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Antisemitismus

20.08.2019

Juden in Augsburg fühlen sich unsicher

In Augsburg tragen nur wenige Juden die traditionelle Kopfbedeckung Kippa in der Öffentlichkeit.
Bild: Michael Kappeler, dpa (Symbol)

Juden in Augsburg fühlen sich unsicher, sagt der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde. Die Situation habe sich verändert. Nicht nur einige Flüchtlinge brächten ihren Hass "im Koffer" mit.

Als der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Alexander Mazo, 2003 nach Augsburg zog, glaubte er, hier sei Feindseligkeit gegen Juden ein Problem von gestern. Er fühlte sich sicher in der Öffentlichkeit und sah keine Gefahr darin, seinen Glauben öffentlich zu zeigen. Heute sagt er, dass Antisemitismus wieder salonfähig geworden ist – und das liege nicht nur an einigen muslimischen Flüchtlingen, die ihren Antisemitismus „im Koffer“ mit nach Deutschland gebracht hätten.

Mazos Schlüsselerlebnis war 2014 eine Demonstration junger Türken auf dem Rathausplatz. Eine Kundgebung, auf der zum Mord an Juden aufgerufen worden sei, wie er sagt – und die dennoch keine Konsequenzen nach sich gezogen habe. Mazo bezieht sich auf eine Anti-Israel-Demo im Juli 2014, die aus dem Ruder gelaufen war. Teilnehmer berichteten damals von „Hass und Aggression“, und von einer Israel-Fahne, die angezündet wurde.

„Ich war fassungslos“, schildert Mazo im Gespräch mit unserer Redaktion. Auch, weil offenbar bei den Sicherheitsbehörden niemand mitbekommen hatte, was da auf Türkisch skandiert wurde. „Ich habe nicht verstanden, wie so eine Versammlung überhaupt genehmigt werden konnte.“ In der israelitischen Gemeinde habe nach dieser Demonstration Angst und Verunsicherung geherrscht – und die Frage: „Müssen wir jetzt unsere Koffer packen?“

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So viele antisemitische Vorfälle gab es 2019 in Bayern

In Bayern wurden im vergangenen Jahr 219 antisemitische Vorfälle registriert, im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Nord waren es 88 Fälle. Verbale und tätliche antisemitische Aktionen, die keine Straftat darstellen, werden von dieser Statistik nicht erfasst. Einen Aufschrei gab es, als Ende Mai in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums rechtsextreme Schmierereien entdeckt wurden.

Allerdings: Solche Schmierereien gibt es seit Jahren immer wieder, sagt Mazo, bislang habe man sie nur der Öffentlichkeit nicht gemeldet. Mittlerweile habe man im Museum eine neue Strategie, die auf Aufklärung und Information der Öffentlichkeit ziele.

„Diese Vorfälle sind für mich sehr schmerzhaft“, so Mazo. Und sie zeigten, dass 70 Jahre Aufklärungsarbeit noch lange nicht am Ende seien. „Rechtsextreme Schmierereien kommen ja nicht von alleine – sie sind ein Ergebnis dessen, was beispielsweise ein junger Mensch zu Hause von den Eltern, Geschwistern oder Großeltern gehört hat.“

Diese Erfahrung hat auch Tatjana Rüb gemacht, die als Leiterin eines Kindergartens miterlebt, wie es in vielen Elternhäusern zugeht. Wenn Jugendliche Hakenkreuze schmierten oder judenfeindliche Sprüche rissen, käme das nicht aus heiterem Himmel. Und selbst wenn es sich dabei nur um jugendliche Dummheiten handle: „Die jungen Menschen müssen verstehen, dass man mit diesem Leid keine Dummheiten macht“, ist sie überzeugt.

Die Gesellschaft hat sich verändert

In den vergangenen Jahren habe sich die gesellschaftliche Situation in der Stadt stark verändert, sagt Mazo. Einige Flüchtlinge hätten ihre Lebensweise, aber oft auch ihren Hass auf Juden mitgebracht. Mit dieser neuen Realität müsse man jetzt umgehen. „Für das Zusammenleben von Christen, Juden und Moslems müssen neue Regeln definiert werden.“ So wichtig beispielsweise die Meinungsfreiheit sei – wenn es um judenfeindliche Äußerungen gehe, müsse hart durchgegriffen werden. „Meinungsfreiheit setzt eine disziplinierte Denkweise voraus. Wer etwas sagt, muss auch bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen“, betont der Vorsitzende der Kultusgemeinde.

Allerdings: Die Hakenkreuzschmierereien im Museum seien sicherlich nicht von Muslimen oder Flüchtlingen begangen worden. „Die kommen kaum in unser Museum.“ Deutsche Schüler lernten immer weniger von der Geschichte und der Judenverfolgung. Sie hätten keinen Bezug mehr zu den Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg. Das wieder zu ändern, sei eine gesellschaftliche Aufgabe. „Ich habe mich mit zwei Polizeischülerinnen unterhalten, und beide wussten mit dem Namen ,Heinrich Himmler‘ nichts anzufangen“, erzählt er. „Wie sollen sich diese Polizistinnen später auf der Straße richtig positionieren, wenn sie so gar nichts von der Vergangenheit wissen?“

Alexander Mazo ist Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde.
Bild: Silvio Wyszengrad

Es sei schade, dass man in Augsburg kaum einen Juden mit Kippa (Kopfbedeckung männlicher Juden) sieht, findet Tatjana Rüb. In anderen Ländern gehöre die Mütze zum Stadtbild. Hier sei vom jüdischen Leben in der Öffentlichkeit nichts zu sehen, bedauert sie. Mazo sagt, die Leute trauten sich nicht, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen. „Wir empfehlen das auch nicht“, fügt er hinzu. Beide glauben, dass die Politik das Thema kaum im Blick hat. „Derzeit ist Ökologie wichtig, Gender oder Frauenquote – da tritt der Umgang mit unserer Vergangenheit zusehends in den Hintergrund“, beklagt Rüb.

Alexander Mazo will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Situation auch wieder besser wird. „Antisemitismus ist schon sehr alt, manche Staaten schaffen es, ihn zu überwinden, andere nicht“, sagt er. Der europäische Kontinent tue sich damit immer noch sehr schwer. „Aber ich hoffe, am Ende wird die Vernunft siegen“, sagt der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde.

Drei Vorfälle seit April in Augsburg

Seit Anfang April registriert die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS) antisemitische Vorfälle. Bislang sind 78 solche Ereignisse in Bayern bekannt geworden, drei davon aus Augsburg und dem Umland, sagt Annette Seidel-Arpaci, Leiterin der Meldestelle. Allerdings seien die Zahlen noch nicht repräsentativ, weil zu wenig Menschen die RIAS kennen und Vorfälle melden.

„Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus“, so Seidel-Arpaci. Diese Einschätzung ergebe sich nicht zuletzt aus Gesprächen bei Besuchen vor Ort. Dass Vorfälle nicht gemeldet werden, liege auch daran, dass jüdische Menschen im Alltag so häufig antisemitische Erfahrungen machten, dass viele davon letztlich als ,Kleinigkeit‘ nebenbei berichtet würden. „Es geht mitnichten um Kleinigkeiten bei dem, was die Menschen erzählen“, so die RIAS-Leiterin. „Ich fürchte, es geht auch darum, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass es überhaupt jemanden in der breiteren Gesellschaft interessiert.“

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