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Augsburg

19.02.2020

Schlafsack angezündet: Augsburger Obdachloser berichtet von Übergriffen

Ein 51-jährige Mann schläft oft hier bei der Barfüßerkirche in der Augsburger Altstadt. In der Nacht zum Sonntag hat ein Unbekannter offensichtlich seinen Schlafsack mit einer Zigarettenkippe angekokelt.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Ein Unbekannter hat den Schlafsack eines Obdachlosen angekokelt, während er schlief. Der 51-Jährige erzählt, wie er diesen und andere den Übergriffe erlebte.

Ein Angriff auf einen schlafenden Obdachlosen in der Augsburger Altstadt sorgt für Entsetzen. Ein Unbekannter hatte nachts mit einer Zigarette offenbar den Schlafsack angekokelt, in dem der Mann lag. Der Betroffene selbst sagt, dass es nicht die erste Attacke war, die er als Obdachloser in Augsburg erlebt hat.

Seinen Namen will er nicht nennen. Nur, dass er 51 Jahre alt und eigentlich gelernter Schreiner ist. „Ich lebe seit zweieinhalb Jahren in Augsburg auf der Straße“, sagt er. Er sei vorbestraft und finde seitdem keinen Job mehr. Es ist kalt am Mittwochnachmittag. Schneeregen fällt, der Wind zieht in den Gang an der Barfüßerkirche. Der Mann liegt in einem Schlafsack auf einer Matte, er hat noch eine Wolldecke. Die Kapuze seiner Jacke hat er fest um sein Gesicht gezogen. Er erzählt: „Heute Morgen um vier Uhr kam jemand vom SKM (Sozialverband in Augsburg, Anm. d. R.) und hat mir neue Sachen vorbei gebracht.“ Seit dem Übergriff in der Nacht auf Sonntag musste er es nämlich ohne Schlafsack aushalten.

Ein Passant machte sich Sorgen und informierte die Augsburger Polizei

Er sagt: „Man hat mich angezündet“. Ans Tageslicht kam der Vorfall letztendlich, weil sich ein Passant an die Polizei wandte. Wie die Polizei berichtet, fiel einem Spaziergänger am frühen Dienstagmorgen kurz vor drei Uhr am Mittleren Lech der Obdachlose auf. Der Passant sorgte sich, weil der Mann ohne Decken schlief. Derzeit ist es nachts um die Null Grad kalt. Er weckte ihn. Der Obdachlose erzählte ihm, warum er ohne Decke auskommen muss. Demnach spielte sich der Übergriff in der Nacht auf Montag ab.

Der Mann wurde wach, weil er Wärme am Gesäß spürte. Nach Angaben der Polizei bemerkte er ein circa fünf Zentimeter großes Brandloch in seinem Schlafsack. Drumherum war der Schlafsack angekokelt. In dem Brandloch fand er eine Zigarettenkippe. Der 51-Jährige erlitt keine Verletzungen. Aber er habe den Schlafsack wegwerfen müssen, sagt er. Noch direkt vor Ort verständigte der Fußgänger die Polizei. Sie nahm eine Anzeige wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung auf.

Die Zahl der Menschen, die auf der Straßen leben, steigt deutschlandweit seit Jahren an – auch wenn keine amtlichen Statistiken dazu existieren. In Augsburg scheint die Lage tendenziell nicht anders zu sein.
Bild: Silvio Wyszengrad

Der 51-Jährige erzählt, er habe nicht mitbekommen, wer das getan hat. Aber als er merkte, dass sein Schlafsack kokelte, habe er Angst bekommen. „Ich traute mich nicht, weiter zu schlafen und ging an den Königsplatz.“ Schon im vergangenen Sommer sei er nachts am Dom angegriffen worden. Er habe dort bei der Ausgrabungsstelle unter einem Dach geschlafen. „Irgendwelche Partyleute kamen. Sie kifften und machten Lärm. Ich sagte ihnen, sie sollen ruhig sein, da ich schlafe.“ Die jungen Leute hätten ihn daraufhin getreten. „Einer stand mit seinem Fuß auf meinem Hals, bis ihn ein anderer wegzog.“ Er zuckt die Schultern. Was solle er machen. „Was bringt denn eine Anzeige gegen Unbekannt?“, fragt er. Das Leben auf der Straße sei hart.

