Augsburger Geschichte: Die Wunderlich-Sporthalle diente auch als Kulturtempel
Augsburger Geschichte
Die Wunderlich-Sporthalle diente auch als Kulturtempel
Das 1965 eröffnete Bauwerk lockte nicht nur die Sportler, sondern auch die Fans von Liedermachern und Comedians an. 2023 soll die Erhard-Wunderlich-Halle saniert werden.
Von Franz Häußler|
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Modell der architektonisch ungewöhnlichen Sporthalle aus dem Jahr 1963.Foto: Hochbauamt
Im Juni 1962 schrieb die Stadt Augsburg einen Ideen- und Preiswettbewerb für eine Sporthalle aus. Sie sollte für alle Hallensportarten geeignet sein und rund 3000 Zuschauerplätze bieten. Trainingsräume und eine Kegelbahn unter der Halle waren Vorgaben in der Ausschreibung. Der Stadtrat entschied sich am 18. März 1963 für den preisgünstigsten Entwurf. Eine Jury hatte ihn empfohlen. Architekten und Stadträte waren vom Modell beeindruckt. Das Hängedach schien jedoch derart ungewöhnlich, dass es Skepsis auslöste. Doch Statiker verhießen der Konstruktion eine Langzeit-Haltbarkeit.
Dach der Sporthalle besteht aus 1500 Betonplatten
60 Meter weit gespannte Stahlseile, wie sie für Seilbahnen verwendet werden, tragen das Dach. Es besteht aus rund 1500 vorgefertigten, 38 Millimeter starken Betonplatten. In der Mitte hängt das Dach etwa fünf Meter durch. Die beiden teilverglasten Hallen-Seitenwände sind dieser Form angepasst. An den Längsseiten bestimmen die 15 Meter hohen Beton-Tragepfeiler die Außenansicht. Auf jede der 18 Stützen wirken an der Spitze Zugkräfte von etwa 200.000 Kilo. Die Träger leiten die Lasten über die Tribünen auf die Kellerplatte ab.
Buchmesse von Antiquariaten am 4. März 2012 in der Sporthalle.Foto: Franz Häußler
Am 29. Oktober 1963 wurde der Grundstein gelegt, am 11. Dezember 1965 fand die Eröffnung mit dem Handball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich statt. Der Bau erfüllte nicht nur als Sporthalle eine wichtige Rolle, sondern auch im Kulturleben. Diese Doppelfunktion zeichnete sich bereits in der Bauzeit ab: Im Fasching 1963 wurde der Ludwigsbau gesperrt und 1965 gesprengt. Augsburgs traditionelles Kultur- und Event-Gebäude fehlte. Glücklicherweise stand ab Dezember 1965 die neue Sporthalle zur Verfügung.
Sporthalle entwickelte sich zum Multifunktionsbau
Die Halle mit ungewöhnlichem Ambiente entwickelte sich zum Multifunktionsbau für Veranstaltungen vom Tanzturnier bis zum Boxkampf, von der Eisrevue bis zum Musical. Die Tribünen zu beiden Seiten des 48 mal 26 Meter großen Spielfeldes sind für 3093 Zuschauer ausgelegt. Mit Bestuhlung der Bodenplatte reichte das Sitzplatzangebot für bis zu 4300 Besucher. Die Plätze waren auch nach der Eröffnung der Kongresshalle (1972) und der Schwabenhalle im Messezentrum (1987) oftmals belegt. Die Halle diente abwechselnd als Sporthalle und Kulturtempel.
2012 wurde die Tafel mit dem neuen Namen der Halle enthüllt.Foto: Franz Häußler
Der Belegungsplan im Jahr 1987: Udo Jürgens (22. Februar), Roger Whittaker (14. März), Münchner Freiheit (13. Mai), Peter Hofmann (30. November), Jennifer Rush (3. Dezember). Im Tanzsport waren die Kür der Standard-Weltmeisterschaft (21. Okober 1989) und die Europameisterschaft der Latein-Profis (31. März 1990) geboten. Das Stadtarchiv verwahrt Plakate für Auftritte von Liedermachern, Folkstars und Comedians: Reinhard Fendrich (2004), Michael Mittermeier (2004 und 2006), Mario Barth (2006), Dieter Nuhr (2008) sowie Joan Baez (2010).
2011 wurde das Dach der Erhard-Wunderlich-Halle saniert
Der eigentliche Zweck blieb der Sport, und zwar vornehmlich der Breitensport: Basketball, Handball, Hockey, Volleyball, Badminton, Fußball. Schulen und Sportvereine waren Dauernutzer, in den Kellern trainierten Judo- und Allkampf-Clubs sowie Bogenschützen. 2011 musste zwar die Dachfläche saniert werden, doch die Tragekonstruktion war intakt. Die Vielfachnutzung musste 2015 reduziert oder eingestellt werden, als eine Anpassung der Halle an aktuelle Sicherheitsstandards fällig war. Die zweite umfangreiche Stufe der Hallensanierung soll 2023 beginnen.
Plakat für „Im Weißen Rößl auf Eis“ im Jahr 1973 in der Sporthalle.Foto: Stadtarchiv
Die Arbeiten finden unter Beobachtung der Denkmalschützer statt, denn seit 2003 steht die Halle in der Denkmalliste. Das besondere Merkmal: "Seilträgerhängedach-Konstruktion zwischen antithetisch gestellten, überkragenden Tribünen". Ende 2012 bekam die Halle den Namen "Erhard-Wunderlich-Sporthalle". Die Stadt ehrte damit den 1956 in Augsburg geborenen 140-fachen Handball-Nationalspieler. Er war am 4. Oktober 2012 verstorben. Seit Anfang 2020 heißt die zur Halle führende Stichstraße "Erhard-Wunderlich-Allee".
Die Biografie von Erhard Wunderlich und seine sportliche Laufbahn waren jüngst Thema in der Augsburger Allgemeinen. Anlass waren sein zehnter Todestag und die Überführung seiner Urne von Gersthofen nach Bergisch-Gladbach.
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