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Unikum

04.03.2017

So tickt der König von Augsburg

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2 Bilder
Er steht an vielen Punkten der Stadt und beobachtet Menschen. Der König von Augsburg ist in seiner ganz eigenen Mission seit rund 24 Jahren in der Fuggerstadt unterwegs. Oft positioniert er sich auch vor der mächtigen Eingangstür zum Rathaus. Man darf ihn durchaus ansprechen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Er ist für viele Einheimische eine Art Kultfigur. Dabei hatte Gerhard Hermanutz nie beschlossen, ein „Monarch“ zu werden. Warum er sich immer mehr in dieser Rolle sah und wie der 64-Jährige in der Fuggerstadt lebt

Schon anfangs bei der Begrüßung droht das Ende der Begegnung. Das „Grüß Gott Herr Hermanutz“, will der König von Augsburg partout nicht hören. Er will mit „König“ angesprochen werden. „Normalerweise würde ich jetzt die Straßenseite wechseln“, verkündet der selbsterklärte Monarch etwas streng. Kann er aber nicht. Schließlich hat er zum Gespräch in seine Wohnung eingeladen.

Normalerweise läuft der König durch Augsburg oder steht an ausgesuchten Plätzen herum. Das macht er seit 24 Jahren. Viele Augsburger kennen ihn. Der König gehört längst zur Stadt. Den Mann mit dem grauen Rauschebart und dem meist freundlichen Gesicht sieht man etwa vor dem Rathaus, in der City-Galerie oder sonst irgendwo in der Stadt. Meistens steht er einfach nur da und beobachtet die Menschen. Jetzt gerade sitzt er auf seinem Bett in seiner kleinen Einzimmerwohnung. Die Einrichtung ist mehr als karg. Aus Obstkisten, Brettern und Stühlen hat er sich ein Bettgestell, einen Tisch und Regale gebaut. „Es ist nicht gerade standesgemäß“, bemerkt er. Es ist frisch, das große Fenster in dem Zimmer steht offen, der kleine Ofen ist ausgeschaltet. Gerhard Hermanutz, so sein richtiger Name, mag Frischluft. Und Ordnung.

Er entschuldigt sich, dass er es nicht mehr rechtzeitig geschafft hat, die vielen zusammengeknüllten Bollen aus Zeitungspapier aufzuräumen. Sie liegen auf dem Boden vor dem Regal mit den zahlreichen Schuhen. Vorwiegend Sneaker. Der König läuft jeden Tag viel. Mit den Zeitungsbollen stopft er die Schuhe aus. „Oder ich mache daraus Einlagen. Zamwurschteln und platttreten.“ Zum Aufräumen also kam er nicht mehr, weil er heute so viel zu tun hatte. „Ich war auf der Umlaufbahn der Evakuierungszone unterwegs“, erklärt er. „Das mache ich seit Weihnachten jeden zweiten Tag und jeden Sonntag, um die Erinnerung an die Bombenentschärfung und Evakuierung hochzuhalten.“

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Hermanutz hat seinen eigenen, speziellen Tagesablauf. Ohne Frühstück verlässt er schon frühmorgens seine Wohnung. Gegessen wird am Nachmittag, wenn er heimkommt. „Heute waren es drei Äpfel, fünf Walnüsse, Haferflocken mit Rosinen und ein Sojadrink.“ Morgen sei wieder sein Einkaufstag. „Dann hole ich mir Kartoffeln und lege sie zum Durchbraten auf den Ofen.“ Er sagt, er lebe sehr gesund. Auch weil er so viel auf den Beinen ist. Das Sitzen mag er nicht.

Der 64-Jährige steht seit einigen Jahren unter Betreuung. Doch darüber spricht er nicht gerne. Mit seiner Betreuerin habe er weitgehend die Übereinkunft, dass sie ihn machen lässt, sagt er. Er lebt nach keinen Gesellschaftsregeln, er stellt seine eigenen auf. Der König unterteilt etwa die Wochen in Farben und kleidet sich danach. Jetzt gerade befindet er sich in der blauen Woche. Neulich habe er die neue Farbe Altlila eingeführt. Schließlich gebe es auch Altrosa. „An geraden Tagen trage ich in der nächsten Lila-Woche Altlila.“ Der König ist strukturiert, auch wenn man seine Struktur nicht verstehen muss. Er war aber nicht immer König von Augsburg. Der gebürtige Saulgauer (Baden-Württemberg) wuchs bei seiner Mutter auf. Die Eltern waren getrennt. Seine Mutter betrieb eine Zeit lang eine Bäckerei. „Ich habe mit zwölf Jahren nach der Schule Brot verkauft.“ Gemeinsam wechselten Mutter und Sohn einige Male den Wohnort. Hermanutz glaubt, dass deshalb eine gewisse Unruhe in ihm steckt. 1981 kam er nach Augsburg. Bei MAN-Roland arbeitete er kurzzeitig als Sachbearbeiter für Öffentlichkeitsarbeit. Es folgten mehrere Jobs, auch in München.