Es gibt rund 300 Menschen, die in Unterkünften für Obdachlose leben

Wie viele Menschen in Augsburg kein Dach über dem Kopf haben, weiß man nicht genau. Dazu werden keine Statistiken geführt. „Wir haben rund 300 Personen in unseren Obdachlosenunterkünften und gehen davon aus, dass die meisten obdachlosen Menschen unsere Angebote auch annehmen“, sagt Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD). In der Stadt gibt es ein Übergangswohnheim für Männer mit bis zu 96 Plätzen. Laut Leiter Knut Bliesener ist es in diesem Winter mit 80 bis 90 Männern belegt. „Es gäbe noch Platz.“ Im städtischen Übergangswohnheim für Frauen, geführt vom Sozialdienst katholischer Frauen, können 30 Frauen unterkommen. Zudem gibt es noch 56 Obdachlosenwohnungen. Bei der Stadt schätzt man, dass insgesamt mehr als 1000 Personen ohne eine Wohnung auskommen müssen. Versteckte Wohnungslosigkeit sei auch das eigentliche Problem, so Kiefer. Bei Zählungen könne nicht ermittelt werden, wie viele Betroffene kein vertraglich gültiges Mietverhältnis haben und von Obdachlosigkeit bedroht sind. Frauen etwa, das weiß Sozialarbeiterin Carina Huber vom SKM, fänden oft vorübergehend ein Dach über dem Kopf, in dem sie sich prostituieren. Beim Sozialverband kennt man derzeit rund 60 Menschen, die unter freiem Himmel schlafen. Der Mann von der Barfüßerkirche ist einer von ihnen.

Seit August 2018 gibt es ein Übergangswohnheim für obdachlose Frauen in Pfersee. Zuvor mussten sie sich mit Männern städtische Unterkünfte teilen. Das Haus hat die Stadt angemietet.
8 Bilder
Bilder: So leben obdachlose Frauen im neuen Pferseer Heim
Bild: Annette Zoepf

Pfarrerin Gesine Beck kennt ihn schon länger. Er lasse sich schon den zweiten Winter mit seinen wenigen Habseligkeiten immer wieder mal in dem Gang am Pfarramt nieder. Sie toleriert das, erfährt dafür aber auch Kritik. „Wir wollen ihn nicht einfach vertreiben, sondern versuchen, ihn im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen“, so die evangelische Pfarrerin. Man versorge ihn ab und an mit Tee und Decken oder rufe manchmal den Kältebus, damit man sich um ihn kümmert. Sie weiß, dass der Mann lieber auf der Straße als in einem Obdachlosenheim schläft. „Er ist ein selbstbestimmter Mensch. Es ist seine Entscheidung.“

Manche bringen auch Geld an die Schlafstätte des Obdachlosen

Die Pfarrerin beobachtet, dass manche Passanten etwas Geld an die Schlafstätte des Obdachlosen legen. „Es gibt aber auch Touristen, die sich über den Anblick echauffieren und das an uns herantragen“, berichtet Beck. „Aber das ist nun mal ein Teil unserer Realität, vor dem man die Augen nicht verschließen kann, auch wenn es kein dauerhafter und spannungsfreier Zustand ist.“ Beck betont, dass der Obdachlose sehr dankbar sei. „Er hat ein stückweit Vertrauen zu uns entwickelt.“ Der Obdachlose selbst wiederum erzählt, wie die nette Pfarrerin ihn manchmal mit zum Frühstücken ins Pfarramt nimmt. „Dann bekomme ich Tee und Marmeladenbrot.“

Der 51-Jährige ist froh, dass er wieder einen intakten Schlafsack hat. „Ich habe gefroren wie ein Schneider.“ Stefan Kiefer bewertet den Vorfall am Mittleren Lech als „schrecklich“. Er meint: „Das ist niederträchtig ohne Ende“. Auch Hans Stecker vom Förderverein Wärmestube SKM Augsburg ist entgeistert. „Ich verstehe nicht, wie man Menschen, die sowieso schon in der Gesellschaft ganz unten sind, in eine solche Situation bringen kann.“

Zeugen des Vorfalls am Mittleren Lech sollen sich unter 0821/323-2110 bei der Polizei melden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Bemerkenswert, wie Obdachlosem geholfen wird

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