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Was würde ein 365-Euro-Abo im Augsburger Nahverkehr bringen?

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Kommentar Von Stefan Krog
15.09.2019

Nahverkehrstarife werden ein beherrschendes Thema im Kommunalwahlkampf werden. Das Vorbild ist Wien, doch man darf sich die Rechnung nicht zu einfach machen.

Wenn es ums Thema Nahverkehr geht, dann spielt die Zahl 365 momentan eine große Rolle: Die SPD-Bundestagsfraktion fordert die Bezuschussung von 365-Euro-Tickets, in der Augsburger Kommunalpolitik haben sich SPD und Grüne ebenfalls für ein solches Ticket ohne Zeiteinschränkung (aktuell gilt eine Sperrzeit von 9 Uhr auf das Sparabo) ausgesprochen. Die CSU sieht das Angebot kritischer und will erst einmal Experten befragen. Augsburgs Nachbarstadt Gersthofen will zum Jahreswechsel hingegen ein 365-Euro-Ticket für die eigenen Bürger aus dem städtischen Haushalt bezuschussen.

Das Thema hat nach dem Rumoren bei der Tarifreform und angesichts der Debatten um Stickoxid und Klimaschutz das Zeug zum Wahlkampfschlager. Bus und Tram für einen Euro pro Tag nutzen zu können, ist eine plastische Forderung. Und es würde sie zunächst wohl jeder gutheißen – zumindest von denen, die den Nahverkehr ohnehin nutzen.

Für eine Gruppe ist das Abo ein Geschenk

Für diese Gruppe ist ein 365-Euro-Ticket schlicht und ergreifend ein Wahlgeschenk, das dafür sorgt, dass sie dem Nahverkehr treu bleibt. Statt der gut 30 Euro pro Monat im Fall eines 365-Euro-Tickets kostet ein Abo für den Innenraum (Zonen 10 und 20) aktuell 52,50 Euro pro Monat.

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Verkehrs- und umweltpolitisch ist die entscheidende Frage, ob sich durch ein solches Ticket die Fahrgastzahlen in Augsburg (aktuell fahren pro Jahr rund 62,4 Millionen Fahrgäste bei den Stadtwerken) steigern ließen. Die Frage, ob einen ein solches Angebot zum Umstieg bewegen würde, kann sich jeder Nichtabonnent selbst stellen. Zum Nachrechnen: Bei einem aktuellen Einzelfahrpreis von drei Euro rechnet sich ein 365-Euro-Abo ab zehn Fahrten pro Monat.

Und genau genommen darf diese Steigerung nur zulasten des Autoverkehrs gehen – wer mit Bus und Tram fährt, statt zu Fuß zu gehen oder zu radeln, verhält sich sogar etwas umweltschädlicher als vorher.

Die von den Stadtwerken zum Jahreswechsel geplante City-Zone mit Gratis-Nahverkehr in der Kern-Innenstadt könnte übrigens genau dazu führen – etwaige Fahrgastmehrungen werden nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass so mancher nicht mehr vom Bahnhof zum Königsplatz läuft, sondern halt die bequeme Straßenbahn nimmt. Sie kostet ja nichts. Ob der Innenstadt-Parksuchverkehr von Autos durch dieses Angebot vermindert wird und ob der Innenstadthandel profitiert, was die offizielle Begründung ist, bleibt abzuwarten. Vor allem dient die Cityzone wohl dazu, Härten der Tarifreform für Gelegenheitsfahrgäste auszugleichen.

Doch zurück zum 365-Euro-Ticket: Wien, das als europaweites Vorbild dient, hat seit 2012 eine steile Entwicklung bei Abos hingelegt. Der öffentliche Nahverkehr hat dort einen Anteil von 39 Prozent am Verkehr (in Augsburg sind es 16 Prozent), allerdings war der Anteil schon vor Einführung des 365-Euro-Tickets überdurchschnittlich hoch. Es gehört auch zur Wahrheit, dass die Bevölkerung der Stadt in diesem Zeitraum wuchs und dass Wien die Nahverkehrsinfrastruktur ausbaute. Und flankierend wurden die Parkgebühren erhöht – nur im Zusammenspiel all dieser Faktoren kam es zu der Fahrgaststeigerung.

