Hochfeldstraße 15 soll abgerissen werden und einem Wohnungsbau weichen. Anwohner versuchen, das Gebäude zu erhalten.
Foto: Silvio Wyszengrad

Parallelen gibt es zu einem anderen aktuellen Fall. Dort geht es um einen Altbau im Augsburger Bismarckviertel - die Diesel-Villa in der Hochfeldstraße 15. Der neue Eigentümer, Immobilienunternehmer Maximilian Wolf, will das historische, ebenfalls nicht geschützte Gebäude abreißen und einen Neubau hinstellen. Und doch ist die aktuelle Situation in diesem Viertel anders. Zahlreiche Anwohner protestieren vehement gegen die Pläne und sammeln Unterschriften. Auch die Bauverwaltung und die Stadtregierung von CSU und Grünen wollen eine Rettung der Villa. Sie streben eine neue Erhaltungssatzung fürs Bismarckviertel an. Sie soll dort charakteristische Bauten fürs Stadtbild schützen. Die Satzung ist gerade in Arbeit. Sie muss aber noch vom Stadtrat beschlossen werden. Erst dann kann sie ihre rechtliche Wirkung entfalten.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Es ist fünf vor zwölf für die Villen-Rettung in Augsburg

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04.03.2021

Wieder ein interessanter Fall hinsichtlich des Erhalts oder Abrisses eines Nichtdenkmals, der erhebliche Auswirkungen auf den bestehenden Charakter eines Stadtviertels hat.
Die Villa in der Perzheimstraße 36 ist ein Eyecatcher, ein Hingucker, ein Gebäude, das mich über Jahrzehnte immer, wenn ich durch die Straße gefahren bin, erfreut hat. Dass es kein Denkmal im Sinne des Gesetzes ist, konnte ich zunächst gar nicht glauben. Aber da sind die Kriterien wohl strengere.
Tatsache ist, dass dieses Gebäude an dieser Straßenflucht aus seiner Nachbarschaft heraussticht, sich gerade eben nicht im Sinne eines Ensembles einfügt, weshalb an Ensembleschutz gewiss nicht zu denken ist. Schaut man sich auf Google maps die Bilder der Nachbargebäude an, könnte man sich gut vorstellen, dass ein moderner, qualitativ guter Neubau sich dort nicht schlecht machen würde.
Trotzdem ist es nach heutigem romantischem Empfinden natürlich schade um das hübsche Haus. Ein solches Dach und einen Runderker wird in diesen Zeiten kein Architekt mehr gestalten, kein Bauherr finanzieren wollen.
Wie im Fall der Dieselvilla im Bismarckviertel haben die Erwerber der Anwesen jeweils vorgehabt oder vorgegeben, diese erhalten zu wollen. Bei der Dieselvilla ist dem Eigentümer die Sanierung dann angeblich zu aufwändig geworden und der Abbruch und Neubau scheint die einzig betriebswirtschaftlich akzeptable Lösung zu sein.
Im Fall der Perzheimvilla ist pikant, dass der Eigentümer Mitglied der Bürgerinitiative im Thelottviertel ist. Dieser ist ja besonders am Erhalt der Besonderheiten des Stadtteils gelegen, weshalb sie sich auch gegen die Durchquerung dieses durch die Straßenbahn wehrt. Da wirkt es nun besonders widersinnig, wenn ein Gebäude, das der Nachbarschaft ans Herz gewachsen ist, abgerissen werden soll.
Andererseits steckt man nicht in der Haut des Eigentümers und weiß auch nicht um die Umstände seiner Bauwünsche. Wenn er es selbst als Altersruhesitz beziehen möchte, dann sind die baulichen Gegebenheiten evtl. nicht besonders günstig. Hat er vllt. zu spät gemerkt, dass sich das Objekt nicht seniorengerecht oder gar barrierefrei umbauen lässt oder nur mit ungewöhnlich hohem Aufwand? Die Überlegung, ob man stattdessen etwas Neues baut, ist zunächst mal nicht verwerflich. Wenn dadurch zusätzlicher Wohnraum geschaffenwerden kann, ist es sogar im Sinn der Allgemeinheit, ist doch Nachverdichtung das Gebot der Stunde und Wohnraumknappheit in aller Munde.
Ob die Stadt wirklich jedes Gebäude, das kein Denkmal ist, aber auf seine Art, schon aufgrund seines Alters oder seiner Bauweise erhaltenswert wirkt, schützen kann, wird sich zeigen. Es ist natürlich schon ein erheblicher Eingriff in die Eigentumsrechte. Schön wäre es halt, es fänden sich Eigentümer, die so ein Gebäude freiwillig erhalten wollen. Ggf. könnte man dazu auch einen Verein gründen oder eine Stiftung. Dann könnten Erben oder Verkaufswillige, die den Erhalt ihrer schönen Häuser grundsätzlich wünschen, sich an diese wenden und müssten sich nicht von Renditehaien übervorteilen lassen.
Auch muss man bedenken, dass wenn man grundsätzlich alles schützt und erhalten will, was alt ist, es bald keinen Raum mehr geben wird für moderne Architektur im Bestand.
Das Rathaus von Elias Holl hätte nach heutigen Ansichten und Vorschriften wohl keinerlei Chance gebaut werden zu dürfen. Denn dafür musste erst durch Abriss des alten gotischen Rathauses Platz geschaffen werden.

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04.03.2021

Wie singt Roco Schamoni so schön:
“Geld ist eine Droge
Und Ihr seid alle drauf.
Ich kann es Euch ja sagen,
Ich bin es manchmal auch.
Die Stadt ist voller Dealer,
Sie stehen überall.
Man kann sie leicht erkennen,
Sie wirken so normal.
Und niemand kommt hier lebend raus.
Und niemand kommt hier lebend raus.
Reichtum heißt der Glaube,
Und Geld ist Euer Gott.
Millionen wollen Millionen,
Ich erkläre den Bankrott.
Die Stadt ist voller Priester,
Im Rathaus und in der Bank.
Im Fernsehen läuft die Predigt
Und macht uns alle krank.
Und niemand kommt hier lebend raus...”

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03.03.2021

Das rechte Gebäude auf dem Bild erscheint da abbruchwürdiger,

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03.03.2021

Na dann wird es bald einen Wasserschaden im Anwesen Perzheimstraße 36 geben.

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