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Augsburg

12.02.2016

Was macht Raser zu Rasern? Eine Expertin klärt auf

Es gibt mehrere Gruppen von Rasern: Gehetzte Geschäftsleute oder Paketboten zum Beispiel.
Bild: Mathias Wild (Symbolbild)

Ein junger Mann war mit 165 Stundenkilometern in Augsburg unterwegs. Was steckt hinter der Lust, Grenzen derart zu überschreiten? Verkehrstherapeutin Sabine Keinath klärt auf.

Ein junger Mann war mit 165 Stundenkilometern in der Stadt Augsburg unterwegs. Was steckt hinter der Lust, Grenzen derart zu überschreiten? Verkehrstherapeutin Sabine Keinath klärt auf.

Ein 25-Jähriger wird mit 165 Stundenkilometern auf der Friedberger Straße erwischt. Was sagen Sie als Verkehrstherapeutin dazu?

Sabine Keinath: Es gibt viele Raser, aber so eine hohe Geschwindigkeitsüberschreitung innerorts ist selten. Die meisten Leute kommen in unsere Vorbereitungskurse für die Medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) wegen Alkohol, Drogen, hohen Punktestands in Flensburg oder Aggressionen.

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Was bringt jemanden zum Rasen?

Sabine Keinath: Die Wissenschaft sagt, dass das Gefahrenbewusstsein erst im frühen Erwachsenenalter ausgeprägt wird. Aber dieser Mann war 25. Es gibt die Gruppe jüngerer Männer, die durch schnelles Fahren und getunte Autos auffallen. Das kann Kompensation sein, um Erfolg und Selbstbestimmtheit zu zeigen.

Was Beratungen den Verkehrssündern bringen

Wie wirkt man auf Leute ein, die sich so unvernünftig verhalten?

Sabine Keinath: Jeder hat Automatismen. Es geht darum, Verhalten zu verändern, nicht nur beim Autofahren, sondern auch in anderen Bereichen. Beispiel Grenzen überschreiten: Grille ich auf dem Balkon, wann ich will, oder erkundige ich mich erst, was erlaubt ist? Beispiel Aggressionen: Ich laufe erst zweimal um den Block, bevor ich losfahre, wenn ich mich gerade gestritten habe.

Ein hohes Ziel! Wie erreicht man das im Rahmen einer MPU-Vorbereitung?

Sabine Keinath: Es ist tatsächlich hoch gesteckt. Es gibt einen sechsstündigen Gruppenkurs zur Wissensvermittlung. Wichtig sind aber die individuellen Einzelberatungen. Denn es spielt immer die Lebensgeschichte hinein. Zum Beispiel bei einer Frau, die seit langem Eheprobleme hat, immer mehr trinkt und schließlich unter Alkoholeinfluss Auto fährt. Oder, um auf das Thema Geschwindigkeit zu kommen: Grenzen erfährt man oft in der Kindheit. Vielleicht wurden sie nicht gesetzt und jetzt tut man sich schwer, sie einzuhalten.

Welche Strafe schreckt bei Geschwindigkeitsübertretungen ab?

Hört sich so an, als ob die MPU-Vorbereitung das Leben umkrempeln kann. Wie lange dauert das?

Sabine Keinath: Tatsächlich sagen 70 bis 80 Prozent unserer Klienten: Gut, dass es so gelaufen ist. Wer weiß, wo ich sonst jetzt stehen würde. Die Dauer ist unterschiedlich. Bei Alkohol und Drogen – der Großteil der Fälle – kann es bis zu einem Jahr dauern, weil Abstinenztests erbracht werden müssen. Bei verhaltensbedingten Fällen geht es schneller; dabei lässt sich Verhalten nur sehr langsam ändern.

Der Augsburger muss zwei Monate den Führerschein abgeben und 1360 Euro Strafe zahlen. In anderen Ländern gibt es härtere Regeln, etwa Gefängnis. Ist das abschreckender?

