Literatur

01.06.2012

Heimatjahre

Trotz aller sonstigen Offenheit verschleiert Keto von Waberer mitunter die engen Beziehungen zu ihrer Heimatstadt Augsburg.
Bild: Thomas Dashuber

Auch wenn die Schriftstellerin Keto von Waberer ihren Geburtsort nie mit Namen nennt und vieles verschleiert, sind ihre Romane von der Erinnerung an Augsburg durchdrungen

Der Zufall wollte es, dass 2010 und 2011 im Abstand von nur einem Jahr die Romane zweier bedeutender in Augsburg geborener Schriftsteller erschienen, deren Schauplatz ausschließlich oder ganz überwiegend die Stadt ihrer Geburt ist: der „Roman unserer Kindheit“ von Georg Klein und „Seltsame Vögel fliegen vorbei“ von Keto von Waberer.

Gemeinsam ist beiden Romanen, dass der Name „Augsburg“ in ihnen nicht fällt. Bei Keto von Waberer führte dieses Vorgehen dazu, dass der Literaturkritik bis heute völlig entgangen ist, dass diese Schriftstellerin die entscheidenden Jahre ihrer Kindheit und frühen Jugend in Augsburg verbracht hat – und ihr letzter Roman davon tief geprägt ist. Das zeigt sich schon daran, dass es in „Seltsame Vögel fliegen vorbei“ von 2011, einem Werk mit offen autobiografischem Charakter, von Anspielungen auf Augsburger Örtlichkeiten und Institutionen nur so wimmelt: Keto von Waberer schreibt von „Goggelesbrücke“, „Rote-Tor-Schule“, „Ludwigsbau“, „Kröll und Nill“ und „Plärrer“, um nur einige besonders typische zu nennen.

Anders als etwa Marcel Proust macht weder Georg Klein, bei dem Oberhausen Oberhausen und der Bärenkeller Bärenkeller bleibt, noch erst recht nicht Keto von Waberer, wie die genannten Beispiele überdeutlich zeigen, die geringsten Anstalten, Namen von Örtlichkeiten zu verschlüsseln. Es herrscht ganz im Gegenteil ein erstaunlich unmittelbarer Realitätsbezug.

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Keto von Waberer hat aber dennoch einiges dazu beigetragen, bei aller sonstigen Offenheit die engen Beziehungen zu ihrer Heimatstadt zu verunklaren oder durch Schweigen herunterzuspielen, wozu auch gehört – so uncharmant muss der Literaturhistoriker sein –, dass sie sich um drei Jahre jünger machte, was bis heute alle Nachschlagewerke so übernehmen. Ihre Selbstdarstellung liest sich so: geboren am 24. 2.1942 in Augsburg, Kindheit in Tirol, Internat, Abitur auf Schloss Schwarzenberg, danach Studium in München.

Die Tochter des Augsburger Architekten Wichtendahl

Diese Darstellung lässt im unbedarften Betrachter die Vorstellung aufkeimen, hier sei jemand in den Kriegswirren eher zufällig in Augsburg geboren worden und habe dann so gut wie seine gesamte Kindheit und Jugend anderswo verbracht. Niemand käme auf den Gedanken, dass Keto von Waberer in Wirklichkeit die Tochter eines bedeutenden Augsburger Architekten, nämlich Wilhelm Wichtendahls, war, der sein gesamtes Berufsleben in Augsburg verbracht hat und hier auch 1992 gestorben ist, sodass der Mittelpunkt des Familienlebens selbstverständlich Augsburg war.