Augsburg braucht eine Verkehrspolitik aus einem Guss

Auch dem Augsburger Verkehrs- und Tarifverbund merkt man an, dass es eine Verkehrspolitik „aus einem Guss“ braucht, wenn man ein 365-Euro-Ticket haben will. Grundsätzlich sei eine Tarifsenkung alleine aber nie der große Wurf – wer mehr Fahrgäste wolle, müsse das Angebot ausweiten, sagen Experten.

Was die Takthäufigkeit und Haltestellendichte betrifft, ist im Stadtgebiet aber nicht viel Luft nach oben. Zu Randzeiten könnte das Angebot besser sein, aber ehrlicherweise wird man spätabends nicht die Massen transportieren. Eher dürften neue Linien wie die Verlängerung der 3er oder der Neubau der 5er für mehr Fahrgäste sorgen. Und auch der Ansatz der Stadtwerke, Bus, Tram, Leihrad und Carsharing aus einer Hand zum künftigen Flatrate-Preis anzubieten, ist spannend. Sollte es beim anvisierten Preis von etwa 70 Euro pro Monat bleiben, ist das im November startende Angebot durchaus attraktiv.

Zu glauben, dass man mit einem 365-Euro-Ticket schlagartig riesige Fahrgastzuwächse bekommt, ist also zu einfach. Und abgesehen davon, dass ein solches Ticket im gesamten Verkehrsverbund befürwortet werden müsste, wäre zu klären, wer die Mindereinnahmen von etwa zwölf Millionen Euro aufs AVV-Gebiet umgerechnet trägt.

Das 365-Euro-Ticket kann ein Bestandteil dabei sein, mehr Fahrgäste zu gewinnen, aber wer es befürwortet, muss auch Wege aufzeigen, wie es finanziert werden soll. Ohne Zuschüsse aus Steuergeldern – egal ob von Land, Stadt und Landkreisen – würde es nicht gehen. Das wird schwierig, doch gleichzeitig standen die Chancen angesichts der laufenden Umweltdiskussionen noch nie so gut.

Lesen Sie dazu auch: 

City-Zone: So funktioniert der kostenlose Innenstadt-Nahverkehr in Augsburg

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Die Kurzstreckenzone für Bus und Tram kommt nicht überall gut an  

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17.09.2019

Leider ergehen sich unsere Regierung und die sie tragenden Parteien immer wieder in symbolischer Politik. Ein 365-Euro-Ticket klingt griffig und ist einfach zu postulieren. Eine echte, wirksame Verkehrswende herbeizuführen ist viel komplexer und schwieriger. Da traut sich aber anscheinend keiner ran.

Was sollen ein billigerer ÖPNV oder Preissenkungen bei der Bahn bringen, wenn sie für viele Pendler einfach keine Alternative sind? Überfüllte Bahnen im Berufsverkehr, unpünktliche bzw. ausfallende Züge bei der Bahn, und in der Fläche zum Teil schlicht gar kein Angebot – bei meinen Eltern auf dem Dorf fährt zwei mal am Tag ein Bus…

Also bitte, liebe Politiker, Hausaufgaben machen, und zwar in der richtigen Reihenfolge! So schnell wie möglich Alternativen zum Auto schaffen: Takte verdichten, Angebote verbessern, rollendes Material verstärken und modernisieren, Personal ausbauen, Digitalisierung nutzen – damit Ausfälle minimiert, Sauberkeit und Service gewährleistet sind. Park&Ride-Angebote am Stadtrand ausbauen und Gebühren mit ÖPNV-Abo kombinieren. Und dann parallel zum steigenden Angebot die wirtschaftliche Attraktivität verbessern bzw. die klima- und umweltschädlicheren Varianten verteuern (CO2-Steuer bzw. -Zertifikate). Alles andere erzeugt Chaos und Frust.

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15.09.2019

Zum Nachrechnen: Bei einem aktuellen Einzelfahrpreis von drei Euro rechnet sich ein 365-Euro-Abo ab zehn Fahrten pro Monat.

ist das nachgerechnet? im einzelfahrpreis ist doch die rückfahrt nicht enthalten, oder herr krog? somit guter sinnfreier kommentar.

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15.09.2019

Wenn man von Wien lernen will, dann sollte man zuerst das Angebot verbessern (dichterer Takt, neue Linien) und dann die Preise massiv senken. Auch muss das Auto fahren teurer werden (Parkgebühren). Nur so gelingt es, mehr Leute zum Umsteigen zu bewegen.

