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MAN: Nicht nur Corona bringt Wirtschaft zum Stottern

MAN: Nicht nur Corona bringt Wirtschaft zum Stottern
Kommentar Von Andrea Wenzel
27.07.2020

Plus Schon vor Corona lief es bei einigen Augsburger Firmen nicht mehr ganz rund. Kurzarbeit und Corona-Hilfen werden nicht reichen, um das Ruder herumzureißen.

Es sieht auf den ersten Blick schon wieder ziemlich normal aus. In der Innenstadt sind tagsüber viele Menschen unterwegs, auch die Straßen sind wieder voll. Doch der Eindruck ist trügerisch. Die Normalität ist weit weg. Die Corona-Krise hat auch Augsburgs Wirtschaft stark getroffen. Die Arbeitslosenzahl ist in der Stadt zuletzt – Stand Ende Juni – auf 6,6 Prozent gestiegen, im Vorjahresmonat waren es noch 4,7 Prozent. In Handel und Gastronomie geben die ersten Geschäfte auf, in der Industrie und auch im Handwerk hat Corona teils deutliche Spuren hinterlassen. Für manchen Betrieb mit ungewissem Ausgang.

Besonders bitter ist dies für Branchen oder Unternehmen, die schon vor Corona mit sich verändernden Märkten und dem Strukturwandel zu kämpfen hatten. Dazu zählt neben dem stationären Handel, der wegen zunehmender Onlinekäufe ächzt, unter anderem auch die Druckbranche. In Augsburg kommt einem hier vor allem der Maschinenhersteller Manroland Goss in den Sinn.

Die aktuellste Schließung in der Region trifft Ledvance - am 12. Oktober 2018 wurde die Produktion endgültig eingestellt.
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Bild: Ulrich Wagner

Schon 2018 bezifferte die Führungsspitze des Unternehmens den Rückgang des Neumaschinengeschäfts auf 15 bis 20 Prozent im Jahr. Die Digitalisierung hat ihren Beitrag dazu geleistet, dass gedruckte Produkte nicht mehr so stark nachgefragt sind. Das Augsburger Unternehmen geriet wie andere Mitbewerber stark unter Druck. Der Lockdown und die jetzt folgende Wirtschaftskrise hat die Lage sicher nicht verbessert.

MAN: Nicht nur Corona bringt Wirtschaft zum Stottern

Firmen in Augsburg: Auch Autozulieferer hatten schon vor Corona zu kämpfen

Es gibt mehrere solche Beispiele. Auch Automobilzulieferer hatten schon vor Corona mit dem Umbruch in der Branche zu kämpfen. Die Wafa mit Sitz in Haunstetten beispielsweise hat sich unter anderem deshalb in ein Insolvenzverfahren in Eigenregie begeben. Das auf Spritzguss, Galvanik und Lackierung spezialisierte Unternehmen entwickelt und produziert im Auftrag internationaler Autohersteller Groß- und Kleinserien von verchromten Kunststoffteilen. Man befinde sich derzeit weiter auf Sanierungskurs, die Rahmenbedingungen für die Restrukturierung seien wegen Corona allerdings schwieriger geworden, lässt die Geschäftsführung wissen. Kein Wunder: Immerhin haben die Kunden der Wafa ihre Produktion längere Zeit gestoppt und keine Ware abgenommen. Man hofft nun auf eine Normalisierung des Markts.

Auch bei Premium Aerotec stand schon weit vor der Corona-Krise fest, dass eine Auslastungslücke dringend geschlossen werden muss, wenn man betriebsbedingte Kündigungen vermeiden will. Und auch von MAN Energy Solutions war schon zuvor zu hören, dass es nicht mehr so rund laufe. Bei Kuka hat die Übernahme durch den chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea auch nicht in dem Maße den Effekt erzielt, in großem Stil den chinesischen Markt zu erschließen. Und auch hier machte sich die Krise in der Automobilbranche bemerkbar.

Diesen Problemen sind die Unternehmen unterschiedlich begegnet. Während Manroland unter anderem ein Joint Venture mit dem US-Hersteller Goss eingegangen ist, um vor allem den Bereich Service auszubauen, haben Premium Aerotec und Kuka sozial verträgliche Lösungen zum Stellenabbau sowie nach neuen Aufträgen gesucht. Letzteres in Teilen erfolgreich und im Fall des Roboterbauers auch in Zukunftsfeldern wie der Künstlichen Intelligenz. In der Corona-Krise nutzen zudem alle das Mittel der Kurzarbeit.

Jobs in Augsburg: Kurzarbeit ist gut, aber kein Allheilmittel

Aber wird das reichen? Branchenkenner sind da skeptisch: Viele der getroffenen Maßnahmen, die gewonnenen Aufträge sowie die Kurzarbeit würden lediglich die „Landebahn verlängern“, sagen sie. Sie schaffen Zeit, die die Unternehmen dringend brauchen, aber sie beheben an einigen Stellen nicht die Ursache der Probleme. Die Druckbranche wird so schnell keine Wachstumsbranche mehr werden. Hier gilt es, sich neue Geschäftsfelder zu suchen, um weiter erfolgreich sein zu können. Digital- und Verpackungsdruck sowie vorausschauende Instandhaltung werden hier ins Feld geführt.

Auch bei den Automobilzulieferern wird es unter Umständen Neuorientierungen brauchen. Allein auf den Aufschwung bei BMW, Audi und Co. zu hoffen, wird nicht reichen. Und auch Kuka muss liefern. 2023 läuft die Beschäftigungsgarantie aus und bisher hat sich der Roboterbauer nicht zur vollen Zufriedenheit des Investors Midea entwickelt.

Welche Konsequenzen das haben könnte, weiß keiner. Deshalb muss weiter die Strategie verfolgt werden, sich mit zukunftsweisenden Produkten und Technologien am Markt zu positionieren. Damit könnte man Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Und auch bei Premium Aerotec bedarf es grundlegender Veränderungen, um der Abhängigkeit von Airbus entgegenzutreten. Die Ideen reichen unter anderem von einer Eingliederung in den Konzern bis zur Abspaltung.

Spätestens seit der Corona-Krise, so sagen Branchenkenner, sei es wichtig, nicht mehr nur auf Zeit zu spielen, sondern das eigene Unternehmen neu zu denken. Das gilt ganz generell. Nur so lassen sich auch möglichst viele Arbeitsplätze erhalten. Angesichts der Horrorzahlen zum möglichen Jobabbau, die zuletzt bei Premium Aerotec und MAN bekannt geworden sind, zählt jede Stelle.

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27.07.2020

Wie viel ist Augsburg wert? Fände sich ein chinesisches Konsortium, das alle wirtschaftlich überlasteten Immobilien aufkauft und an die ursprünglichen Besitzer vermietet?
Scherz beiseite. In Deutschland hat man den Eindruck, als würde die Politik gute Firmen mit Absicht gegen die Wand fahren lassen. Am schmerzhaftesten war das kürzlich erfolgte Ausbluten der deutschen Solarzellenindustrie, wahrscheinlich in einem unfairen Wettbewerb, bei dem die Konkurrenz keine Umweltstandarts einhalten muss, Arbeitskräfte sehr schlecht bezahlt werden.
Ich würde nicht wie ein Donald Trump mit Strafzöllen hantieren, sondern hohe Umwelt- und Sozialauflagen für Importprodukte fordern. Wenn die Natur auf Kosten billiger Konsumgüter zerstört wird, geht die Nahrungsmittelproduktion zurück und es wird wirklich kritisch.

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