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Debatte

24.10.2020

Lockdown oder nicht? Augsburger warten auf klare Ansagen

Die Grottenau in der Augsburger Innenstadt während der Corona-Ausgangsbeschränkungen Ende März dieses Jahres.
Bild: Annette Zoepf (Archiv)

Plus Die Frage nach einem möglichen Lockdown stellt sich angesichts des steigenden Inzidenzwerts. Doch nach welchen Gesichtspunkten entschieden wird, ist kaum transparent. Ein Fehler.

Kommt für Augsburg ein zweiter Lockdown wie im Berchtesgadener Land und ab wann würde dieser in Kraft gesetzt werden? Angesichts der Steigerungsraten, die es zuletzt beim Inzidenzwert gab, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Politik und Verwaltung mit diesem Thema ernsthaft beschäftigen müssen. Vermutlich tun sie es bereits, nachdem absehbar ist, dass am Wochenende die 200 erreicht und kommende Woche übertroffen werden könnten, doch nach außen gibt es seit Tagen dieselben Botschaften zu hören: Kontakte reduzieren, Maske tragen, Abstand halten, Lüften und "die Lage ist ernst". Das alles ist richtig und die steigenden Zahlen sind der Beweis, dass die Wiederholung nötig ist.

Corona in Augsburg: Entscheidung über den Lockdown als "Black Box"

Doch auf die Frage nach dem Lockdown immer nur zu sagen, dass man die Lage weiter beobachten müsse und es keinen fixen Grenzwert gibt (O-Töne Oberbürgermeisterin Eva Weber), reicht für Augsburg allmählich nicht mehr. Der Inzidenzwert lag am Freitag über dem, den Berchtesgaden vor einer Woche hatte. Die Entscheidung über einen Lockdown, die weitreichende Folgen für Augsburg und seine Bürger hätte, scheint dabei aber eine "Black Box" zu sein.

Der Inzidenzwert spielt wohl eine Rolle, aber auch die Frage, wie das Gesundheitsamt mit der Nachverfolgung hinterherkommt und ob man einzelne große Herde ausmachen kann. Das ist alles zugegebenerweise schwierig zu erklären, weil nackte Zahlen irreführend sein können und richtig interpretiert werden müssen. Aber gerade jetzt in dieser Unsicherheitssituation ist Transparenz nötiger denn je - gegenüber denjenigen, die einen Lockdown aus Gründen der Sicherheit schon herbeiwünschen, genauso wie gegenüber denjenigen, die ihn als Eingriff in die Freiheit ablehnen. Die Botschaften sind aber genauso wie das Infektionsgeschehen - diffus.

Welcher Landkreis geht mit welcher Begründung in den Lockdown?

Das trifft nicht nur die Stadt, die im Vergleich zu anderen Kommunen und Kreisen über schon feststehende Einschränkungen sehr detailliert und gut informiert, sondern vor allem den Freistaat. Ohne Abstimmung mit der Bayerischen Staatsregierung wird keine Stadt und kein Landkreis aktuell einen Lockdown verhängen. Bisher konnte man sich so durchhangeln, weil Berchtesgaden aufgrund des Zahlenwerts ein Ausreißer nach oben ist. Doch sollten die Zahlen landesweit weiter steigen, müssen Freistaat und Kommunen irgendwann erklären können, warum Landkreis A im Lockdown ist und kreisfreie Stadt B nicht. Das sollte nachvollziehbar sein, auch wenn es Einzelfallentscheidungen sind.

Festhalten am Präsenz- und Vorbereitungen für Heimunterricht

Das Stufensystem des Freistaats für Schulen, in den Sommerferien als klare Orientierung vorgestellt, ist in der Praxis alles andere als klar. Nur zur Erinnerung: Für die "Stufe rot", die ein Ende des Präsenzunterrichts vorsah, galt bei der Vorstellung im Sommer ein Inzidenzwert von über 50 als maßgeblich. Es hieß damals zwar, dass es keinen Automatismus gebe, sondern man Ausnahmen machen könnte, doch wie lautet die Begründung in den bayerischen Kreisen und Städten, die teils drastisch über 50 liegen? Das Infektionsgeschehen in Augsburg ist ja nicht auf einen lokalen und eingrenzbaren Ausbruch zurückzuführen (etwa Erntehelfer wie im Sommer in Aichach-Friedberg). Die mantraartige Wiederholung von Bildungsbürgermeisterin Martina Wild, dass man den Präsenzunterricht so lange wie möglich aufrechterhalten wolle, ist inhaltlich völlig nachvollziehbar, doch wenn gleichzeitig Schulleiter in Elternbriefen vorsorglich auf ein mögliches Homeschooling vorbereiten, stimmen die Botschaften nicht mehr überein. Dabei ist beides ja kein Widerspruch. Es spricht auch als Stadt nichts dagegen, frühzeitig zu sagen, dass man vorsichtshalber schon erste Vorbereitungen für den Distanzunterricht trifft, auch wenn man am Präsenzunterricht festhalten möchte.