Sabine Keinath: Das ist schwer zu sagen. Die Regel „null Promille oder Gefängnis“ schreckt bei Alkohol sicher viele ab. Aber Deutschland ist ein Land der Selbstverantwortung. Da sind wir dann auch in der Pflicht, auf andere zuzugehen, wenn sie getrunken haben und fahren wollen.

So behandeln Fahrschulen das Thema

Wie macht man das in der Fahrschule zum Thema?

Sabine Keinath: Im Theorie-Block sind Alkohol, Drogen und Gefühle Thema. Über Gefühle zu reden, ist allerdings nicht gerade beliebt bei jungen Leuten. Und es gibt inzwischen gute Möglichkeiten, Gefahren zu visualisieren. Zum Beispiel, was passiert, wenn ich 50 statt 30 fahre und bremsen muss. Und wir sagen: Stell dir vor, ein Freund von dir stirbt, weil jemand zu schnell gefahren ist... Das bringt zum Nachdenken.

Viele sagen, es wird immer schlimmer mit der Jugend...

Sabine Keinath: Das Bewusstsein beim Thema Alkohol und Fahren hat sich verändert. Die jungen Menschen sind sensibler geworden. Die Mädchen steigen auch nicht mehr so schnell bei jemandem ein, der getrunken hat. Das ist nicht mehr so cool wie früher.

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Die Diskussion ist geschlossen.

14.02.2016

Natürlich passt eine Anttwort nicht in diue Therapeutenwelt (deswegen fehlt sie auch): man fährt einfach gerne schnell. Da muß man nix kompensieren, gar nichts.

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13.02.2016

»Es geht darum, Verhalten zu verändern, nicht nur beim Autofahren, sondern auch in anderen Bereichen.«

Worauf hier noch zu wenig eingegangen wird, sind die völlig alltäglichen Automatismen, die dann hinterher, im Gespräch, irgendwie versucht werden, zu rationalisieren oder zu verteidigen. Tempolimit + MwSt., das scheint die gängige Parole zu sein, zumindest für einen nicht unerheblichen Teil der Kraftfahrerschaft. Wer schon mal versucht hat, einen Monat lang stur die Tempolimits einzuhalten, wird es sehr schnell bemerken: Man wird recht offen dafür angefeindet. Es scheint »normal« zu sein, zu schnell zu fahren. Ein angewöhnter Automatismus, der vielen schon gar nicht mehr bewusst zu sein scheint. Es geht hier eben auch um Verantwortungsbewusstsein. Und dieses wird, meiner Einschätzung nach, heute so nicht mehr vermittelt, bzw. eingefordert. Der Umstand, dass man mit einem Auto mühelos Leute umbringen kann, z. B. durch überhöhte Geschwindigkeit, ist zwar allen irgendwo bekannt, aber wird von immer noch viel zu vielen entweder aktiv verdrängt, oder war nie wirklich Thema. Und warum sollten sie sich denn auch damit auseinandersetzen? »Mich trifft das schon nicht!« und die gesellschaftliche Bagatellisierung wirken da ganz problematisch zusammen. Insofern finde ich das eine bemerkenswerte Vorgehensweise:

»Stell dir vor, ein Freund von dir stirbt, weil jemand zu schnell gefahren ist...«

Das kann man z. B. auch so formulieren: »Du hast Angst deine Kinder auf die Straße zu lassen? Frag ich mal, woher das eigentlich kommt...« Und dann müsste man sich eben der unangenehmen Wahrheit stellen, dass man mit so einem Verkehrsverhalten Teil genau des Problems ist, vor dem man andere und sich selbst geschützt sehen will. Der erste Schritt in die Richtung wäre dann natürlich das Ändern des eigenen Verhaltens. Aber siehe oben: Lieber bagatellisiert man das. Die Hängematte der Ignoranz kann so schön sein.

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