In der Apotheke, die ihren Namen mit der Tattenbachstraße teilt, gehen viele Stammkundinnen und -kunden ein und aus. Doch zuletzt sind auch einige neue Gesichter hinzugekommen: Menschen, die aus dem Augsburger Umland nach Haunstetten fahren. Das ist an sich keine Besonderheit, die Grenze zum Landkreis ist nah und fließend. Trotzdem sind es zuletzt mehr Kundinnen und Kunden von dort geworden – weil eine beliebte Apotheke in Königsbrunn, die Linden-Apotheke in der Augsburger Straße, dauerhaft geschlossen hat. "Das Aufkommen verlagert sich auf uns und alle, die übrig bleiben", sagt Marc Lindermeir, Leiter der Tattenbach Apotheke. Doch die, die übrig bleiben, werden in Augsburg weniger.
Die Zahl der Apotheken in Augsburg ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Wie die Bayerische Landesapothekerkammer auf Anfrage mitteilt, sank sie von 87 im Jahr 2002 auf 78 im Jahr 2012 auf derzeit 68 (Stand jeweils 31. Dezember). Das entspricht einem Rückgang um rund 22 Prozent – in einem Zeitraum, in dem die Stadt-Bevölkerung um rund 16 Prozent anwuchs.
Die Apotheken-Dichte in Augsburg liegt über dem Schnitt in Schwaben
Mit einer Dichte von knapp 23 Apotheken pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner bewegt sich Augsburg über dem Niveau in Deutschland (22 Filialen pro 100.000 Einwohner) und Schwaben (rund 19 pro 100.000). Und grundsätzlich, das betont Bernhard Koczian, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands (BAV) für Schwaben, ist Augsburg in der Abdeckung nicht unterversorgt. Dennoch mache sich "deutlich bemerkbar", dass in den vergangenen Jahren immer mehr Apotheken geschlossen hätten. Als Beispiele nennt Koczian etwa die West Apotheke in der Ulmer Straße, die St.-Georg-Apotheke auf dem Kreuz oder die Prinz-Apotheke in der Gärtnerstraße. Auch 2024 sei mit einem Rückgang zu rechnen. Dies betreffe "vor allem kleinere Apotheken, vor allem in den Stadtteilen und im direkten Umland".
Das hat Folgen. Apotheken sind gesetzlich verpflichtet, einen 24-Stunden-Notdienst anzubieten. In Augsburg werden dazu jeweils mehrere örtlich verstreute Filialen in eine Gruppe zusammengefasst, die auch in der Nacht eine flächendeckende Versorgung sicherstellen sollen. Da die Zahl der Apotheken zuletzt jedoch abgenommen hat, stehen auch weniger für diesen Notdienst-Pool zur Verfügung. Die Folge: "Wir werden den Kunden und Patienten bald zumuten müssen, teils deutlich längere Wege zu fahren", sagt Koczian. Stünden bislang pro Notdienst meist zwischen vier und sechs Apotheken zur Verfügung, werde man künftig wohl mit drei im ganzen Stadtgebiet rechnen müssen. Und drei seien "das absolute Minimum".
Blick hinter die Kulissen: So stellt die Herrenbach-Apotheke Medikamente her
Apotheken-Sterben? Zahl der Filialen in der Stadt sinkt seit Jahren
Dies verschärft wiederum andere Probleme. Denn immer mehr Notdienste - bislang gilt je Apotheke meist ein 24-Tages-Rhythmus - verkomplizieren auch die Personal-Suche. "Wir finden kaum noch Angestellte, die das mitmachen", sagt Marc Lindermeir von der Tattenbach Apotheke. "Die Leute wollen eine Work-Life-Balance - das ist mit 60 Stunden Arbeit pro Woche nicht vereinbar." Finanziell mache der Online-Handel, der sich Gemeinwohl-Pflichten wie dem Notdienst entziehen kann, den stationären Apotheken durch Preisdruck zunehmend zu schaffen. "Wir haben wirklich zu kämpfen", sagt Lindermeir.
Die Gründe für Schließungen sind vielfältig und oft individuell. So machte dem Vernehmen nach etwa der vergleichsweise großen West Apotheke die jahrelange Baustelle in der Ulmer Straße zu schaffen. Dadurch war sie vom Kundenstrom weitgehend abgeschnitten, teils zogen auch Ärzte um. Gerade die Nähe zu Praxen ist nach Einschätzung von Apotheker-Vertreter Koczian entscheidend für den Erfolg einzelner Filialen. Auch hier habe es Veränderungen gegeben: "Wir beobachten eine zunehmende Konzentration von Ärzten in Ärztehäusern und Medizinischen Versorgungszentren", sagt Koczian. Sie fehlten dadurch in der Fläche - "was den dort angesiedelten Apotheken den Garaus bedeuten kann." Schließlich verwiesen Praxen Patienten häufig an umliegende Apotheken.
Schließungen nehmen auch wegen Preisdruck zu - mit Folgen für Notdienst
Eine weitere, wenn auch kleinere Rolle spielen sogenannte "Discount-Apotheken" - also Apotheken größerer Ketten, die eher nach Supermärkten anmuten. Sie liegen vor allem in der Innenstadt, ihre Zahl in Augsburg ist nach Einschätzung von Koczian bislang überschaubar. Allerdings seien sie recht "preisaktiv", lockten also häufiger mit Aktions- oder Sonderpreisen. Das wiederum erhöhe den Druck "mindestens auf umliegende Apotheken". Da der Preis für verschreibungspflichtige Arzneimittel immer gleich sei, finde der "Wettbewerbskampf" insbesondere im nicht-verschreibungspflichtigen Bereich statt.
Um die Situation der Apotheken zu verbessern, auch mit Blick auf den akuten Medikamenten-Mangel, fordert Koczian von der Bundespolitik, "endlich eine ausreichende finanzielle Grundlage zu schaffen." Apotheken müssten der Allgemeinheit "mehr wert sein". Um dies zu verdeutlichen, bleiben bei einem Protesttag am Mittwoch, 14. Juni, viele Apotheken geschlossen - auch in Augsburg.