Das kommunikative Herumeiern der Politik und das Offenhalten von Möglichkeiten liegt vor allem daran, dass der Druck immens ist. Es steht bei einem unkontrollierten Ausbruch der Pandemie viel auf dem Spiel, sei es gesundheitlich, gesellschaftlich oder wirtschaftlich. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass Lockdown und Homeschooling massive negative Auswirkungen hätten, sei es gesundheitlich, gesellschaftlich oder wirtschaftlich. Nicht jede staatliche und kommunale Regel ist gerade widerspruchsfrei. Die Maskenpflicht in der Augsburger Fußgängerzone bei gleichzeitiger Maskenfreiheit innerhalb der dortigen Lokale ist ein Beispiel.

Der Druck auf die Politik ist auch in Ausburg immens

Das Agieren ist der Versuch, möglichst viele Interessen unter einen Hut und in Einklang mit den Gegebenheiten zu bekommen. Lässt man die Tür im Alltagsleben an der einen Stelle aus nachvollziehbaren Gründen ein Stück weit offen - auch mit dem möglichen Risiko von Infektionen (etwa im Weiterbetrieb von Schulen, Geschäften, Lokalen etc.) -, wird das mitunter sofort als Argument herangezogen, auch an anderer Stelle das Aufreißen der Türen zu fordern oder andersrum Reglementierungen für unsinnig zu erklären ("Warum Maskenpflicht in der Schule, wenn manche Schüler hinterher eng zusammenstehen?").

Sollte die Konsequenz aus dieser mitunter leider zutreffenden Beobachtung ernsthaft sein, in der Schule alle Reglementierungen fallen zu lassen? Das sind Alles-oder-Nichts-Argumente. Durch die Corona-Zeit wird man am besten mit pragmatischen Kompromissen kommen, und wo diese nicht reichen, auch mit vorübergehenden Lockdowns oder Heimunterricht. Für größtmögliche Akzeptanz muss dabei mit offenen Karten gespielt werden.

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25.10.2020

Lockdown NEIN DANKE!
Die Todesrate ist doch viel niedriger als noch im Frühjahr befürchtet. Würde mal sagen jetzt im Herbst sterben mehr Menschen an Grippe als an Coronavirus. Da muss man sich dann schon fragen ob ein Lockdown überhaupt verhältnismäßig ist. Ggf. wird ein Gericht darüber zu entscheiden haben.

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25.10.2020

Ich vermute, dass der Lockdown kommen wird, und das mit Beginn der Herbstferien am Freitag Nachmittag. So muss man nicht mit den Eltern wegen der Schulschließung diskutieren. Bis dahin hält sich das Rathaus eben einfach bedeckt - eindeutige Ansagen waren noch nie die Stärke am Rathausplatz.

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24.10.2020

Das ist ein sehr klarer, neutraler und informativer Artikel! Er hat mir wirklich sehr gut gefallen. Bei vielen Medien wird man derzeit quasi genötigt, eine Seite zu ergreifen. Vorallem weil man nur über eine Seite informiert wird..
Vielen Dank!

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24.10.2020

Die Zahlen und Fälle werden immer unkontrollierbarer. Wenn Augsburg keine Katastrophe erleben will, miss Lockdown her. Je länger man das rauszögert, desto einschneidender wird er, da das Virus mehr Zeit hat, unkontrolliert zu wuchern. Es ist und bleibt ein Virus. Die Frage ist nicht: Auf welchem Weg leidet die Wirtschaft nicht? Wir hatten unsere Chance, die Zahlen waren unten. Jetzt gibt es nur noch die Optionen a) wirtschaftlichen Schaden durch unkontrollierbares Wachstum oderb) durch kontrollierten lockdown. Letztere Option rettet halt zusätzlich Leben...
Die Stadt Augsburg hat die Warnstufe rot um mehr als das dreifache, bald vierfache und dunkelrot bald um das doppelte (!) überboten. Wenn nicht jetzt, wann dann? Von alleine wird es nicht besser, wir zögern die Maßnahmen nur hinaus. Dann müssen sie immer einschneidender sein, mit folgen für Wirtschaft und Gesundheit...

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