Der König von Augsburg war Altenpfleger, Bademeister, Paketausträger und Kraftfahrer. Nichts war von langer Dauer. Bis auf seine „Regentschaft“. Hermanutz sieht sich nicht als Aussteiger. „Den Begriff Aussteigen kritisiere ich scharf.“ Dazu hätte er erst irgendwo dazugehören müssen, sagt der Mann, der viel nachzudenken scheint und seine Worte mit Bedacht wählt. „Ich bin aber nirgends aufgenommen worden. Ich bin eher der Rausgefallene“, formuliert er es. Er hatte nie beschlossen, König zu werden. „Das war eine Entwicklung.“ Sie begann auf einem Rastplatz irgendwo in Deutschland im Jahr 1992.

Hermanutz war zu der Zeit auf Wanderung durch die Republik. Und weil er ein Mensch ist, der viel nachdenkt, stieg in ihm damals die Frage auf, welchen Schmuck er eigentlich tragen könnte. „Ich kaufte mir Goldpapier, setzte mich auf einen Rastplatz und bastelte mir eine Krone.“ Weitere Kronen folgten. Hermanutz entwickelte dazu seine außergewöhnliche Kleidung. „Nachdem ich die Krone in Augsburg alleine trug und mir das niemand nachmachte, musste ich wohl der König sein.“ Bald wurde er von den Augsburgern tatsächlich König genannt. Die Kronen sind schon lange kaputt oder verschwunden. Er ist ohne unterwegs. Einmal König, immer König.

Der Mann mit dem leichten schwäbischen Dialekt sagt, er habe einen Traumberuf. Seine Arbeit ist das Herumlaufen durch die Stadt. Der König von Augsburg lässt sich beispielsweise gerne im Verwaltungsgebäude an der Blauen Kappe sehen. Dort schreitet er dann durch die Gänge. „Ich tue so, als ob ich dazugehöre.“ Auch der Rundgang dort hat für ihn einen Grund. Hermanutz hatte, wie er erzählt, einst einen Bußgeldbescheid bekommen, weil er nackt zwischen Auen- und Kuhsee unterwegs war. „Ich hatte am Auensee nackt gebadet. Danach trug ich die Kleider als Bündel auf dem Kopf und marschierte am Damm entlang in Richtung Kuhsee.“ Es sei ein herrlicher Sommertag gewesen. „Am Kuhsee war aber eine Laufveranstaltung mit vielen Menschen. Dann gab es Ärger.“ Das Bußgeld habe er sofort gezahlt. Er nennt es „Vergnügungssteuer.“ Und seitdem hält er sich eben gerne in den Gängen des Amtes auf. Der König von Augsburg will mit seinem Herumstehen immer etwas ausdrücken. Man muss es nicht verstehen. Er tut es. „Ich bin nicht arbeitsscheu“, betont er. Auf die Frage, ob er in Augsburg einen Lieblingsplatz habe, überlegt Hermanutz kurz. Das hänge immer von Begegnungen ab.

Für viele ist der König von Augsburg eine Kultfigur. Es werden Selfies mit ihm gemacht, Autofahrer hupen, winken ihm zu. T-Shirts mit seinem Konterfei gab es auch schon. Ein junger Augsburger hat vor etlichen Jahren eine Fanseite auf Facebook für ihn eingerichtet. Knapp 17500 Menschen haben sie abonniert. „Es lebe der König“ oder „Augsburg, die einzige Stadt mit eigenem König“ lauten die Kommentare dort. Hermanutz selbst hat keinen Fernseher, Telefon, geschweige denn einen Computer. Oftmals bekommt er den Satz zu hören: „Sie gehören einfach zu Augsburg.“ Dann fühlt er sich geschmeichelt. „Dabei sehe ich mich manchmal als den Unzugehörigsten. Aber vielleicht muss das aus Berufsgründen so sein“, sinniert er. „Es ist das Schicksal des Königs. Er gehört allen, aber trotzdem niemandem.“

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