Der Takt lässt sich durchaus noch verdichten. Wir haben derzeit ab 8 Uhr 7,5-Minuten-Takt am Vormittag. Busse fahren am Samstag und abends teils nur alle 20 oder sogar alle 30 Minuten.

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15.09.2019

Ein 365 Euro Jahresticket ist in einer Flächenmäßig "kleinen" Großstadt wie Augsburg keine Lösung. Der Pendler- und Gelegenheitsverkehr (Auto) aus dem Umland muss verringert werden. Entweder durch großzügige, kostenpflichtigen Parkflächen an den Endstationen am Stadtrand, die dann für Monats-Karteninhaber kostenlos wären und für Gelegenheitsfahrer mit einer Parkpauschale von etwa € 5/Tag incl. max. 5 Fahrgästen kostenlos den innerstädtischen Nahverkehr (Zonen 10 + 20) mit einem Tagesticket nutzen könnten. Oder/und man verringert auch die Kosten für die weiteren Zonen (30 +...) dementsprechend. Allerdings muss man dann auch die Parkmöglichkeiten im Umland an den Bahnhöfen sehr stark erweitern. Der momentane Hype um dieses 365 Euro Ticket ist Augenwischerei und nicht durchdacht.

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15.09.2019

Die Frage der Finanzierbarkeit der Theatersanierung wurde nie gestellt. Warum?
Würde man hier die Nutznießer zur Kasse bitten, wäre auch Klimaschutz finanzierbar.

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15.09.2019

>> Vor allem dient die Cityzone wohl dazu, Härten der Tarifreform für Gelegenheitsfahrgäste auszugleichen. <<

Das ist der Punkt und man sollte hier einen Haken dahinter setzen und sich weiteres Polit-blabla dazu ersparen.

>> Was die Takthäufigkeit und Haltestellendichte betrifft, ist im Stadtgebiet aber nicht viel Luft nach oben. <<

Die Themen in Augsburg sind:

sehr schwache Querverbindungen - die Rache des Zentralknoten Königsplatz
langsamer Busverkehr durch viel Stau und hohen 30er Zonen Anteil
Reisezeiten - Langsamverkehr durch die Innenstadt in Ost-West Richtung
Ausdünnung des Takt 5 der Tram am Vormittag
Fehlende Klimaanlagen bei der Tram - ÖPNV im Sommer ist eine Qual

An diesen Schwachpunkten wird sich trotz Mobilitätsdreh-blabla und riesigen Investitionen auf Sicht nichts ändern.

Für Menschen in Arbeit und mit Familie ist Zeit ein ganz wichtiger Faktor; mancher kann sein Leben den Gegebenheiten anpassen, die Lage seiner Wohnung passend legen, sich kurze Wege mit Fahrrad erarbeiten. Aber das kann nicht jeder.



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15.09.2019

Lieber Herr Korg,
Sie wollen auch alles beim Alten lassen und gehören zu den Ewiggestrigen.
Der ÖPNV ist scheinbar der größte Gegner der Autofahrer und soll nicht so gefördert werden, wie es die aktuelle Umweltsituation jetzt und in der Zukunft fordert.
Am besten gefällt mir in Ihrem Kommentar folgender Absatz:
"wer mit Bus und Tram fährt, statt zu Fuß zu gehen oder zu radeln, verhält sich sogar etwas umweltschädlicher als vorher"
Umweltschädlicher wie der Aufoverkehr in Augsburg?
Wen wollen Sie hier denn für dumm verkaufen?
Wenn ich in Augsburg unterwegs bin, sehe ich im Verhältnis zu den vielen Autos kaum Radfahrer und für länger Strecken kaum Fußgänger. Welcher Fußgänger ist für 2-3 Kilometer, mehr wie 20-30 Minuten unterwegs um sein Ziel zu erreichen?
Lieber Herr Korg, wir haben schon einen tollen Verkehrsminister mit scheuerlichen Ideen und jetzt noch Ihr Kommentar.
Gehören Sie auch dazu?

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15.09.2019

>>Wenn ich in Augsburg unterwegs bin, sehe ich im Verhältnis zu den vielen Autos kaum Radfahrer und für länger Strecken kaum Fußgänger. <<

Sie sind dann im Industriegebiet Lechhausen und nicht in Augsburg...

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15.09.2019

Leider nein: Ich bin in der Innenstadt und schaue mir das Verkehrsgeschehen aufmerksam und unbefangen an.

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