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Sicherheit: Augsburg muss auch abrüsten können

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Kommentar Von Jan Kandzora
09.09.2018

Es wird viel getan, um Feste wie den Plärrer und die Sommernächte zu schützen. Doch die Entwicklung kann nicht immer nur in eine Richtung gehen

Augsburg ist eine sichere Stadt. Die Kriminalität war hier zuletzt so niedrig wie nie in den vergangenen zehn Jahren. Es gibt zum Beispiel deutlich weniger Einbrüche als noch vor einiger Zeit; seit Jahren sind die schweren Verbrechen in der Stadt überschaubar. Fälle von Mord, Totschlag und überfallartigen Vergewaltigungen kommen hier selten vor.

Jedes Delikt dieser Art ist grauenvoll, aber es ist nicht so, als gäbe es heute eine höhere Wahrscheinlichkeit als früher, Opfer eines Verbrechens zu werden. Die hiesige Polizei macht einen guten Job. Der Anteil der Flüchtlinge an der Kriminalität ist zwar spürbar gestiegen, doch das ändert an der grundsätzlichen Einschätzung nichts: Augsburg ist eine sichere Stadt, eine der sichersten in Deutschland übrigens. Wer zuletzt über öffentliche Veranstaltungen in Augsburg schlenderte, konnte jedoch einen anderen Eindruck gewinnen. Immer öfter engagiert die Stadt beispielsweise private Sicherheitsfirmen , die an Eingängen Taschen kontrollieren, immer mehr Mitarbeiter dieser Unternehmen sind während der Feste zu sehen.

Könnte so etwas auch in Augsburg passieren?

Das ist, trotz der guten Sicherheitslage, grundsätzlich nachvollziehbar. Die Anlässe zu diesen Vorkehrungen sind bekannt: Es sind unter anderem die Anschläge in Berlin, Ansbach und Münster in den vergangenen Jahren; Taten, die Sicherheitsorgane von einer „abstrakten Gefährdungslage“ sprechen lassen, auch wenn es keine konkreten Hinweise dafür gibt, dass etwas ähnliches wieder und in Augsburg passieren könnte. Seither hat die Stadt Auflagen für Veranstaltungen verschärft und selbst aufgerüstet, beispielsweise verschiebbare Poller gekauft, um Attentate mit einem Lastwagen zu verhindern.

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Ordnungsreferent Dirk Wurm sprach zuletzt davon, die Sicherheitsmaßnahmen für diesen Herbstplärrer seien weder martialisch noch übermäßig, sondern verhältnismäßig und zielführend. Das kann man noch so sehen. Für die „Sommernächte“ im Juni könnte man eine solche Bewertung allerdings schon nicht mehr ernsthaft ziehen. Das Wort übermäßig trifft es in dem Fall ganz gut. Schwer vorstellbar, wie man die Vorkehrungen für die Veranstaltung eigentlich noch erhöhen wollte, ohne die Innenstadt in der Zeit zu einer Festung zu machen. Als Besucher konnte man kaum ein paar Meter gehen, ohne auf einen Polizisten, den Ordnungsdienst oder einen Sicherheitsmann zu stoßen oder von einer Überwachungskamera gefilmt zu werden.

Die Behörden begründen derlei Maßnahmen gerne mit dem Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Eine Argumentation, die den unschlagbaren Vorteil hat, dass sich Gefühle eines Kollektivs, anders als zum Beispiel faktische Zahlen einer Kriminalitätsstatistik, schwer belegen lassen und damit auch nicht widerlegen. Man kann die Lage durchaus auch anders sehen: Dass verschärfte Maßnahmen nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch ein gewisses Misstrauen gegenüber friedlichen Feiernden ausdrücken – und selber ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen, das durch sie doch bekämpft werden soll. Wenn so viel Geld und Personal in Sicherheit investiert wird, muss schließlich irgendeine Gefahr bestehen, welcher Art auch immer.

Das Risiko, Opfer zu werden, ist gering

Kein Verantwortlicher wird sich im Fall eines Attentates oder schweren Verbrechens auf einer öffentlichen Veranstaltung dem Vorwurf ausgesetzt sehen wollen, nicht genug für die Sicherheit der Bevölkerung getan zu haben. Das ist verständlich.

Wahr ist aber auch: Das Risiko, bei einer solchen Veranstaltung Opfer eines Anschlags zu werden, ist äußerst gering. Und auch wenn es mögliche Szenarien gibt, wie immer neue Sicherheitsvorkehrungen Attentate verhindern können, braucht man nicht viel Fantasie, um sich Taten vorzustellen, bei denen keine Poller, keine Einlasskontrollen, keine Überwachungskameras etwas helfen.

Dass die Stadt auf äußere Anlässe reagieren und die Sicherheitsmaßnahmen erhöhen kann, hat sie bewiesen. Sie braucht allerdings auch die Fähigkeit, wieder abrüsten zu können. Die Entwicklung kann nicht immer nur in eine Richtung gehen. Es ist nicht so, als würde dieses Land ständig durch Anschläge erschüttert. Und erst recht ist Augsburg keine Stadt, in der man groß Angst um die eigene Sicherheit haben muss. Eine Restgefahr für Anschläge bleibt immer. Die nächste Ausgabe der Sommernächte wäre, sollte sich die Sicherheitslage nicht zuspitzen, ein guter Anlass, die Präsenz an Polizisten und Sicherheitskräften mindestens mal nicht zu erhöhen – oder besser noch: sie zu reduzieren.

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09.09.2018

Mir hat dieser Kommentar sehr gut gefallen. Ich finde auch, dass es mit den Sicherheitsmaßnahmen übertrieben wird.

Es ist ein normaler Reflex, dass Verwaltungen vor allem erst einmal noch schuld sein wollen. Und sie handeln dann zu Lasten Dritter.

Mir ist es bis heute unverständlich, wie die Augsburger Sommernächte ein Minus-Geschäft sein können.

Die Sicherheits-Schraube sollte gelockert werden.

Danke für diese Anregungen!

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08.09.2018

Die Poller richten sich nicht gegen Fahrzeuge, sondern hauptsächlich gegen eine politische Diskussion nach einem Anschlag.

Und Poller sind politisch mehrheitsfähig; keine Bilder wie in Frankreich von Soldaten mit Schnellfeuergewehren.

Und genau aus diesem Grund wird in Deutschland weiter gepolltert - ist vielleicht unkontrollierte Migration die Mutter dieses Problems?

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