Eigentliches Zuhause der Autorin war das 1946 errichtete Elternhaus in der Carron-du-Val-Straße 25, dessen besondere Lage schon in ihrem autobiografisch geprägten Roman „Schwester“ von 2002 beschworen wird: „Das neue Haus am Stadtrand… Unser Garten stößt an den Zaun der Stadtgärtnerei,… Dahinter liegt der Zoo, und bei Gewitter riecht man in unserem Schlafzimmer die Tiere und hört sie nachts klagen und rufen.“

Im letzten Werk „Seltsame Vögel fliegen vorbei“ bildet die Zeit in Augsburg sogar den eindeutigen Schwerpunkt. Das Buch beginnt nach einer kurzen Beschwörung glücklicher Erinnerungen an die Kriegsjahre, die Keto von Waberer und ihre Schwester mit der Mutter in einem Tiroler Dorf verbracht haben, während der Vater als erfolgreicher Architekt in Augsburg arbeitete, mit der Heimkehr nach Kriegsende in die Geburtsstadt zunächst in einem Wohnblock in der Rosenaustraße. Endpunkt der Erzählung ist das breit geschilderte völlige Versagen des aufsässigen vierzehnjährigen Mädchens am Gymnasium für höhere Töchter, als es vom ersten großen Liebeserlebnis völlig überwältigt jegliches Interesse an der Schule verliert und ins Internat muss.

Aus der Perspektive der innigen Beziehung und zugleich des hasserfüllten Konflikts mir ihrer fünf Jahre älteren Schwester werden dieselben Örtlichkeiten und Begebenheiten im Roman „Schwester“ geschildert. In der das ganze Leben der Schwester umgreifenden Sicht kommen auch noch die späteren Veränderungen der Orte der Kindheit und Jugend in Augsburg in den Blick: „Wir reden von der alten Schule und darüber, dass dies traditionsreiche Haus abgerissen wurde und dass nun ein Kaufhaus dort steht.“

Im Zentrum steht das Augsburg der 50er Jahre

Wenn auch der Name der Oberschule nie genannt wird, so wird in Keto von Waberers Erzählwerken unverkennbar noch das Augsburg der 50er Jahre geschildert, als das Zentrum der Stadt noch von zwei Gymnasien, dem Stetten-Institut am Martin-Luther-Platz und dem Anna-Gymnasium gegenüber im Annahof, mit jugendlichem Leben erfüllt wurde. Die am 24. Februar 1939 geborene Karin Wichtendahl – so lautet der Mädchenname Keto von Waberers – besuchte das Gymnasium von 1950 an, ihre ebenfalls in Augsburg am 10. Oktober 1934 geborene Schwester Ingrid schon seit einigen Jahren früher.

Bei näherem Zusehen stellt sich damit heraus, dass die lebensgeschichtliche Verankerung der Autorin in Augsburg außerordentlich tief ist, die Beziehung auch später zumindest bis zum Tod ihres Vaters 1992 nicht abriss. Wie kein anderes literarisches Werk der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind ihre Romane und Erzählungen auch von der erinnerten Welt der Kindheit und Jugend in Augsburg durchdrungen, nicht nur die bereits erwähnten offen autobiografisch geprägten Bücher „Schwester“ und „Seltsame Vögel fliegen vorbei“. Schon in ihrem Erstlingswerk aus dem Jahr 1983, dem Band „Der Mann aus dem See“, spielen einige Erzählungen in Augsburg.

Mit der Verortung ihres Werks in Augsburg wird damit der Reihe der aus dieser Stadt hervorgegangenen Schriftsteller ein weiterer bedeutender Name hinzugefügt, mit ihren Erzählungen und Geschichten trägt Keto von Waberer darüber hinaus zusammen mit dem „Roman unserer Kindheit“ Georg Kleins und den Westheim-Romanen Klaus Stillers aus den 1980er Jahren entscheidend dazu bei, dass das Augsburg der Nachkriegszeit nun seit einigen Jahren auch als bedeutender literarischer Schauplatz wahrgenommen werden kann.

Aber niemand hat die alte Kernstadt zwischen Lech und Wertach so eindringlich als Teil der eigenen persönlich-familiären Welt lebendig werden lassen wie Keto von Waberer.

Der Autor leitet die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

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